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Der Europäische Gesundheitskongress 2019 in München "Österreich ist zwei Schritte voraus"

„Faszination Gesundheitswesen: Auch für die nächste Generation!“ lautete das Motto des 18. Europäischen Gesundheitskongresses, der vom 26. bis 27. September im Münchner Hotel Hilton am Tucherpark stattfand. Die Landeshauptstadt war für zwei Tage das Zentrum der Gesundheitspolitik des gesamten deutschsprachigen Raums.

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Der Europäische Gesundheitskongress war auch dieses Jahr wieder die Plattform für brisante Themen: ob Klinikfusion, die qualitätsorientierte Krankenhausplanung, Campuskonzepte, Mangel an Pflegekräften, Pflegeausbildung oder Gewalt in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen –  nahezu jedes streitbare Thema wurde diskutiert. Diese Gelegenheit nutzten viele der über 1.000 Kongressbesucher, um sich in einem so selten konzentrierten Forum von Fachleuten aus Medizin, Gesundheitswirtschaft oder Gesundheitspolitik über Zukunftsfragen des Gesundheitswesens auszutauschen.

Attraktivere Arbeitsbedingungen durch Digitalisierung

Wohl das beherrschende Thema des Kongresses war die Digitalisierung im Gesundheitswesen, das bereits in den Vorträgen der Eröffnungsveranstaltung ausführlich zur Sprache kam. Melanie Huml, bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, betonte in ihrem Grußwort, dass der Schlüssel zur Gestaltung eines zukunftsfähigen Gesundheitssystems in der Digitalisierung liegt. Als großen Vorteil nannte sie z.B. auch attraktivere Arbeitsbedingungen durch Digitalisierung. Es könnten körperliche und bürokratische Belastungen reduziert werden und das Pflegepersonal sich wieder mehr um die Patienten kümmern. Entscheidend sei für sie jedoch, dass bei allen technischen Möglichkeiten unsere Medizin immer menschlich bleibt. Sie hob hervor, dass Herr der Daten der Patient sein müsse. „Wenn wir das mitdenken, dann ist die Bereitschaft, mitzuwirken im Bereich der Technik und der Digitalisierung, bei den Menschen da.“

KI ersetzt nicht den Menschen

Die spanische Politologin Lorena Jaume-Palasí, Geschäftsführerin von The Ethical Tech Society, beschäftigte sich in ihrem kritischen Eröffnungsvortrag „Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Freund oder Feind?“ mit ethischen Aspekten von Algorithmen. Sie erklärte, dass diese nicht neutral seien. Algorithmen seien zwar sehr gut darin Muster zu erkennen, künstliche Intelligenz sei aber nicht intelligent. Wenn, wie passiert, eine Auswertung zahlreiche, biometrische Daten einen Zusammenhang zwischen den Längen der Nasen und Ohren einerseits und der Sexualität andererseits ermittele, sei das schlicht unwissenschaftlich. Diese rechnen nicht nur, sondern sie können in komplexeren Systemen auch zur Manipulation oder Diskriminierung von Menschen führen. Dies sei besonders sensibel im Gesundheitswesen, mit schwerwiegenden Konsequenzen. Des Weiteren erklärte Jaume-Palasí, dass künstliche Intelligenz (KI) viele Dinge besser mache, aber den Menschen nicht ersetzen könne. Die Frage ist wie wir das nutzen? Bei der Anwendung von Algorithmen müsse immer gefragt werden: „Führt diese Maßnahme, die ich jetzt mache, zu einem erhöhten sozialen Zusammenhalt oder nicht?“

Organisierte Verantwortungslosigkeit

Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung liegt das deutsche Gesundheitswesen bei der Digitalisierung auf Platz 16 von 17 untersuchten Staaten. Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, in seinem Vortrag „Wie gestaltet Deutschland das Thema Digitalisierung und IT?“, kritisierte diese Situation als „organisierte Verantwortungslosigkeit“, die jetzt enden müsse.
Keiner möchte, dass die Angebote des Silicon Valley jene des SGB V ersetzen: Keiner wolle eine Amazon-Krankenkasse. Doch die gebe es bereits. „Dann kommt eben die Veränderung von außen, weil wir sie nicht aufhalten können. Und dann werden die Rahmenbedingungen von Institutionen gelebt und gesetzt, die wir nicht beeinflussen können“, warnte Ludewig. So habe das elektronische Rezept jetzt besondere Priorität, denn „es kann doch nicht wahr sein, dass wegen Fehlmedikation in Deutschland deutlich mehr Menschen sterben als im Autoverkehr und wir achselzuckend daneben sitzen.“ Ludewig mahnte auch einen anderen Umgang mit dem Datenschutz an. So versuche seit 18 Monaten die Medizininformatik-Initiative der deutschen Bundesregierung mit 16 Landesdatenschutzbeauftragten eine einheitliche Einverständniserklärung für medizinische Forschung hinzubekommen. „Wir müssen schneller werden! Die Welt wartet nicht darauf, dass wir ein einheitliches Einverständnisformular haben“, erklärte der Chefstratege für die Digitalisierung des Bundesgesundheitsministeriums. Digitalisierung sei nichts Schlimmes, Digitalisierung sei etwas, „das Leben retten kann“. Ludewig rief in seinem Vortrag zu einer beschleunigten Nutzung digitaler Technologien im deutschen Gesundheitswesen auf.

