Interview mit Dr. h.c. Helmut Hildebrandt Nutzen statt reine Menge

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Im Kinzigtal und in Hamburgs Stadtteilen Billstedt und Horn arbeiten unterschiedliche Gesundheitsakteure und -dienstleister in Netzwerken zusammen. Gemeinsam mit Krankenkassen sorgen sie dafür, den allgemeinen Gesundheitszustand der Menschen vor Ort zu verbessern. Davon profitieren alle Beteiligten – auch finanziell.

© OptiMedis

HCM: Herr Dr. Hildebrandt, Sie haben mit der OptiMedis AG zwei Projekte realisiert, in denen eine neue Vergütungsform für Gesundheitsdienstleistungen umgesetzt wurde. Was macht „Gesundes Kinzigtal“ und „Gesundheit für Billstedt/Horn“ aus?

Hildebrandt: In „Gesundes Kinzigtal“ haben wir mit dem medizinischen Qualitätsnetz Ärzteinitiative Kinzigtal e.V. ein patientenorientiertes und sektorenübergreifendes Netzwerk aus Ärzten, Therapeuten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Apothekern, Sportvereinen, sozialen Einrichtungen und weiteren Partnern aufgebaut. Die Grundlage ist ein Vertrag zur integrierten Versorgung mit der AOK und der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau Baden-Württemberg. Die wissenschaftliche Evaluation belegt: Durch zielgruppenspezifische Präventionsprogramme, Patientenaktivierung und das Management intersektoraler Schnittstellen ist es uns gelungen, den Gesundheitszustand der Menschen und ihre Zufriedenheit mit der Versorgung zu verbessern und unnötige Kosten einzusparen.

Mit dem Aufbau eines Netzwerks in Hamburg nach dem gleichen Modell haben wir im Januar 2017 begonnen. Hier widmet sich die „Gesundheit für Billstedt/Horn“ den Menschen in den Stadtteilen Billstedt und Horn, die aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten haben, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden und so viel schlechtere Gesundheitschancen haben. Wir wollen zeigen, dass unser Modell auch in einer solchen Region die gesundheitliche Versorgung positiv beeinflussen kann. Der Aufbau des Netzwerks dort wird durch den Innovationsfonds des G-BA gefördert. Langfristig soll es sich durch die Einsparungen für die beteiligten Krankenkassen finanzieren. Mit der AOK Rheinland/Hamburg haben wir einen Vertrag geschlossen.

HCM: Wie unterscheiden sich diese Projekte im Vergleich zum „normalen“ deutschen Gesundheitssystem?

Hildebrandt: Wir betrachten Gesundheit als einen Prozess, der mehr als Heilen oder Therapieren umfasst. Wir reagieren nicht nur auf vorhandene Erkrankungen, sondern tragen dazu bei, dass Gesundheit entsteht. Wir beziehen den Versicherten und sein Umfeld mit ein. Gesundheitsförderung, Prävention und die Aktivierung von Patienten gehören wie das gezielte Management chronisch kranker Patienten zu unseren Schwerpunkten.

HCM: Wie ist dabei die Vergütung geregelt?

Hildebrandt: Wir kehren die Anreize um und orientieren die Honorierung am erzielten Gesundheitsnutzen. Die Krankenkassen vergüten den Nutzen und nicht die Leistungsmenge, und das nur dann, wenn eine Verbesserung des Deckungs­beitrags erwirkt wurde. So entsteht der Anreiz, die Bevölkerung so gesund wie möglich zu erhalten. Ärzte werden weiter über die Kassenärztlichen Vereinigungen vergütet, für bestimmte Leistungen erhalten sie von uns zusätzliche Honorare und ­profitieren langfristig vom wirtschaftlichen Erfolg der ­Managementgesellschaft.

HCM: Welche Vorteile hat das Modell für die Akteure?

Hildebrandt: Ärzte können sich aufgrund der Anreizumkehr auf die Gesunderhaltung konzentrieren und werden durch gezielte Angebote für Patienten entlastet. Wir eröffnen z.B. in Kürze in Billstedt den ersten Gesundheitskiosk nach finnischem Vorbild. Dort werden die Patienten zur Gesundheit beraten, Arztbesuche vorbereitet und ärztliche Empfehlungen z.B. durch gezielte Trainingskurse weiterverfolgt. Vorteil für die Kassen: Die Versicherten bleiben länger gesund, die Deckungsbeiträge steigen und sie verbessern ihr Image. Im Kinzigtal sehen wir ein starkes Interesse der Versicherten anderer Kassen, sogar der privaten. Einige wechseln dafür sogar die Krankenkasse.

