Hygiene kompakt -

Coronavirus Mehr Vertrauen durch Hygiene-Zertifikate

Viele Heilberufler kämpfen mit sinkenden Umsätzen aufgrund des Coronavirus. Ein staatliches Prüfsiegel für Hygiene soll nun das Vertrauen in die Einrichtungen wiederherstellen. Eine Physiotherapeutin aus dem schwäbischen Kusterdingen berichtet aus ihrem Alltag.

Topic channels: Hygiene und Corona-Pandemie

Noch immer sind Patienten vorsichtig, bevor sie sich in die Hände eines Physiotherapeuten begeben. Pflegebedürftige Menschen, die zusätzlich Teil einer Risikogruppe sind, sind sehr gefährdet und oft unsicher oder verängstigt. Die Folge: Seniorenheime machen dicht, Physiotherapie-Anwendungen werden nicht mehr durchgeführt und die Mobilität vieler Älterer verkümmert. Doch Therapeuten können sich das Vertrauen ihrer Kunden zurück erkämpfen.

Denn Betriebe und Organisationen, die sich jetzt ins Deutsche Hygieneverzeichnis eintragen lassen, können mit dem Siegel werben und zeigen, dass bei ihnen sauber und ohne Ansteckungsgefahr gearbeitet wird. Die Kosten der Zertifizierung (diese basiert auf Auszügen der DIN ISO 9001, Arbeitsrecht und -sicherheit) übernimmt der Staat zu 50 bis 100 Prozent. Aktuell kämpfen viele Heilberufler um ihre Existenz.

Infektionsrisiko zu hoch

Praxis Mergenthaler Team

Rund 70 Prozent Umsatzrückgang hat Eva Mergenthaler im März und April zu verzeichnen. Die Unternehmerin mit eigener Physio- und Ergotherapie-Praxis und 17 Mitarbeitern hat bis vor kurzem v.a. Senioren und Menschen mit Behinderung in Einrichtungen therapiert. Die Chefin mit spezialisiertem Team für Geriatrie und Neurologie stand mit Beginn der Corona-Krise Mitte März meist vor verschlossenen Türen. „Selbst unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen wollten uns die meisten Häuser nicht mehr reinlassen. Das Ansteckungsrisiko der meist Hochrisikopatienten sei viel zu hoch, hieß es uns gegenüber“, so Mergenthaler.

Therapien wieder hochfahren

„Ein übliches Vorgehen“, beobachtet Markus Sobau. Der Berater für Heilberufler will Heimen und Krankenhäusern keinen Vorwurf machen. „Es ist die Pflicht der Betreiber, die Bewohner und Patienten zu schützen“, so der Geschäftsführer von Consularis. Inzwischen seien allerdings das Wissen bei den Entscheidern sowie der Leidensdruck bei vielen Pflegebedürftigen größer. Nun gelte es, die Arbeit unter Einhaltung der Hygienevorschriften wieder aufzunehmen. „Um den wirtschaftlichen Schaden bei den Praxen und den gesundheitlichen Verfall bei den Patienten im Rahmen zu halten.“ Niemand habe schließlich etwas davon, wenn Heilberufler reihenweise Pleite machen und ihren für die Gesellschaft so wichtigen Job nicht weiter ausführen können.

Körperlicher Abbau und Mobilitätsverlust

Und die finanziellen Folgen waren bislang enorm: Die 33-Jährige Überzeugungstäterin Mergenthaler musste in März und April nicht nur mit einem Drittel ihres bisherigen Umsatzes klarkommen. „Zusätzlich wussten wir, dass die Patienten leiden. Dass sie körperlich und geistig jeden Tag abbauen und wir nicht helfen können“, sagt Mergenthaler. Aus Überzeugung führe sie eine der wenigen Therapiepraxen, die Menschen zu Hause oder in einer Einrichtung aufsuchen. „Viele meiner Berufskollegen klammern diesen vergleichsweise unwirtschaftlichen Zweig aus. Dabei sind es gerade diese Menschen, die unsere Unterstützung am nötigsten brauchen.“ Den April hat die Frohnatur mit ihren Rücklagen und dem Verzicht auf ihr eigenes Gehalt überbrückt, Wirtschaftshilfen und Kurzarbeit sind beantragt. Sie hofft, dass die langjährige Zusammenarbeit mit ihren Partnern und das hier aufgebaute Vertrauen auf Dauer siegen.

