Aus dem Markt -

Medizinische Kapsel reist durch den Darm

Jeder fünfte Patient im Wartezimmer von Ärzten leidet am Reizdarmsyndrom (RDS). Die Diagnose ist aufwendig. Abhilfe soll die SmartPill leisten. Doch die Kapsel, die durch den Darm wandert, um dort Daten zu sammeln, hat auch Nachteile. Forscher aus Jena haben jetzt eine verbesserte Kapsel entwickelt.

Herz und Kreislauf kann jeder niedergelassene Arzt durch Blutdruckmessung und EKG prüfen. Die Diagnose von RDS ist viel komplizierter: Mit Ultraschall, Blutuntersuchungen sowie Magen- und Darmspiegelungen müssen zunächst organische Ursachen ausgeschlossen werden. Dann erst kann der Arzt durch Erfragen von Symptomen auf RDS schließen. Der Leidensdruck und auch die Kosten können erheblich sein. In den USA wurden beispielsweise die Kosten, die 2004 durch RDS verursacht wurden, mit bis zu 30 Milliarden Dollar angegeben.

SmartPill: Vor- und Nachteile

Daher stößt eine neue Methode des Herstellers SmartPill Corporation (USA) auf großes Interesse: sie kann ambulant eingesetzt werden und lässt dem Patienten volle Bewegungsfreiheit. Eine spezielle Kapsel (die sogenannte SmartPill) wird vom Patienten geschluckt. Auf ihrem Weg misst sie Temperatur, Druck und Säuregrad (pH-Wert) im Darm und sendet die Daten an einen Empfänger, den der Patient am Körper trägt. Die Bewegungsvorgänge im Darm, also die eigentliche Motilität, kann die SmartPill allerdings nicht erfassen. Außerdem ist sie so groß, dass sie unter Umständen im Darm stecken bleiben kann. Trotzdem wird sie von vielen Ärzten in den USA bereits eingesetzt und in erheblichen Stückzahlen von SmartPill Corp. produziert und verkauft.

Die Lösung kommt aus Jena

Eine Forschungsgruppe der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena unter Leitung von Prof. Dr. Matthias Bellemann (FB Medizintechnik/Biotechnologie) und dem Gastwissenschaftler Prof. Dr. Wilfried Andrä entwickelte kürzlich ein System, mit dem erstmals wirklich die Bewegungen im gesamten Darm beobachtet werden können. Das Gerät kann ebenfalls am Körper getragen werden. Die dabei benutzte Kapsel ist viel kleiner als die SmartPill und kann problemlos den gesamten Darm passieren. Sie erfasst die Bewegungen des Darminhaltes kontinuierlich während der gesamten Passagezeit und zeigt sie dreidimensional in Echtzeit auf einem Bildschirm an. Die Beobachtung und medizinische Beurteilung kann auch entfernt in einer Arzt-Praxis stattfinden, ohne dass der Patient anwesend sein muss.

Clevere Kapsel transportiert auch Wirkstoffe

Das neue System verwendet ein neuartiges magnetisches Ortungsverfahren, das ohne ionisierende Strahlung arbeitet. Besonders interessant ist, dass sich mit der neuen Methode auch die Passage einer erweiterten Version der Kapsel beobachten lässt, die Wirkstoffe transportieren kann. Diese können ferngesteuert freigesetzt werden, sobald die Kapsel das gewünschte Zielgebiet erreicht hat.

Jenaer Kapsel punktet mit geringeren Kosten und strahlungsfreier Ortung

Das Kapselsystem der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena ist dabei deutlich einfacher aufgebaut als die bereits zugelassene Enterion™-Kapsel (Fa. Quotient Bioresearch, UK) und die angekündigte iPill- bzw. IntelliCap-Kapseln (Fa. Philips Research, NL) und bietet weitere wichtige Vorteile, wie die strahlungsfreie Ortung, die Verwendung von biokompatiblen Materialien und deutlich niedrigere Herstellungskosten.

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