Import -

Dreharbeiten zur Fortsetzung der „Charité“-Serie beendet Medizin unterm Hakenkreuz

Durchschnittlich 7,47 Millionen Zuschauer verfolgten 2017 die historische ARD-Serie „Charité“ – mit Spannung wird die 2. Staffel erwartet. Bei der Fortsetzung steht der so berühmte wie umstrittene Chirurg Prof. Ferdinand Sauerbruch im Mittelpunkt, der während des Dritten Reichs in Berlin praktizierte. HCM schnupperte bei den Dreharbeiten.

Der Außenanblick mutet irritierend an: In diesem Klostergemäuer mit Kirche soll die „Chirurgische Universitätsklinik der Charité, Berlin, gegründet 1710“ sein? So zumindest verspricht es das frisch polierte Emailleschild draußen am Treppenaufgang des Hofes. Die schwere schwarze Eisentür knarrt, dahinter drinnen ein ebenso antikes Entree mit der Aufschrift „Anmeldung“ in einem Holzrahmen gefasst. Und direkt daneben jede Menge weiße Blätter mit vielen Pfeilen, wie frisch aus dem Drucker: „Requisite“ rechts, „Kostüme“ und „Maske“ links, „Dining Room“ unten, „Set“ oben. Das passt nicht zusammen? Doch, und wie – willkommen am Hauptdrehort zur 2. Staffel der ARD-Erfolgsserie „Charité“.

Hier, im Prager Stadtteil Smíchov oberhalb der Moldau, hat das Filmteam für die 2. Hälfte der Drehzeit Quartier bezogen. Auf dem Drehplan stehen alle Szenen, die für die Fortsetzung in den Innenräumen spielen. Allerdings nicht, wie bei der 1. Staffel, rund um das Dreikaiserjahr 1888 – eine Erfolgsgeschichte, die der ARD mit durchschnittlich 7,47 Millionen Zuschauern vor einem Jahr einen Megahit bescherte hatte. Sondern bei den nächsten sechs Episoden à knapp 49 Minuten, die voraussichtlich im Frühjahr 2019 ausgestrahlt werden, steht Prof. Ferdinand Sauerbruch (1875 bis 1951) im Mittelpunkt. Der brillante Chirurg kam 1927 an die Charité. Zu dem Zeitpunkt hatte er in München bereits Adolf Hitler behandelt. 1933 bekannte er sich dann öffentlich zu dessen Politik. 1937 nahm er auch den Deutschen Nationalpreis der Nationalsozialisten entgegen und ermöglichte als medizinischer Gutachter des Deutschen Reichsforschungsrates die Menschenversuche von Josef Mengele in Auschwitz. Die ambivalente Kehrseite später: Der Mediziner schützte Mitarbeiter vor Verfolgung, hielt bis zuletzt zu jüdischen Freunden und kritisierte das Naziregime schließlich. Die neuen Drehbücher handeln auf gut 400 Seiten von den Jahren 1943 bis 1945 in Berlin. Ähnlich wie bei den ersten TV-Folgen wurden dafür wieder historische Fakten und Figuren mit einer fiktiven Story verwoben. Zum einen muss etwa ein Ärzteehepaar um das Leben seines behinderten Babys kämpfen. Zum anderen spiegeln Persönlichkeiten wahre Begebenheiten – darunter Sauerbruchs Ex-Kollege Prof. Karl Bonhoeffer, dessen Schwiegersohn Hans von Dohnanyi und Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die in den Widerstand gingen, oder der damals neue Charité-Psychiatrie-Direktor Max de Crinis, der als Nachfolger Bonhoeffers die Euthanasie vorantrieb.

