Digitalisierung -

4. Fachtagung Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege Noch kein Zeitgewinn durch Pflegetechnik

Die Entwicklungen im Bereich Digitalisierung und Technik in der Pflege sind seit der ersten Tagung vor vier Jahren vorangekommen. Im April 2018 referierten die Vortragenden über neue Entwicklungen und stellten im Foyer des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege ihre Forschungsergebnisse vor. Die Runde der Pflegefachkräfte berichtete den Anwesenden von der technischen Realität im Pflegealltag.

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„Wir müssen wegkommen von der Begrifflichkeit ,alternde Gesellschaft‘ und den Fokus auf die ,Gesellschaft des längeren Lebens‘ legen", resümierte Tagungsleiter Andreas Ellmaier, leitender Ministerialrat im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP), am Ende der Fachtagung. „Technik kann uns helfen den immer länger werdenden Lebensabschnitt, nach Schule, Ausbildung und Beruf besser nutzen zu können.“ Technik könne aber nicht nur die Pflege verbessern, sondern auch die Zeit verlängern, in der die Menschen selbstständig leben können.

Die 4. Fachtagung Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege am 11. April 2018 in München legte ihren Fokus auf selbstständiges Leben im Alter und wie der Einsatz von Assistenzrobotik dabei helfen kann.

Staatsministerin Melanie Huml, Schirmherrin der Tagung, bekräftigte, dass die Technik nicht den Menschen ersetzen soll und es auch nicht könne. Um die Entwicklung und den Einsatz von Technik in der Pflege voranzutreiben, hoffe sie auf Hilfe vom Bund, allen voran vom neuen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Was bisher möglich ist

Die Chancen und Herausforderungen für Technik in der Pflege 4.0 behandelte im ersten Fachvortrag der Tagung, Prof. Dr. rer. medic Daniel Flemming von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. In seinem Fazit zeigt er Hürden auf, u.a. brauchen Pflegeeinrichtungen ein ausreichendes IT-Budget, das Pflegewesen muss in die Entwicklung miteinbezogen werden und die IT-Anwendungen müssen gebrauchstauglich sein.

Passend zu den Ausführungen von Flemming präsentierte Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin von der TU München (TUM) den Assistenzroboter Franka Emika. Der selbstlernende Roboterarm kann leichte Tätigkeiten im Haushalt ausführen. Durch einfachste Programmierschritte kann der Arm Türen aufschließen oder sogar den Rasierapparat bedienen.

Prof. Dr.-Ing. Robert Riener, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich), beeindruckte die Teilnehmer mit einem Video vom ersten Cybathlon 2016.

Cybathlon 2016

Anders als die Paralympischen Spiele, ist der Cybathlon ein Wettbewerb in dem behinderte Menschen mit Hilfe von Technik alltägliche Aufgaben erledigen. Teams aus 25 Nationen konnten sich nicht nur untereinander messen, sondern zeigten auch ihre technischen Entwicklungen.

Im Foyer des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege konnten sich die rund 150 Teilnehmer selbst ein Bild von den erwähnten technischen Möglichkeiten machen. Neben dem Lehrstuhl für Robotik und Systemintelligenz der TUM und der ETH Zürich, zeigten sechs weitere Aussteller was schon möglich ist:

  • myCare2x zeigte eine sprachgesteuerte Lösung für zu Hause. Das auf Amazons Alexa basierende mcx:alexa kann an die Medikamenteneinnahme erinnern, Vitaldaten speichern und mit dem Pflegedienst oder Angehörigen abgleichen.
  • SensFloor Care soll unter jedem beliebigen Boden verlegt werden können. Der Sensorboden der Future Shape GmbH erkennt Stürze und benachrichtigt Pflegekräfte oder Angehörige.
  • Das Steinbeis Transferzentrum Medizinische Elektronik und Lab on Chip-Systeme zeigten mehrere Systeme, die für die Marktreife noch auf einen Investor warten.
  • Assistenzroboter Pepper zog die Aufmerksamkeit am Stand der Hochschule Kempten auf sich.
  • Das COMES-System, auf das das Steinbeis Transferzentrum und die Hochschule Kempten zurückgreifen, kommt aus der Schmiede des SHZ Softwarehaus Zuleger GmbH.
  • Ein weiteres Highlight war der Glasschair, eine Steuerung für elektrische Rollstuhle, die über eine Datenbrille funktioniert.