Digitalisierung und KI: Österreich zwei Schritte voraus

Wie Österreich die Digitalisierung und KI gestaltet, erläuterte Dr. Clemens Martin Auer. Der Digitalisierungsbeauftragte im österreichischen Gesundheitsministerium sagte, dass Österreich Deutschland zwar zwei Schritte voraus sei, dennoch habe sich auch in Österreich gezeigt, dass der Anschluss vieler Leistungserbringer ein schwieriges Unterfangen sei, denn das Gesundheitssystem sei fragmentiert. Im Businessmodel eines Hausarztes käme Datenaustausch nicht vor. Der Staat müsse deshalb eine Lenkungsfunktion übernehmen, denn es gebe ein öffentliches Interesse: „Das Zauberwort ist Interoperabilität!“ Nur wenn die Rahmenbedingungen sichergestellt seien, könne Datenaustausch flächendeckend stattfinden, sagte Auer. Wenn die Digitalisierung in öffentlichem Interesse sei, dann gebe es aber auch die Verpflichtung der öffentlichen Hand, in die digitale Infrastruktur zu investieren, so Auer.

Individuelle Therapien bei Krebs

Mit großem Interesse verfolgten die Besucher den Ausführungen von Prof. Dr. Dirk Jäger zur Fragestellung, ob Krebs in 15 Jahren heilbar sein wird? Der Leiter der Abteilung Medizinische Onkologie vom Universitätsklinikum Heidelberg, der zu den renommiertesten Experten in seinem Fach zählt, machte zunächst an einer Statistik deutlich, bei welchen Krebsarten die Erfolgsprognose besonders ungünstig ist. Er zeigte weiter, welche Prinzipien und Therapiestandards bei der Krebsbehandlung heute gelten. Um die Prognose der Patienten mit bestimmten Krebserkrankungen jedoch zu verbessern, gebe es Nachholbedarf bei der Verbesserung der Therapien. In Zukunft würde es deshalb weniger Standardtherapien geben. „Für immer mehr Patienten werden wir basierend auf dem Verständnis von Biologie und Immunologie ihrer Erkrankung eine individuelle Therapie aufbauen“, sagte Jäger. „Wir werden Medikamente für Patienten designen und herstellen. Letztendlich werden wir jeden individuellen Tumor maximal charakterisieren und für diese individuelle Situation eine ideale Therapie designen“, so Jäger über die Zukunft der Onkologie. Das Fazit der Veranstaltung war, dass in 15 Jahren nicht jede Krebserkrankung generell heilbar ist, aber sich die Erfolgsprognosen auch bei Krebsarten mit bisher ungünstiger Prognose dank individuellerer Therapien erheblich verbessern können.

Strukturen behindern Innovationen

Auch am zweiten Tag des Europäischen Gesundheitskongresses wurde bei den Vorträgen renommierter Experten Kritik deutlich, dass die Strukturen des deutschen Gesundheitswesens Innovationen behindern. So hob z.B. Andreas Storm, Chef der Krankenkasse DAK, hervor, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern „extrem langsam voran“ käme: „ Wir sind jetzt langsamer als die staatlichen Gesundheitssysteme. Und wir sind auch wesentlich langsamer als die marktorientierten Länder wie etwa die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Als Gründe nannte Storm Probleme, die sich aus dem Föderalismus ergeben, aber auch die Selbstverwaltung, die zwar „ein großer Erfolgsfaktor für unser Gesundheitswesen“ sei, die aber dazu führe, dass es komplizierter als in anderen Ländern sei. Schließlich gebe es mit der Aufteilung in Sektoren eine im internationalen Vergleich „extreme Versäulung“. Das führe gerade im Zeitalter der Digitalisierung oftmals dazu, dass „wir in den Abstimmungsprozessen einen Konsens erreicht haben, wenn die technologischen Möglichkeiten schon wieder veraltet sind.“

Zurückhaltend bei Innovationen

Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, bemängelte detaillierte, aber unflexible Vorgaben: „Wir haben permanent mehr Regulierungen im System, die dazu führen, dass wir nicht mehr wissen, ob innovative Versorgungsangebote, auf die wir uns ausgerichtet haben, in den kommenden Jahren für einzelne Standorte überhaupt noch leistbar sein werden.“ Das führe dazu, dass heute viele Manager in den Krankenhäusern zurückhaltend bei Investitionen und Innovationen seien. Als Problem im Hinblick auf individualisierte Medizin nannte Gaß auch das System der Fallpauschalen: „Es ist eben nicht so, dass ein Patient mit einer bestimmten Diagnose genau die gleiche Therapie braucht wie ein anderer Patient mit der gleichen Diagnose. Es gibt große Unterschiede.“ Gaß hält deshalb grundlegende Reformen für notwendig. Man müsse sich jetzt wirklich mal über das System Gedanken machen und es auch zu Ende denken - und nicht nur hier mal was verändern, fasste Gaß das Problem zusammen.   

Bedingungen für neue Behandlungsmethoden

Aus Kroatien war der Genetiker Dragan Primorac angereist. Er verglich in seiner Präsentation die Rahmenbedingungen für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden, wie Molekulare Bildgebung, Gentherapie, Immuntherapie und Regenerative Medizin. In den USA sei die Chance, dass eine Neuentwicklung mit Risikokapital ausgestattet wird, neunmal so hoch wie in der EU, sagte Primorac. Hingegen läge die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen sich Innovationen durch die Übernahme kleinerer Firmen sichern, statt selbst zu entwickeln, in Europa doppelt so hoch wie in den USA.

Der nächste Europäische Gesundheitskongress findet vom 26. bis 27. September 2020 wieder in München statt.

Weitere Informationen über den Europäischen Gesundheitskongress sind über die Internetseite der Veranstaltung abrufbar .

Europäischer Gesundheitskongress 2019
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