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Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) Etablierte Behandlungsmaßnahmen von Spezialversorgern gefährdet

Seit 2018 ist in "pflegesensitiven" Bereichen von Kliniken eine Mindestpersonalausstattung vorgegeben. Mit den Pflegepersonaluntergrenzen (PpUG) soll die Qualität der Pflege verbessert und das Personal auf Station entlastet werden. Für die pflegesensitiven Bereiche ist das gut. Jedoch sind die PpUG in der aktuellen Fassung nicht für alle Bereiche zielführend.

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Etablierte Behandlungsmaßnahmen von Spezialversorgern gefährdet
Die PpUG in der aktuellen Fassung ist nicht für alle Bereiche zielführend, schreiben Veronika Diepolder und Ivonne Rammoser. Sie könnten die Behandlungskonzepte von Spezialversorgern gefährden. -

Per Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) hat das Bundesgesundheitsministerium Zahlen für Fachkräfte in "pflegesensitiven" Klinikbereichen festgesetzt. Die Abbildung (siehe "weitere Bilder" rechts) zeigt, in welchen Klinikbereichen welche Untergrenzen bei der Besetzung mit Pflegepersonal gelten. Dabei ist jeweils die Anzahl von zu Behandelnden im Verhältnis zu einer Pflegekraft festgelegt.

Dass die Vorgaben der PpUGV in der aktuellen Fassung nicht für alle Bereiche geeignet sind, zeigen die Beispiele der konservativen Akutversorgung der konservativen Akut-Orthopädie und Diabetologie.

Versorgungskonzepte bei Spezialversorgern gefährdet

Bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten in der konservativen Akut-Orthopädie stehen nicht-operative Therapieverfahren wie

  • die Physiotherapie bei multimodalen Komplexverfahren am Bewegungssystem (OPS 8-997) und
  • die Verabreichung einer Schmerzmedikation bei der multimodalen Schmerztherapie (OPS 8-918)

im Vordergrund. Mit dem konservativen Versorgungsangebot lassen sich rund 80 Prozent der drohenden Operationen an der Wirbelsäule verhindern und damit dem Gesundheitssystem Geld und den zu Behandelnden Leid ersparen (Kranemann & Haase 2012).

Die PpUGV 2021 vom 9. November 2020 sieht für den Bereich der Allgemeinen Chirurgie PpUG im Tagdienst von 10:1 und im Nachtdienst von 20:1 vor (PpUGV § 6 Abs. 1). Damit ist die maximale Anzahl von Patienten und Patientinnen pro Pflegefachkraft für die Chirurgie, zu der derzeit die konservative Akut-Orthopädie zählt, identisch, obwohl die Patientinnen und Patienten einen anderen Bedarf haben. Sie benötigen ein umfassendes Angebot an nicht-operativen Therapieverfahren, sind aber mobil und versorgen sich meist selbst. Ab 2022 wird es für die Orthopädie eigene PpUG geben. Die Versorgungsformen der operativen und konservativen Orthopädie, die grundlegend verschieden sind, müssen voneinander differenziert werden.

In der PpUGV 2021 vom 9. November 2020 werden alle akut-stationären Versorgungseinrichtungen im Bereich der Inneren Medizin und Kardiologie nach den gleichen Kriterien beurteilt. Die Verordnung sieht PpUG im Tagdienst von 10:1 und im Nachtdienst von 22:1 vor. Zu Behandelnde in der konservativen Diabetologie haben einen anderen Bedarf an Pflegepersonal wie Patientinnen und Patienten in den üblichen allgemeinen-internistischen Versorgungseinheiten. Für eine dauerhaft gute Blutzuckereinstellung benötigen sie ein spezialisiertes Team der Fachärzteschaft und qualifizierten Diabetes- sowie Ernährungsberatung. Eine differenzierte PpUG-Vorgabe ist also auch hier angezeigt. Ansonsten sind die gut etablierten Versorgungskonzepte gefährdet.

