Lesetipp: Heilen, Hoffen und Scheitern eines Hirnchirurgs

Dass ein Hirnchirurg mit 65 in Rente geht, ist nicht ungewöhnlich. Wenn es aber Henry Marsh ist, einer der renommiertesten Fachärzte Englands und jahrelang weltweit aktiv, er abschließend ein frappierend ehrliches Zeugnis seiner Arbeit abliefert – dann ist besondere Lektüre garantiert.

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Sein Leben hat Henry Marsh mit unkalkulierbaren Risiken verbracht. Bis zum 1. Mai 2015, als er in Rente ging. Leben und Sterben, Anfang und Ende, Erfolg und Niederlage lagen bei ihm so nah beieinander, wie kaum bei anderen Menschen. Als einer der besten Hirnchirurgen Englands, der am Atkinsons Morlesy’s/St. George’s Hospital in London operierte und mit einer von ihm gegründeten Stiftung auch häufig in der Ukraine tätig war, hat sich soeben ein Fachmediziner aus dem Dienst verabschiedet, der seinesgleichen sucht und Spuren hinterlässt.

Nicht nur, weil der 65-Jährige Großes geleistet hat. Sondern weil er die Chuzpe hatte, uns ein umwerfendes Buch zu hinterlassen, dessen Titel Programm ist: „Um Leben und Tod“. Das heißt: Noch besser trifft es eigentlich der Untertitel „Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern“,

Was Sie noch nie wirklich wissen wollten

Wie fühlt es sich an, in das Organ zu schneiden, mit dem wir denken und träumen? Das rund um die Uhr unsere Gefühle, unser Handeln, den ganzen Alltag steuert und bestimmt? Für die meisten von uns eher ein Albtraum. Selbst für einen Experten eine ganz schmale Gratwanderung, ob medizinisch oder emotional.

Und über diese Gratwanderung berichtet Henry Marsh, wenngleich sehr persönlich, aber immer mit der gebotenen Distanz und angebrachten Sachlichkeit. Ein Beispiel: Während er einer jungen Schwangeren das Augenlicht rettet, die kurz darauf ihr Baby tatsächlich sehen kann, verliert am selben Tag eine Patienten Mitte 50 ihr Leben – ihr Tumor im Kopf war zu groß und gefährlich, kurz nach dem Eingriff riss ein Blutgefäß im Gehirn. Das ganze Ärzteteam steht vor der Freude über ein Neugeborenes und vor der Trauer über einen Verlust.

Ähnlich hat es Marsh oft erlebt, wie er in 25 Kapiteln erzählt, in unendlich vielen Facetten. Mal entfernte er erfolgreich ein Aneurysma oder kurierte einen sogenannten Tic douloureux, dann reichte es „nur“ für die wiederholte Operation eines bösartigen Hirntumors, die dem Patienten noch ein paar Lebensjahre schenkte. Diverse Hirnkrankheiten streift er dazu mit Leichtigkeit, aber so, dass der interessierte (Fast-)Laie sie auch versteht. Dazu schildert er seine Diagnosen, sein Vorgehen, seine Gedanken, schließt aber das Umfeld stets feinfühlig ein.

Verdienstorden für so viel Offenheit

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So zählen zu Marsh’ Erfolgen offenbar fast so viele Niederlagen. Sein Resümee: „Oft ist es ohnehin besser, der Krankheit ihren natürlichen Lauf zu lassen und überhaupt nicht zu operieren.“ Wohl dem, der sich im jahrelangen hektischen Berufsalltag noch diese Weitsicht und Offenheit erhält.

Marsh, dem 2010 der britische Verdienstorden verliehen wurde, verdient sich mit seinem Buch noch ganz andere Sporen: Bei allen so interessanten wie spannenden Details „demontiert“ sich hier ein „Halbgott in Weiß“ zu einem Menschen. Ein absoluter Hochkaräter der internationalen Medizinbranche präsentiert sich als Lebewesen mit Gefühlen und Zweifeln, er lässt uns teilhaben an diesem schwierigen Beruf und zeigt somit auf 347 Seiten, was es eigentlich bedeutet, rund um die Uhr einer fast monströsen Verantwortung zu entsprechen. Respekt und Hut ab vor dieser Lebensleistung.

Wie bemerkt Marsh am Ende: Ich hoffe, meine Patienten und Kollegen werden mir verzeihen, dass ich dieses Buch geschrieben habe.“ Hoffentlich tun sie das! Denn dieses Werk ist ein außergewöhnliches Geschenk.

  Buchtipp  
March H. (2015) Um Leben und Tod. Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern. München: Deutsche Verlags-Anstalt.