Wie die Digitalisierung im Pflegealltag aussieht

Nach der Industrieausstellung konfrontierten die Pflegefachkräfte die 150 Teilnehmer damit, wie der Alltag in der Pflege durch die Technik tatsächlich beeinflusst wird. Silke Marie Gründe, Julia Sandleitner und Bernd Schneider versprechen sich vom technischen Fortschritt zwar Verbesserungen; eine Zeitersparnis durch technische Hilfen, um mehr Zeit mit den zu Pflegenden verbringen zu können, sieht Silke Maria Gründe aber noch nicht. Einzig die digitalisierte Dokumentation spare Zeit. Doch: Die eingesparte Zeit wird häufig an anderer Stelle wieder gefordert, sodass tatsächlich kein Zeitgewinn für die Arbeit mit den Menschen entsteht. Auch Moderator Dr. Bernd Wiemann befürchtet, dass Ähnliches im weiteren Fortgang der Digitalisierung vermehrt eintreten könnte. Pflegeheimbetreiber könnten die Zeitersparnis durch die Digitalisierung z.B. nutzen, um mehr Personen von der gleichen Zahl von Pflegefachkräften betreuen zu lassen.

Bernd Schneider, der mittlerweile beim MDK Bayern Begutachtungen von Pflegebedürftigkeit durchführt, berichtet aus seiner Zeit als Pfleger: Technikfragen in der Pflege kämen zumeist auf, wenn es darum geht, dem zu Pflegenden den neuen Fernseher oder die neue Mikrowelle zu erklären. Die vollständige Diskussion können Sie sich als Video auf der HCM-Facebookseite ansehen.

Care Regio: Selbstständig leben in den eigenen vier Wänden

Zum Abschluss der Tagung stellte Prof. Dr.-Ing. Petra Friedrich von der Hochschule Kempten, CoKeTT Zentrum mit AAL Living Lab, das Projekt Care Regio vor. Bayerisch-Schwaben soll dabei als Testregion dienen. Zentrale Pfeiler von Care Regio sind das Hochschuldreieck Kempten, Neu-Ulm, Augsburg, das zukünftige Universitätsklinikum Augsburg und die Katholische Stiftungsfachhochschule München.

Profitieren soll Care Regio u.a. auch von den Erfahrungen des Projekt 9 x Selbstbestimmt Wohnen aus Oberfranken sowie den DeinHaus 4.0-Projekten aus Niederbayern, Unterfranken und Schwaben, die ihre Projekte ebenfalls auf der Fachtagung vorstellten.

Gegründet hatte sich das Netzwerk Care Regio bereits 2016 auf der zweiten Fachtagung des StMGP. Man wolle neben der Expertise aus den Hochschulen aber auch Hersteller, die ausführenden Handwerker usw. an ihrer Seite Wissen, um das Netzwerk nach Erfolgen in Schwaben auch auf andere Regionen auszuweiten.

Eine Bildergalerie zur Tagung finden Sie hier.

Die 5. Fachtagung wird im April 2019 stattfinden, das genaue Datum erfahren Sie bei HCM, sobald es bekannt gegeben wird.

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AxelSteinhage

Zeitgewinn durch Pflegetechnik

Es gibt bereits Praxisbeispiele, in denen durch den auch auf dieser Tagung vorgestellten Sensorboden "SensFloor" ein Zeitgewinn durch Effizienzsteigerung im Pflegealltag erzielt wird. Durch Aktivitätsmonitoring können Pflegekräfte beispielsweise gezielt Zimmer aufsuchen, in denen der Bewohner gerade aktiv ist und Hilfe benötigt. Auf diese Weise lassen sich bei sturzgefährdeten Bewohnern darüber hinaus nachgewiesenermaßen Stürze vermeiden.