Fachkräftemangel, Personalverschiebungen und zusätzliche Bürokratie

Die PpUG verschärfen den ohnehin eklatanten Fachkräftemangel. Annähernd jede Klinik beklagt vakante Pflegestellen, die wegen fehlendem Personal auf dem Arbeitsmarkt nicht zu besetzen sind. Um die Untergrenzen einhalten zu können, werden Pflegekräfte in Bereichen eingesetzt, in denen sie pflegerisch gesehen nicht notwendig sind. Die PpUG führen so zu einem Mehrbedarf an Fachkräften. Es werden unnötig Kosten produziert, da die Pflegekosten seit Rückkehr zur Selbstkostendeckung in der Pflege (Pflegebudget) voll refinanziert werden. Die Fachkräfte fehlen durch die Personalverschiebungen dann an Stellen, wo sie dringend benötigt werden. Dies gefährdet die Versorgung in den nicht in der Verordnung definierten "pflegesensitiven" Bereichen. Der Einsatz und die Planung des Pflegepersonals mittels geeignetem Verfahren zur Ermittlung des Pflege- und Personalbedarfs ist ebenso überfällig wie die Überarbeitung des Systems der PpUG. So sind die PpUG für die Stations- und Pflegedienstleitungen nicht nur mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden, sondern sie erschweren auch die Dienstplanung: Der Anteil an Pflegehilfskräften, gemessen an der erforderlichen Gesamtzahl der Pflegefachkräfte, wird z.B. nur mit zehn Prozent berücksichtigt (PpUGV § 6 Abs. 2). Somit fließt die geleistete Arbeit der Pflegehilfskräfte, die anteilsmäßig über zehn Prozent liegt, nicht in die Berechnung zur Erfüllung der PpUGV ein. Stationshilfen finden keine Beachtung. Ein Personal-Skill-Mix mit Aufgabenverteilung nach Qualifikation ist nicht mehr möglich. Laut einer Online-Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) von 2020 werden in vielen Kliniken bereits pflegeferne Aufgaben des Servicepersonals an Pflegefachpersonal zurückverlagert. Ferner bewerten zwei Drittel der Befragten die PpUG wegen der Bürokratie als "keinesfalls hilfreich".

Lösung

Der Mangel an Fachkräften ist allgegenwärtig. Um Menschen weiterhin auf hohem qualitativen Niveau versorgen zu können, müssen die zur Verfügung stehenden Fachkräfte in den für die Patient:innen notwendigen Bereichen eingesetzt werden können.

Bisher wird eine Fachabteilung alleine mit ihrem Fachabteilungsschlüssel als pflegesensitiv eingestuft. Wir fordern die Änderung des § 3 Abs. 2 PpUG. Eine Fachabteilung ist nur dann als pflegesensitiv einzustufen, wenn innerhalb der Fachabteilung eine Mindestgröße der Fälle in die jeweiligen Indikatoren-DRGs einzugruppieren ist (analog § 3 Abs. 2 PpUG). Aus der Liste der Indikatoren-DRGs (Anlage zu § 3 Abs. 1 der PpUG) sind im Bereich "Allgemeine Chirurgie, zukünftige Orthopädie und Innere Medizin" die konservativ behandelbaren DGRs (K60E, K60F, K62C) zu streichen (Tab.). So können die Versorgungsmodelle in speziellen Bereichen erhalten bleiben.

Kontakt zu den Autorinnen:
Veronika Diepolder, Prokuristin, Mitglied Zentrale Geschäftsleitung, m&i-Klinikgruppe Enzensberg, Kontakt: vroni.diepolder@enzensberg.de 

Ivonne Rammoser, Leitung Marketing & Kommunikation, m&i-Klinikgruppe Enzensberg, Kontakt: ivonne.rammoser@enzensberg.de 

Literatur

  • Aiken L.H. et al. (2014) Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. Online: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(13)62631-8/fulltext [abgerufen am 21.04.2021].
  • Bundesverband Deutscher Privatkliniken (2021) Pflegepersonaluntergrenzen – gut gemeint, aber unbrauchbar. Online: https://www.klinik-fakten.de/faktencheck/artikel/pflegepersonaluntergrenzen-gut-gemeint-aber-unbrauchbar [Stand: 16.07.2021].
  • Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (2021) Verordnung zur Festlegung von Pflegepersonaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereichen in Krankenhäusern für das Jahr 2021: Online: https://www.gesetze-im-internet.de/ppugv_2021/ [abgerufen am 12.04.2021].
  • Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) (2020) Ziel erreicht? Ergebnisse einer Online-Umfrage zu Effekten der Pflegepersonaluntergrenzen im Krankenhaus. Online: https://www.dbfk.de/de/presse/meldungen/2020/Pflegepersonaluntergrenzen-Gut-gemeint-bislang-schlecht-gemacht.php [abgerufen am 21.04.2021].
  • Deutsches Krankenhausinstitut (DKI) (2020) Krankenhaus Barometer 2020. Online: https://www.dki.de/barometer/krankenhaus-barometer [abgerufen am 12.04.2021].
  • Griffiths P., Maruotti A., Recio Saucedo A. On behalf of Missed Care Study Group et al. (2019) Nurse staffing, nursing assistants and hospital mortality: retrospective longitudinal cohort study. BMJ Quality & Safety 2019;28:609-617.
  • InEK (2021) Fallpauschalen-Katalog 2021. Online: https://www.g-drg.de/aG-DRG-System_2021/Fallpauschalen-Katalog/Fallpauschalen-Katalog_2021 [abgerufen am 19.74.2021
  • Kranemann Ch. & Haase I. (2012) Konservativ-orthopädische Behandlung von akuten Rückenschmerzen erweist sich als nachhaltig. Orthopäei-Technik 2012;11:26-28.


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