Ein ähnliches Mammutprojekt also wie zuvor, das über insgesamt 62 Drehtage zwischen Dezember 2017 bis März 2018 in puncto Kulissen, Ausstattung, Requisiten, Kostümen oder Maske erneut Superlative aufbot. Und bis ins kleinste Detail so gut wie möglich originale Umstände nachvollzieht. „Hier vor Ort gibt es genau die Architektur aus der damaligen Berliner Zeit, trotzdem mussten wir Plastikverkleidungen von den Decken entfernen oder Böden neu auslegen. Wir haben circa zu 80 Prozent in die Räume rein- und umgebaut, außerdem wurden einzelne Flure je nach Klinikstation verschieden gestrichen“, erzählt Henriette Lippold, die Ausführende Produzentin der Firma UFA Fiction, die im Auftrag der ARD auch die 2. Staffel realisiert. „Der Großteil der Möbel stammt tatsächlich aus den 1940er-Jahren. Bei einer Sauerbruch-Büste handelt es sich um eine Kopie aus dem Nachlass der Familie, und eine Hand-Prothese, die Sauerbruch entwickelt hatte, ist ein Original, das das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité für den Dreh zur Verfügung stellte.“ Dazu kommen auch zwölf Körperdummys u.a. von Babys oder Verletzungen, die Maskenbildner Gregor Eckstein beeindruckend realistisch nachempfand. Nicht zu vergessen Sauerbruchs Hund, eine (Weihnachts-)Gans und ein Frosch – denn mittels dieser Amphibien wurde damals eine Schwangerschaft nachgewiesen. In diesem illustren Ambiente sorgten gut 130 internationale Stabmitglieder hinter der Kamera, 2.000 Komparsen und 70 Schauspieler schließlich für das Serienleben, das bald wieder die Fernsehzuschauer fesseln soll. Regie führte jetzt Anno Saul, die renommierte Darstellerriege führen etwa Ulrich Noethen ­(„Comedian Harmonists“) als Prof. Sauerbruch und Mala Emde (mehrfach ausgezeichnet für ihre Titelrolle in „Meine Tochter Anne Frank“) als junge Ärztin an.

Wie viel Zweiter Weltkrieg wird gezeigt?

Herausforderung für die bewährten Serien-Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann – die wieder von Prof. Dr. Thomas Schnalke, dem Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, beraten wurden – war nicht nur, die politisch widersprüchliche Hauptfigur Prof. Sauerbruch mit zudem allen medizinischen Leistungen nachzuzeichnen, sondern auch zu überlegen, wie viel Zweiter Weltkrieg wird wie gezeigt. „Eine sehr brisante Zeit“, bestätigte auch Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, bei seinem Besuch am Drehort. „Das ist nicht nur charakterisiert durch die Themen, die jetzt bearbeitet werden, sondern auch durch die Personen, die nun dargestellt werden müssen.“ Es handele sich darum, wie unter einer nationalsozialistischen Regierung überhaupt Medizin praktiziert werden konnte – „einerseits dem medizinischen Eid gerecht zu werden, andererseits sich mit einem System zu arrangieren, dem alles andere als ethische Prinzipen zugrunde lagen“. Nicht zuletzt gehe es darum, den damaligen Niedergang der Wissenschaft eben durch politisch-absolutistische Rahmenbedingungen aufzuzeigen. „Ich bin dankbar, dass das in einer 2. Serienstaffel thematisiert wird. Das ist nicht nur für gut 17.000 Mitarbeiter der Charité interessant, sondern bestimmt auch für Millionen Menschen in Deutschland“, so Einhäupl.

Neue Ästhetik, neuer Stil

Für die Bildschirm-Verantwortlichen bedeutet die Fortsetzung „eine Reise, von der anfangs niemand eine Ahnung hatte, wo sie uns hinführen wird“, wie die zuständige Redakteurin Jana Brandt vom Mitteldeutschen Rundfunk im Hinblick auf die gigantischen Einschaltquoten der 1. Staffel resümiert. So habe man sich nun auf den „Wahnsinn“ eingelassen, mit der Mischung aus Zeit- und Medizingeschichte an einem anderen, späteren chronologischen Punkt der „Charité“ anzusetzen. Gleichwohl: „Es gibt eine völlig neue Ästhetik, einen völlig neuen Stil“, verspricht Produzent Nico Hofmann von UFA Fiction, „und ich möchte betonen, ohne die direkte Zusammenarbeit mit der Charité, die weit über das Übliche hinausgeht, wäre das nicht möglich gewesen.“

Alle wichtigen Hintergründe zur neuen Serie gibt's bei HCM

Auch HCM wird wie zur 1. Serienausstrahlung die Zusammenarbeit weiter begleiten. Für die TV-Fortsetzung haben wir bereits Interviews u.a. mit Regisseur Anno Saul und Hauptdarsteller Ulrich Noethen geführt, werden in den nächsten Monaten ebenso gesondert den kompletten historischen Hintergrund näher beleuchten.

Zum exklusiven Bildmaterial vom Dreh geht's mit einem Klick hierauf.

© hcm-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen