Lesetipp: Im Angesicht des Todes

Sie ist jung, bildhübsch – doch der Krebs lässt ihr nur noch wenig Zeit. Trotzdem geht Laura Maaskant ihr Leben weiter so positiv wie möglich an. Wie das machbar ist, beschreibt die 22-jährige Studentin in ihrem beeindruckenden Buch „LEBE!“, das starke Nerven erfordert.

© Bastei Lübbe/Ehrenwirth

Im Alter von erst 15 Jahren erfährt Laura, dass sie Krebs hat: Die Ärzte finden einen Tumor zwischen ihren Rippen. Nach Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung gilt sie zunächst als geheilt, kann Abitur machen und beginnt Kunstgeschichte zu studieren. Doch 2013 werden Metastasen in ihrer Lunge entdeckt, und nun wendet sich das Blatt radikal, denn dieses Mal ist die Diagnose schlecht. Keine Hoffnung auf Heilung, die Prognose lautet auf noch höchstens zwei Jahre.

Schauen wir in den Kalender, so tickt, laut Ärzte-Prognose, jetzt, zwei Jahre später die Uhr … Doch zum Glück feierte die Holländerin im März ihren 22. Geburtstag. Obwohl sie sich bei der zweiten Diagnose gegen weitere Behandlungen entschieden hatte.

Nur noch zwei Jahre? Das ist Lebenszeit!

Nun könnte man meinen, dass die Holländerin medizinische Maßnahmen verweigerte, weil sie der Torturen müde war, weil sie aufgab. Was wohl absolut nachvollziehbar wäre, nicht zuletzt für den Leser, der das Buch schon mit einem leichten Kloß im Hals aufschlägt und auf so ziemlich alles gefasst ist.

Aber bereits im Vorwort lenkt die Autorin ihre Geschichte ins Gegenteil. „Das hat mir nie den Schlaf geraubt: Ich döse sofort ein. Ich bin entspannt,“ schreibt sie. Und ergänzt gar: „Das Leben selbst bringt mich in Hochstimmung.“ Das nimmt nicht nur genau so für die Lektüre Anspannung, sondern macht v.a. neugierig: Wie kann es sein, im Angesicht des Todes so positiv zu leben?

Darf man Laura glauben, ist die Antwort eigentlich einfach: Zwei Jahre Zeit ist dennoch Lebenszeit. Und die einzige Frage ist, wie sie sich so fröhlich und intensiv wie möglich gestalten lässt.

Das Ende einer langen Suche

Dabei gibt es gesundheitliche Höhen und Tiefen, natürlich, die die junge Frau nicht ausklammert, sondern im Alltag inzwischen schlicht mitnimmt. Und das ist eine der „Künste“, die die Kunststudentin sich offenbar in jeder Hinsicht zu eigen gemacht hat: jede Entwicklung anzunehmen, nicht mehr zu verzweifeln. Denn auch die vielen Fragen, die sich bei so einer Diagnose zwangsweise stellen, ob für einen Patienten oder sein Umfeld – warum ich? wie lange noch? –, konnte Laura sich beantworten. Indem sie erkannte, dass es darauf keine Antworten gibt.

Sehr philosophisch ist sie hingegen längst zu anderen Erkenntnissen gekommen, die sie ebenfalls schon gleich auf Seite 15 klarstellt: „Das Buch ist das Ende einer langen Suche nach dem Glück und dem Sinn des Lebens. Am Ende habe ich verstanden, dass man das Hier und Jetzt nicht suchen kann, denn wer sucht, läuft an der Gegenwart vorbei.“ Und die gestaltet sie lieber sehr aktiv: Laura lernt Deutsch, unternimmt Reisen, ist gern am Meer und genießt jedes Zusammensein mit ihrer Familie und Freunden. Egal, was sie schildert – es setzt beim Lesen sofort die Reflexion in Gang, wie man sich selbst verhielte. Und erst recht: Wie richtig ist es, das alles so zu tun, um es wahrzunehmen! Doch warum beachtet man es im „gesunden“ Alltag zu wenig … Und: Was ist eigentlich Zeit?

Mit Mut und Freude bis zum Schluss

Es wäre vermessen zu behaupten, dass man eine unheilbare junge Frau um diese Zeit und diese Intensität beneiden könnte. Aber lernen lässt sich ungeheuer viel: von dieser Energie und Fröhlichkeit, dem Optimismus und dem großen Mut, von Klugheit und Weisheit. Mit immenser Kraft sieht Laura jedem Tag mit Freude entgegen und bedankt sich, trotz allem, dafür beim Leben selbst.

Auf dieser manchmal schauerlich emotionalen Reise über 208 Seiten muss der Griff zum Taschentuch erlaubt sein. Dann ist das Durchhalten auch mehr als eine Belohnung. Denn wegzulaufen, siehe Laura Maaskant, gilt nicht.

  Buchtipp  
Maaskant L. (2015) Lebe! Köln: Bastei Lübbe/Ehrenwirth.