HCM: Haben sich bereits Nachteile dieser Konzepte herauskristallisiert und wenn ja, wo liegen diese?

Hildebrandt: Die Einspareffekte treten erst nach einem gewissen Zeitraum ein, während die Kosten heute schon anstehen. Dieses Anfangsinvestment ist für die Krankenkassen meist ein Hinderungsgrund, das Modell zu fördern. Gleichzeitig beißt sich unsere Arbeit mit der gegenwärtigen Vergütungsstruktur, die das Paradox generiert, dass Arzt und Krankenhaus desto mehr von den Patienten profitieren, je weniger Zuwendungszeit sie aufbringen. Die Umkehrung dessen gelingt uns noch nicht im Ganzen. Allerdings: Für das Startinvestment haben wir jetzt soziale Kapitalgeber als Risikoinvestoren gefunden.

HCM: Lassen sich diese Konzepte mit Capitation vereinen?

Hildebrandt: Modelle auf der Basis reiner Pro-Kopf-Pauschalen verringern zwar das Risiko unnötiger Leistungserbringung, bergen aber die Gefahr, dass zu wenige Leistungen erbracht werden. Oder es werden in einen Vertrag nur Versicherte eingeschrieben, die möglichst gesund sind. Dadurch können negative Risikoselektionsanreize entstehen und gerade vulnerable Patientengruppen oder sozial benachteiligte Patienten werden indirekt ausgeschlossen. Dieser Anreiz ist bei uns nicht gegeben, da die jeweilige Managementgesellschaft für jeden Versicherten der teilnehmenden Krankenkassen der Region eine virtuelle Budgetverantwortung hat. Dadurch haben die Managementgesellschaften den Anreiz, sich z.B. um Versicherte mit schwerem Krankheitsverlauf besonders zu kümmern, da dort das größte Potenzial besteht, Qualitätsverbesserungen zu erreichen.

HCM: Wie sollte Ihrer Meinung nach ein Wandel in der ­Vergütung in Deutschland nach aussehen?

Hildebrandt: Ganz wichtig ist, dass die Veränderung hin zu einer am Gesundheitsergebnis orientierten Versorgung regional organisiert und angepasst ist. Die Akteure vor Ort müssen von Anfang an eng in die Entwicklung einbezogen werden.

HCM: Lassen Sie die Strukturen der Projekte  auf Deutschland ausweiten?

Hildebrandt: Vom Grundsatz her lässt sich das Modell von ­Gesundes Kinzigtal überall hin übertragen, es muss aber den besonderen Herausforderungen einer Region angepasst werden. Die Fragen stellte Bianca Flachenecker.

Dr. h.c. Helmut Hildebrandt

Dr. h.c. Helmut Hildebrandt ist Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG, Geschäftsführer der Gesundes Kinzigtal GmbH und der Gesundheit für Billstedt/Horn UG. Arbeitsschwerpunkt: Aufbau und Management regionaler populationsbezogener IV-Systeme. Kontakt: h.hildebrand@optimedis.de

Billstedt/Horn und Kinzigtal – das steckt dahinter

Über die Gesundheit für Billstedt/Horn UG (haftungsbeschränkt)

Die Gesundheit für Billstedt/Horn UG baut in den Stadtteilen Billstedt und Horn ein integriertes, patientenorientiertes Gesundheitsnetzwerk auf. Ziel ist es, die medizinische Versorgung und die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, die aufgrund ihres sozialen Status vergleichsweise schlechte Lebens- und Gesundheitschancen hat.

www.gesundheit-bh.de

Über die Gesundes Kinzigtal GmbH

Die Gesundes Kinzigtal GmbH steuert die Gesamtversorgung für 33.000 Versicherte der Region Kinzigtal, für alle medizinischen Diagnosen und über alle Leistungserbringer hinweg. Grundlage der Arbeit sind der regelmäßige Austausch über die Sektorengrenzen hinweg, eine gemeinsame elektronische Patientenakte sowie Aktivierung von Patienten, Prävention und Gesundheitsförderung.