Interview mit Prof. Dr. Jörg F. Debatin Mehr erreicht als erwartet

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Nach einer intensiven Zeit der Unterstützung der digitalen Transformation der Gesundheitsversorgung hat der health innovation hub (hih) zum 31. Dezember 2021 seinen Dienst beendet. Kopf des Think-Tanks war Jörg F. Debatin. Im Gespräch mit HCM lässt er hinter die Kulissen blicken.

Prof. Dr. Jörg Debatin
Prof. Dr. Jörg F. Debatin hat den hih 2025 von 2019 bis Ende 2021 geleitet. Jetzt macht er sich auf zu neuen Digital-Projekten in der Gesundheitsversorgung.

In drei Jahren wurden vom ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn, Gottfried Ludewig, Head der Abteilung Digitalisierung und Innovation am Bundesgesundheitsministerium (BMG), Christian Klose, Leiter der Unterabteilung gematik, Telematikinfrastuktur und E-Health, und Thomas Renner, Leiter der Unterabteilung Digitalisierung und Innovation, sowie deren Teams zentrale Weichen für die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung gestellt. Dabei haben sie oft auf die Beratung des health innovation hubs (hih) zurückgegriffen. Das Projekt des BMG agierte als interdisziplinäres Experten-Think-Tank und Sparring-Partner des BMG – von April 2019 bis Dezember 2021.

Prof. Debatin im Gespräch

Kopf des unabhängigen, themenbezogenen Ideenlabors war der Radiologe Prof.  Dr. Jörg F. Debatin. HCM hat mit ihm über Ziele, Erreichtes und Offenes für die neue Regierung sowie die Zukunft der digitalen Gesundheitsversorgung in Deutschland gesprochen und nebenbei erfahren, was ihn „wirklich zum Ticken bringt“.

Was ist Ihr Fazit aus der Zeit im hih? Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

Debatin: Wir haben mehr erreicht, als ich es für möglich gehalten habe – das Ganze war ja ein strukturelles Experiment. Unsere Aufgaben waren breit gefächert, genau wie unser interdisziplinär aufgestelltes Team. Mithilfe unserer Erfahrungen ist es gelungen, das Bundesgesundheitsministerium mit unterschiedlichsten Ideen zu bereichern. Einige der diskutierten Themen fanden sich in Gesetzestexten wieder – andere tauchten nicht mehr auf. Insgesamt war die Bereitschaft des Ministeriums, uns einzubeziehen oder Rat zu suchen, groß – deutlich umfassender als erwartet.

Zudem wollten wir mit Informationsangeboten eine Brücke schlagen zwischen Politik und Leistungserbringung. Dieses Ziel haben wir mit zahlreichen Veranstaltungen, vielen Gesprächen und nicht zuletzt mit zwei Büchern erreicht. Digitale Technologien haben in den vergangenen beiden Jahren konkret Anwendung gefunden – beispielsweise Videosprechstunden – und vor allem konnten sich DiGA etablieren. Als Ziel hatte ich am Ende der Legislatur zehn gelistete DiGA und 100.000 Verschreibungen erhofft – das wurde bei weitem übertroffen. Es ist schön zu sehen, dass unterschiedlichste Initiativen auf fruchtbaren Boden fielen, und das lässt für uns als Team ein warmes, positives Gefühl zurück.

Spahn hat das digitale Fundament gelegt

Man hörte teilweise von einer gewissen Beratungsresistenz im Ministerium?

Debatin: Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass das Ministerium alle unsere Vorschläge umgesetzt hätte. So gab es auch manche Enttäuschung. Am Ende bleibt festzuhalten, dass in den vergangenen vier Jahren, unter der Leitung von Jens Spahn, das Fundament der digitalen Transformation unseres Gesundheitssystems regulatorisch gelegt wurde. Als Team empfanden wir es als Privileg, diesen spannenden Weg begleiten zu dürfen.

Auch in Sachen Umsetzung haben wir uns vielfältig engagiert. So unterhielten wir Kontakte zur gematik und brachten uns intensiv in die Konzeption des E-Rezeptes ein. Als Think-Tank ist unser Output nicht einfach messbar. Zu den Highlights zählten die Konzeption und Umsetzung des KHZG. Wir haben viel Aufklärungsarbeit geleistet und freuen uns über etliche Anträge der Kliniken. Das Feedback war ausgesprochen positiv – natürlich hat uns das auch sehr gefreut.

