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Rückkehrer-Tests auf COVID-19/Coronavirus Nur ein digitaler Gesamtprozess und saubere Daten gewährleisten Belastbarkeit

Es ist ein verregneter, kühler Sonntagvormittag Anfang August: Am Flughafen Memmingen/Allgäu kehrt ein 17-Jähriger mit seinem Vater aus Griechenland, zu jenem Zeitpunkt einem Nicht-Risikogebiet, zurück. Im soeben eingerichteten Testzentrum lässt sich Fabian L.* freiwillig auf das Coronavirus testen. Eine „Odyssee“ nimmt ihren Anfang, die im Ergebnis Entscheidern in Politik und Leistungserbringung die Übernahme von Verantwortung abfordert.

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Unsere Gesetzgeber meinten es gut, als sie im August – erst in Bayern, dann bundesweit – PCR-Tests einführten: als Pflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten und als Option für Touristen und Geschäftsreisende, die Nicht-Risikogebiete besucht hatten. Das hätte der Anfang sein können für die Erfolgsgeschichte darüber, wie wir diese Pandemie in unserem Land unter Kontrolle bekommen können. Das Zwischenfazit lautet: Ziel verfehlt!

Zurück zu Fabian: Der Schüler aus Hessen wartet vier Tage, bis sein – negatives – Ergebnis per Mail eintrifft. Ferien, keine Rückkehr aus einem Risikogebiet – also keine Quarantäne … für den Jugendlichen und sein Umfeld war diese gefühlt lange Frist unangenehm, sie stellte aber nicht wirklich ein Problem dar.

Wie sich herausstellt, sind überlange Fristen bis zur Ergebnisübermittlung tatsächlich nur ein Aspekt des Problemberges, der sich inzwischen im Zuge der Tests aufgetürmt hat. Auch hier ist Fabian wieder ein gutes Beispiel. Der Schüler macht mit einem Mitschüler als letzten Ferienausflug noch eine Autofahrt nach Frankreich – zu Baguette, Escargots und Co. Zu jener Zeit stellte dies kein Risiko dar; Frankreich stand nicht auf der Liste von Auswärtigem Amt, BMG und BMI. Aber dann entschließen sich die beiden zu einem Abstecher nach Luxemburg. Und hiermit nimmt die wirklich unerfreuliche zweite Test-Odyssee ihren Anfang.

No news is bad news

Luxemburg ist offiziell ein Risikogebiet. Die beiden Ausflügler nehmen ihre Verantwortung ernst – und lassen sich auf der Rückfahrt im Testzentrum an einer Autobahn in Rheinland-Pfalz testen. Zuhause im Garten kann Fabian die Zeit bis zum Ergebnis gut überbrücken – dachte man sich in der Familie. Aber Tag um Tag verstrich in jener letzten Ferienwoche ohne Mitteilung.

Befremdet reagierten die Eltern auch, beide im Gesundheitswesen tätig, als er beschreibt, dass sämtliche Prozesse im Testzentrum manuell, analog ausgeführt worden waren. In Memmingen war ein Tablet für die Datenerfassung zum Einsatz gekommen.

Die Risiken analoger Prozesse liegen für Insider auf der Hand: Mehrfachaufwand, Fehlerpotenziale bei Erfassung und Übermittlung von Informationen und Probe sowie bei der Nutzung der Daten in Folgeprozessen. Risiken, die man in der freien Wirtschaft längst durch Digitalisierung vermeidet … und verstärkt auch im Gesundheitswesen, wie aktuelle Gesetzespakete auch mit Bezug auf die EPA belegen.

Am Sonntag, acht Tage nach dem Test, lag noch immer kein Laborergebnis vor. Um 8 Uhr am Montag darauf, dem ersten Schultag, dann der gestresste Anruf beim lokalen Gesundheitsamt: Auch dort hat man keine Ergebnisse erhalten. Es lag also nicht an der Übermittlung an die Testperson. Seinem Freund ging es genauso.

Was nehmen junge Menschen wie Fabian, der weiterhin offiziell in Quarantäne zu bleiben hat, aus diesem Fiasko mit? Unsere Gesetzgeber machen mit ambitionierten Zielen Vorgaben, zu denen offensichtlich die Durchführungsverordnung mit definierten digitalen Prozessen fehlt – sowie die Bereitstellung von Ressourcen etwa für die nötige IT. Der Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit wirkt auf unsere neue Generation äußerst ernüchternd. Die Inkompetenz führt dazu, dass ein Schüler und sein Umfeld im Alltag enorme Einschränkungen zu erdulden haben.

Die Schlagzeilen zeigen, dass Fabian und sein Freund keine Einzelfälle sind: Hunderte von Testergebnissen aus Bayern, auch positive, erreichen ihre Empfänger äußerst verspätet. Passagiere auf einem Rückflug aus Mallorca treffen am Flughafen Tegel auf eine Testmannschaft inklusive Betreuer der Bundeswehr, die vor Ende ihres öffentlich vermittelten Schließungstermins ihre Sachen zusammengepackt haben und auf dem Nachhauseweg sind. Auf die Bürger wirkt sich dieser Mangel an Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein äußerst negativ aus – mit Unsicherheit, unnötiger Quarantäne und reduzierter Lebensqualität.

Pflicht – wo bleibt das Recht?

Unser Staat nimmt seine Bürger in die Pflicht, um die Pandemie einzudämmen. Das Testen der Rückkehrer war offensichtlich eine zweckdienliche Maßnahme – laut RKI steckten sich (Stand 19. August) rund 40 Prozent der Neuinfizierten im Ausland an. Der Eingriff in die Freiheiten der Bürger erreicht jedoch nur sein Ziel, wenn eine professionelle Durchführung gesichert ist. Dazu gehört ein digitaler Gesamtprozess mit einer digitalen Corona-Akte – beginnend mit der Anmeldung einer Reise in ein Risikogebiet über die Sicherstellung und Dokumentation eines Tests bei der Rückkehr bis hin zu quittierten Übermittlung des Testergebnisses an Gesundheitsamt und Testperson innerhalb einer garantierten, praxistauglichen Frist. Bei positivem Ergebnis ermöglicht die transparente Datenlage die Überwachung der Quarantäne und eine Einspeisung in die Tracing-App. Strafbewehrung trifft den Bürger, der sich nicht an die Vorgaben hält. Und eine Schadenersatzzahlung sollte jeder Bürger für seine Benachteiligung erhalten, der Ergebnisse zu spät oder nicht erhält.

Digitaler Gesamtprozess und kontrollierter Austausch von Daten erforderlich

Erforderlich ist hier die Einrichtung einer Datendrehscheibe für die granularen Daten und die eindeutige Personenzuordnung; Leistungserbringung, Steuerung/Tracing und Forschung erhalten so die für ihre Aufgabenerfüllung wichtigen Informationen. Nur so bekommen wir die Pandemie in den Griff.

Zurück zu Fabian. Sein Statement lautet: „Ich will als junger Bürger Verantwortung für mich und andere übernehmen – und erlebe unfassbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unserem Staat, zum deutlichen Nachteil für mich und mein Umfeld“. Die Testergebnisse vom Zentrum an der Autobahn in Rheinland-Pfalz trafen übrigens 13 Tage nach jenem Termin bei Fabian ein – per Post, mit falsch geschriebenem Namen.

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