Geprüfte Hygiene-Konzepte

Experte Sobau glaubt, dass hier persönliches Vertrauen auf beiden Seiten eine wichtige Grundvoraussetzung ist. Zusätzlich könne ein Hygiene-Konzept helfen, das beweiskräftig untermauert, wie zuverlässig das Therapeutenteam tatsächlich ist. „Der Vorteil des Hygiene-Konzeptes ist es, dass jederzeit nachgewiesen werden kann, wer beispielsweise wann was desinfiziert und gereinigt hat“, sagt Sobau. So seien Dienstleister wie Auftraggeber auf der sicheren Seite. Der Auftraggeber kann sich die Dokumentation und auch die Bestätigung, dass ansteckungssicher gearbeitet wird, jederzeit zeigen lassen. „Wir arbeiten natürlich unter allen Hygienevorschriften, tragen Masken, Schutzkittel und Handschuhe. Um die Gesundheit der Menschen nicht weiter zu strapazieren, hoffe ich auf ein baldiges Einsehen der Entscheider“, so die Therapeutin aus dem schwäbischen Kusterdingen.

Eintrag im Hygiene-Register

Der Einsatz von Schutzmitteln sei inzwischen bei fast allen Therapeuten Alltag, beobachtet Sobau. Nur die Dokumentation und Nachweispflicht fehle mancherorts. Mit einem Hygiene-Konzept werde ein systematischer Rahmen für das richtige Verhalten geschaffen. „Das sind in aller Regel Kleinigkeiten, die Menschen gerne mal vergessen. Etwa, dass man benutzte Handtücher nicht aufeinander legt, sondern nebeneinander“, fasst der Experte zusammen. Zusätzlich werden das individuell angepasste System und der zugehörige Eintrag ins deutsche Hygiene-Register derzeit vom Bundeswirtschaftsministerium als Sonderprogramm gefördert. Außer einem Einsatz von drei bis vier Stunden Schulung und Ortsbegehung habe die Praxis in der Regel einen Selbstbehalt zwischen 500 und 900 Euro zu leisten. Die Restlichen Kosten der insgesamt rund 3000 Euro übernimmt die Bundesregierung im Rahmen der Wirtschaftshilfen.

Lockerungen nehmen Fahrt auf

Dabei sind es nicht nur die Vorschriften von Land und Gesundheitsamt, die die Einschränkungen für Therapien bringen. Betreiber von Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen sind verunsichert und verständlicherweise sehr vorsichtig. „Erste Lockerungen sind schon in Sicht. In einigen Pflegeheimen darf nun ein einzelner Therapeut seine Arbeit machen. Das ist noch viel zu wenig, aber ein Anfang“, erzählt die Therapeutin. Auch sei das Verhalten der Öffentlichkeit sehr stark davon abhängig, welche Stimmung im Fernsehen verbreitet werde, beobachtet die Therapeutin. Am Tag nach Merkels Rede im März seien bei ihr die Telefonleitungen heiß geworden, weil so viele Menschen ihre Termine absagen wollten.

Positives gibt es auch in der Praxis zu vermelden: Eine Hochrisikopatientin, die im Rollstuhl sitzt, sei nach wenigen Tagen sozialer Isolation als Patientin zurückgekehrt. „Natürlich geht die Frau ein geringes Risiko ein, wenn sie sich von uns therapieren lässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ihr ohne unser Eingreifen immer schlechter geht, ist aber bei hundert Prozent“, fasst Mergenthaler zusammen.

Weitere Informationen zum Hygiene-Zertifikat

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