Fokus: Anwendungen mit Nutzen

Was empfehlen Sie der neuen Regierung in Sachen Digitalisierung, haben Sie eine Strategie?

Debatin: In der abgelaufenen Legislatur mussten zunächst die digitalen Fundamente gelegt werden. Proprietäre Datenformate wurden durch internationale Interoperabilitäts-Standards ersetzt. Das hat viel Kraft gekostet. Auch die Anbindung der Leistungserbringer an die TI war kein Selbstläufer – zugegeben mit veralteter Technologie, aber immerhin. Nun geht es um Anwendungen, die konkreten Nutzen bringen. Dafür muss das Zusammenspiel zwischen gematik, Leistungserbringern und Industrie ausgebaut und verbessert werden. Faktisch sollte sich die neue Regierung vor allem um die Umsetzung der digitalen Großprojekte wie ePA, E-Rezept und E-AU kümmern.

Nicht nur gute Ideen haben, sondern dafür sorgen, dass sie auch umgesetzt werden.

Prof. Jörg F. Debatin

Wie stehen Sie zur Einbindung der gematik und deren Gesellschafterstruktur?

Debatin: Wenn ich die Leistungsbilanz der gematik im Zeitraffer betrachte, stelle ich fest: In den drei Jahren nach der Übernahme durch den Bund ist ­20-mal mehr passiert als in den 14 Jahren davor. Diese Entscheidung war also richtig, vielleicht nur zu spät. Die vorangegangenen paritätisch beteiligten Gesellschafter haben sich gegenseitig gelähmt. Das war kein Ruhmesblatt, weder für die Kassen noch für die Leistungserbringer. Keiner kommt von null auf hundert in drei Jahren. So hat die heutige gematik noch Luft nach oben, ist aber auf einem guten Weg.

Jetzt geht es um Vernetzung

Was hat es mit dem Praxiszukunftsgesetz auf sich?

Debatin: Analog zum KHZG werben wir für ein Praxiszukunftsgesetz, damit die IT-Infrastruktur der Arztpraxen den heutigen Anforderungen an Medizin und Vernetzung gerecht wird. Die bisherigen PV-Systeme sind veraltet und monlithisch aufgebaut. Um digitale Innovationen rasch umzusetzen, brauchen wir modular aufgebaute Systeme mit offenen Schnittstellen. Für die Migration von „alt zu neu“ benötigen die Praxen Unterstützung. Hier sollte der Bund in Form eines Zukunftsgesetzes tätig werden.  Nur so bekommen wir die aktuellen Probleme bei der Anbindung von ePA und E-Rezept in den Griff. Die Praxen sind intern mittlerweile weitestgehend digitalisiert. Jetzt geht es um die Vernetzung und diese kann nur mit modernen IT-Systemen gelingen.

Ihre Historie liest sich beeindruckend, an vielen Stellen konnten Sie die Digitalisierung vorantreiben. Was kommt jetzt?

Debatin: Der Gesundheitsbranche werde ich treu bleiben. In keinem anderen Wirtschaftsbereich verbindet sich gesellschaftlicher Sinn mit derart ausgeprägter Innovationsdynamik. Daran erfreue ich mich jeden Tag aufs Neue. Auch digitale Technologien werden in meinem beruflichen Leben weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Als Radiologe habe ich den Wechsel von analog zu digital frühzeitig mitgemacht und gesehen, wie man damit Diagnostik und Therapie verbessern kann. In Hamburg durfte ich helfen, ein Klinikum zu digitalisieren und Prozesse papierfrei zu gestalten.

In Deutschland haben wir besondere Herausforderungen im Bereich Big Data, wir benötigen Cloud-Lösungen und mehr Infrastruktur. So wird es mir in Zukunft sicher nicht langweilig. Was mich wirklich zum Ticken bringt, ist die Transformation von Powerpoints in die Realität. Das habe ich schon einige Male erleben dürfen. Also: Nicht nur gute Ideen haben, sondern dafür sorgen, dass sie im Interesse einer besseren Medizin auch umgesetzt werden.

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