Onlinekolumne Nur die halbe Wahrheit

Kennen Sie das? Sie hören oder lesen eine Aussage, die nicht in Ihr Weltbild bzw. zu Ihrer Lebenserfahrung passt. Sie haben ein Störgefühl. So ging es mir, als ich die Überschrift „Altenpflegefachkräfte verdienen im Mittel mehr als 3.000 Euro im Monat“ in einem Newsletter las.

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de – © Eckhard Eyer

Im Beitrag wird sich auf statistische Daten im Entgeltatlas Pflege der „ Agentur für Arbeit“ sowie auf eine Pressemitteilung des „bpa Arbeitgeberverbandes Pflege“ bezogen. Bundesweit im Mittel mehr 3.000 Euro Monatsgehalt bei 40 Stunde/Woche: das wären mehr als 17,32 Euro/Stunde. Mir war das neu. Um mein Störgefühl zu beseitigen und dazuzulernen, las ich bei der Agentur für Arbeit nach, was ausgewertet wurde und wie der methodische Ansatz war.

3.000 Euro für eine Arbeitszeit von 40 Stunden/Woche, Wochenenddienste, Nachtschichten, Jahressonderzahlungen und Überstunden  

Meine Analyse zeigt: Die Bundesagentur für Arbeit hatte die sozialversicherungspflichtigen Einkünfte der Altenpflegefachkräfte innerhalb des Jahres 2019 aufaddiert und durch die zwölf Monate geteilt. Bei diesem Rechenweg verdienten die Altenpflegefachkräfte – bei privaten Trägern, in der Wohlfahrtspflege und bei kommunalen Trägern – im Mittel mehr als 3.000 Euro/Monat. In den 3.000 Euro/Monat enthalten sind

  • das Gehalt für 40 Stunden/Woche,
  • die Wochenend- und Feiertagszuschläge,
  • die Schichtzuschläge (Spät- und Nachtdienst),
  • Überstunden,
  • Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie
  • ein Leistungsentgelt.

Zum Vergleich: In der Metall- und Elektroindustrie erhält ein Facharbeiter mit einer abgeschlossenen dreijährigen Berufsausbildung inkl. einem durchschnittlichen tariflichen Leistungsentgelt von 15 Prozent in Baden-Württemberg 3.727 Euro/Monat bei 35 Stunden/Woche. Das sind bei 40 Stunden/Woche 4.259 Euro/Monat bzw. 24,59 Euro/Stunde. Hinzu kommen ggf. die oben erwähnten Zuschläge, Überstunden und Jahressonderzahlungen.  

„So arbeitet man mit Statistik“

Ich erinnerte mich an das Buch von Walter Krämer mit dem Titel „So lügt man mit Statistik“. Dort wird beschrieben, wie man mit wahren Zahlen den falschen Eindruck erwecken kann. Die Information, die im Newsletter vom 23. Juli 2020 stand, war also wahr. Jedoch erweckte sie bei mir einen falschen Eindruck, nämlich dass die Gehälter in der Altenpflege mit 3.000 Euro/Monat im Mittel doch gar nicht so schlecht sind.

Die Halbwahrheit ist auch eine Wahrheit

In dem genannten Beitrag wird auch darauf verwiesen, dass im Mittel die Gehälter für Altenpflegefachkräfte von 2015 auf 2019 stark gestiegen seien – stärker als in den anderen Branchen. Bedenkt man,

  • dass in der Automobil- und Automobilzulieferindustrie seit 2015 die Überstunden mit Zuschlägen zurückgingen, weil diese Industrie in der Dieselkrise steckte, Fahrverbote kamen und es keine erschwinglichen deutschen Elektroautos gab und
  • dass im Gegensatz dazu in Zeiten des Pflegenotstandes von den Altenpflegefachkräften mehr Überstunden geleistet werden mussten, um die vorhandene Arbeit, mit den wenigen zur Verfügung stehenden Altenpflegefachkräften, zu schultern,

dann ist es nachvollziehbar, dass der so gemessene Gehaltszuwachs aufgrund von Überstunden und Zuschlägen in der Pflege stärker gestiegen ist.

Eine Steigerung des Stundenlohns von 2015 bis 2019, die in der Altenpflege höher ist als in den anderen Branchen, würde im Übrigen bedeuten, dass der Arbeitsmarkt funktioniert – eine gute Botschaft in einer Marktwirtschaft. Ludin sagte einmal: „Die halbe Wahrheit gesagt und den Rest verschwiegen, ist auch eine ganze Lüge.“

Kontakt zum Autor:
Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Eckhard Eyer ist Gründer von Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de, www.eyer.de