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Lesetipp Mehr als „Ruhm & Wahnsinn“

Dass zwischen Genie und Wahnsinn manchmal nur ein schmaler Grat liegt, ist lange bekannt. Persönlichkeiten, die „Ruhm & Wahnsinn“ verbindet, stehen im Mittelpunkt des gleichnamigen Werkes von Prof. Dr. Dr. Thomas Köhler. Und das profund: Der Arzt und Psychologe geht u.a. zu Ernest Hemingway, Vincent van Gogh, Wilhelm II. oder Ronald Reagan gezielter als in anderen Büchern der Frage nach, unter welchen Störungen die Berühmtheiten wirklich litten und wie sich diese Diagnosen auswirkten. Dabei ist über 24 Personen bedeutend mehr zu erfahren als bislang bekannt.

Dass Ernest Hemingway seinem Leben per gewaltsamen Suizid ein Ende setzte und Vincent van Gogh sich ein Ohr abschnitt – diese traurigen Geschichten kennt wohl jeder, der sich für Kultur und Kunst interessiert. Doch hinter solchen Schicksalen stecken viel mehr medizinische oder psychische Wahrheiten, als die gängigen Schilderungen es vermuten lassen.

So hat sich Prof. Dr. Dr. Thomas Köhler, der am Psychologischen Institut der Universität Hamburg als Privatdozent tätig ist, zum Ziel gesetzt, mehr Licht ins Dunkle der bisher bekannten Erkenntnisse zu bringen. Oder besser: An einigen Stellen räumt der Arzt und Psychologe gar mit zu oberflächlichen bzw. falschen Diagnosen auf.

24 Namen, 24 Schicksale

Um einen klaren Überblick zu schaffen, werden 24 Personen erwähnt und drei Schwerpunkten zugeordnet: Es geht erst um organisch bedingte psychische Störungen, dann um Schizophrenie und verwandte Störungen, schließlich um affektive Störungen.

So widmet sich der Aspekt Demenz etwa dem früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und der britischen „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher. Unter Syphilis litten beispielsweise die Komponisten Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und der berühmte Geiger Niccolò Paganini. Mit Schizophrenie kämpften u.a. der Maler van Gogh, Bayerns sagenumwobener Ludwig II. und Johanna die Wahnsinnige, Anfang des 16. Jahrhunderts Königin von Kastilien. Depression, Manie und bipolare Störung werden anhand der Biografien von Schriftstellern wie Virginia Woolf und Hemingway aufgezeigt.

Was verbirgt sich hinter „Wahnsinns-Typen?

So nimmt sich der Autor also vielen „Wahnsinns-Typen“ an – aber waren sie wirklich schizophren? Ist Hemingways ganzes Werk gar ein Resultat seiner affektiven Störung? Und inwiefern waren psychische Erkrankungen überhaupt richtungsgebend für das Leben vieler Persönlichkeiten?

Tatsächlich zeigt das Auf und Ab der Stimmung Hemingways eindrucksvoll, was es heißt, an einer bipolaren Störung zu leiden. Und kaum jemand eignet sich besser als der Philosoph Friedrich Nietzsche, um den dramatischen Krankheitsverlauf der Syphilis zu illustrieren. Nicht zu verkennen auch der Aspekt, welche Rolle familiäre Häufung und Vererbung solcher Krankheiten spiel(t)en.

Kurzweilige Lektüre mit überraschenden Einblicken

Dass sich dieses populärwissenschaftliche Taschenbuch über 200 Seiten wunderbar fließend liest, liegt einerseits an der bildhaften Sprache, mit der viele Anekdoten und Zeitzeugenberichte geschildert werden. Andererseits stolpert der Leser nicht permanent über „zu viel“ ausufernde Sachlichkeit, denn Köhler hat die wichtigsten medizinischen Details – für wer mehr wissen möchte – lieber am Ende in ein Glossar gepackt.

Eine spritzige, äußerst kurzweilige Lektüre, voller Informationen und manchmal überraschenden Einblicken, die richtig Spaß macht.

Buchtipp:
Köhler T. (2017) Ruhm und Wahnsinn. Psychische Störungen berühmter Persönlichkeiten. Stuttgart: Schattauer. ISBN: 978-3-7945-3270-4

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