Die Kolumne von Eckhard Eyer Licht am Ende des Tunnels?

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In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Eckhard Eyer mit der aktuellen Studie „Ich pflege wieder, wenn …“ und den Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de – © Eckhard Eyer

Die Arbeitnehmerkammer in Bremen und die Universität Bremen überschreiben ihre aktuelle Studie mit „Ich pflege wieder, wenn …“. Die differenzierte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens 300.000 Vollzeit-Pflegefachkräfte wieder für ihren Beruf gewonnen werden könnten, wenn die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert würden. Eine Umfrage des Münchner PKV Instituts unter Medizinischen (MFA) und Zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) hat eine hohe Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ergeben. „Unterbesetzte Teams und mangelnde Wertschätzung“ überschreibt das Softwarehaus Quinyx seine Studie zu den Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Die aktuelle Situation

Der Fachkräftemangel ist bereits heute so groß, weil Pflegepersonal lange Zeit, insbesondere im Krankenhausbereich, v.a. als Kostenfaktor gesehen und abgebaut wurde, während die Zahlen der zu behandelnden Patientinnen und Patienten anstiegen. Die Arbeitsbelastung sowohl in der Langzeit- als auch in der Krankenpflege ist dementsprechend hoch und schlägt sich in einer großen Arbeitsunzufriedenheit nieder, die stärker als in anderen Berufen ist. In der Folge leiden Pflegekräfte deutlich häufiger unter körperlichen, psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Folglich sind die Krankenstände sind in der Pflege besonders hoch und Pflegekräfte sind länger arbeitsunfähig als Beschäftigte aus anderen Branchen und das mit einer steigenden Tendenz.

Die Ursachen

Die Hauptursachen für die mangelhafte Gesundheit von Pflegekräften sind Arbeitsverdichtung, längere Arbeitszeiten, Schichtdienste, mehr Verantwortung sowie der Fachkräftemangel. Würde das Niveau an Arbeitsunfähigkeiten und Frühverrentungen in der Pflege auf das Normalmaß in anderen Berufen reduziert, entspräche das laut Barmer Pflegereport 2020 einem Volumen von 26.000 Pflegekräften, die für die Pflege zur Verfügung stünden.

Gut 20 Prozent einer Ausbildungskohorte verlassen in den ersten fünf Jahren nach der Ausbildung den Pflegeberuf. Auch der hohe Anteil an Teilzeitarbeit ist insbesondere in der Krankenpflege eine Strategie der Menschen um mit der hohen Arbeitsbelastung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie fertig zu werden. In der Rückkehr in den Pflegeberuf und der Stundenerhöhung von Pflegekräften liegen große Potentiale die genutzt werden können. In der Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ wurden differenzierte Erkenntnisse zusammengetragen, die nicht neu sind aber mit interessanten Hochrechnungen verknüpft wurden.

Die 10 wichtigsten Bedingungen für einen Wiedereinstieg beziehungsweise eine Stundenerhöhung

  1. Wertschätzung durch Vorgesetzte
  2. Zeit für qualitativ hochwertige Pflege
  3. Bedarfsorientierte Personalbemessung
  4. Sensibilität von Vorgesetzten für Belastungen in der Pflege
  5. Tarifbindung
  6. Mehr Zeit für menschliche Zuwendung
  7. Garantie, an freien Tagen nicht arbeiten zu müssen
  8. Betriebliche Interessenvertretung
  9. Höheres Grundgehalt
  10. Höhere Zulagen für besondere Tätigkeiten

(gestaffelt nach Bedeutung, Quelle: Studie www.ich-pflege-wieder-wenn.de)

Die Potenziale

In der Studie werden für verschiedene Szenarien Hochrechnungen vorgenommen, die das Potential der Rückkehrer in die Pflege bzw. Stundenerhöhung aufzeigen. In dem konservativen Szenario ergibt sich bundesweit ein Zuwachs von von 300.000 Vollzeit-Pflegefachkräften und im optimistischen Szenario von 660.000 Vollzeit-Pflegefachkräften. Das Potenzial ist vielversprechend und sollte gehoben werden.

Henne oder Ei?

Bleibt die Frage zum Schluss: Wer geht den ersten Schritt? Wird die wertschätzende Mitarbeiterführung und Gestaltung der Arbeitsbedingungen durch die Arbeitgeber – in Verbindung mit einer angemessenen Refinanzierung – sichergestellt damit die Pflegefachkräfte wieder in ihren Beruf einsteigen oder steigen die Pflegefachkräfte wieder in ihren Beruf ein, weil ihnen versprochen wird, dass die Arbeitsbedingungen besser werden. Die Pflegefachkräfte waren bisher nicht in der Lage sich so zu organisieren, dass sie ihre Interessen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen vertraglich durchsetzen konnten. Ihre individuelle und „unorganisierte“ Flucht aus dem Beruf, die marktgerecht ist, kann möglicherweise eine neue „kollektive Initiative“ für bessere, menschengerechte Arbeitsbedingungen sein. Diese Auseinandersetzung sollte nicht auf dem Rücken der Patienten und Pflegebedürftigen ausgetragen werden, was allerdings nicht auszuschließen, sondern eher wahrscheinlich ist.

Kontakt zum Autor

Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting, info@eyer.de