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Arzneimittelsicherheit Neue Studie zu Nebenwirkungen zeigt Handlungsbedarf

Er ist keine besonders spannende Lektüre: der Beipackzettel. Seitenlange Infos zur Anwendung, möglichen Nebenwirkungen sowie Aufbewahrung und Dosierung des jeweiligen Medikaments laden nicht unbedingt zum Lesen ein. Wie die Deutschen mit der sogenannten Gebrauchsinformation umgehen, zeigt eine neue Studie im Auftrag der Medikura Digital Health GmbH, die auch das Onlineportal Nebenwirkungen.de betreibt.

Themenseiten: Patientensicherheit und Pharma

Die ​Studie​, an der über 1.500 Männer und Frauen teilnahmen, zeigt deutliche Ergebnisse zum Umgang der Deutschen mit dem Beipackzettel. So liest gerade einmal ein Viertel aller Deutschen die Gebrauchsinformation verschreibungspflichtiger Medikamente. Bei rezeptfreien Mitteln ist es nur noch jeder Fünfte und ganze zehn Prozent entfalten den weißen Zettel niemals. Dementsprechend schlecht ist Deutschland über Nebenwirkungen informiert. Das zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit Schmerzmitteln. Obwohl 70 Prozent der Deutschen bereits nach wenigen Stunden des Leidens auf Schmerzmittel zurückgreifen, ist der Kenntnisstand zu handelsüblichen Kopfschmerztabletten stark ausbaufähig. So vermutet ein Drittel der Befragten Nasenbluten als mögliche Nebenwirkung der Tabletten. Diese gehören jedoch nicht zum Standartrepertoire an Nebenwirkungen.

Es wird deutlich: Der Beipackzettel wird zu wenig gelesen. Und das, obwohl er enorm wichtig ist. „Die Ergebnisse der Studie zeigen uns, wie wichtig es seitens der Hersteller ist, den Patienten einfache und verständliche Beipackzettel an die Hand zu geben und deren Aktualisierung in Bezug auf Nebenwirkungen ernster zu nehmen“, schlussfolgert Dr. Philipp Nägelein, Mit-Gründer von Nebenwirkungen.de. Um das Bewusstsein für die Gefahr von Nebenwirkungen zu stärken, gab ​Nebenwirkungen.de die Studie in Auftrag. Denn jährlich sterben immer noch über 200.000 Menschen in Europa an den Folgen von Nebenwirkungen.

Die Tücken (unbekannter) Nebenwirkungen

Wenn der Beipackzettel gelesen wird, dann hauptsächlich aus zwei Gründen: Man möchte sich zu Nebenwirkungen und Dosierung bzw. Anwendungshinweisen informieren. Über ein Drittel der Studienteilnehmer hat sich wegen den in der Packungsbeilage aufgeführten potenziellen Nebenwirkungen sogar schon gegen die Einnahme eines Arzneimittels entschieden. Ein gewisses Bewusstsein über die Wichtigkeit, sich umfassend zu einem Medikament zu informieren, ist also vorhanden.

Das reicht manchmal aber nicht aus. Denn viele Nebenwirkungen sind überhaupt nicht im Beipackzettel aufgeführt. Schätzungsweise sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden nach der Einnahme von Medikamenten an Beschwerden - viele davon sind in der Packungsbeilage nicht aufgeführt. Trotzdem wird nur ein Bruchteil dieser unbekannten Nebenwirkungen gemeldet. Ein Grund dafür: Der aktuelle Meldeprozess dauert zu lange.

Melden von Nebenwirkungen leicht gemacht

Dabei ist es inzwischen so leicht, Beipackzettel zu aktualisieren und damit andere Patienten vor leichten bis lebensbedrohlichen Nebenwirkungen zu warnen. Weil sie selbst unter starken Nebenwirkungen eines Antibiotikums litt und der Meldeprozess zu langwierig und nervenaufreibend war, gründete Dr. Friderike Bruchmann die Online-Plattform Nebenwirkungen.de. Hier können Nebenwirkungen nicht nur schnell und unkompliziert gemeldet werden, man kann sich auch über sie informieren.

Pharmaindustrie oder Alternativmedizin – wem vertraut Deutschland?

Beachtet man, wie wenige Menschen den Beipackzettel lesen oder Nebenwirkungen melden, könnte man davon ausgehen, dass ein grundlegendes Vertrauen in die Pharmaindustrie herrscht. Die ​Studie beweist das Gegenteil: Weniger als 30 Prozent der Befragten schätzen ihr Vertrauen als hoch oder sehr hoch ein. Über 20 Prozent haben ein geringes bis gar kein Vertrauen. Alternativmedizin ist für über die Hälfte der Deutschen dennoch keine Alternative. Immerhin knapp ein Drittel der Gefragten greift zumindest manchmal oder sogar oft zur natürlichen Alternative.

Eine gewisse Skepsis gegenüber chemischen Medikamenten ist daher zu erkennen. Leider sind aber auch Arzneimittel aus Naturstoffen nicht frei von potenziellen unerwünschten Begleiterscheinungen. Umso wichtiger ist die Meldung von Nebenwirkungen und die Aufklärung über solche Begleiterscheinungen – unabhängig von Inhaltsstoffen und Hersteller.

Handlungsbedarf bei der Arzneimittelsicherheit

Alles in allem wird deutlich: Das Bewusstsein, sich über Nebenwirkungen eines Medikamentes zu informieren, muss geschärft werden. Vergleicht man das Auftreten unbekannter Nebenwirkungen mit der Zahl der Meldungen, wird Handlungsbedarf erkennbar. „Im Grunde brauchen wir ein integriertes Meldesystem für alle Beteiligten, d.h. Patienten, medizinische Fachexperten und Hersteller, um Informationen zu Arzneimittelrisiken in Echtzeit auszutauschen“, sagt auch Dr. Bruchmann.

Wer also ein Medikament einnimmt, sollte sich im Beipackzettel zu potenziellen Begleiterscheinungen informieren. Werden dann Nebenwirkungen beobachtet, sollten diese schnell und einfach online auf ​Nebenwirkungen.de gemeldet werden. Die Meldung wird dann digital und pseudonymisiert an den Arzneimittelhersteller übermittelt und von Experten geprüft. Auf Wunsch kann der Patient über das Meldetool auch seinen Arzt oder Apotheker informieren.

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tkoelzer

Der Beipackzettel muß keine Lektüre mehr sein!

Die o.g. Problematik ist hinlänglich bekannt - der Beipackzettel ist nicht gerade attraktiv und lesefreundlich aufbereitet! Doch es gibt eine Lösung: den Sprechenden Beipackzettel.
Warum nicht mit dem Beipackzettel sprechen und einfach nur die Informationen abfragen, die man gerade in einer bestimmten Situation benötigt ("Wie oft muß ich das Medikament einnehmen?")?
Mehr Details unter: https://www.sprechender-beipackzettel.de/