Lesetipp: Fehlentwicklungen und Selbstbetrug rund um Demenz

Als Geschäftsführer von Demenz Support Stuttgart verfolgt Peter Wißmann seit Jahren das gesellschaftlich zunehmend brisante Thema. Doch nicht zuletzt medizinisch treibt es zwischen Kaffeesatz und fragwürdigen Studien wilde Blüten, wie er schon in einem HCM-Interview kritisierte. Jetzt räumt der Fachmann mit Fehlentwicklungen, falschen Hoffnungen und Selbstbetrug auf – wichtig für alle, die täglich mit Demenz umgehen.

© Mabuse-Verlag

Eines gleich vorweg: Sollten Sie schon mehrere Bücher zu Demenz gelesen haben – dies ist ein so neues wie völlig anderes Werk. Sollten Sie zum Thema eher weichgespült-bekannte Informationen erwarten – machen Sie sich hier besser auf einen wachrüttelnden Schleudergang gefasst. Gut so!

Denn: Demenz ist in aller Munde. Die Medien berichten regelmäßig. In der „Demenzszene“ gären ständig neue Versorgungskonzepte, und die Forschung liefert Woche für Woche Meldungen über den angeblich bevorstehenden Durchbruch. Zuletzt hat sogar die Regierung eine Allianz für Menschen mit Demenz gebildet. Irgendwie sind wir alle voll am Ball, es könnte gar nicht besser laufen.

Doch, sagt Peter Wißmann, Geschäftsführer von Demenz Support Stuttgart und aktiver Insider seit mehr als 30 Jahren – und holt zu einem schonungslosen Rund-um-Schlag aus, dessen Kapitelüberschriften sofort die Marschroute vorgeben: „Lug und Trug“, „Trennen und Separieren“, „Die im Schatten stehen“, „Abgrenzen und vernebeln“ – bis hin zu „Die Erde – ein Jammertal!“

Schlechte Ideen führen zu einem gefährlichen Mainstream

Jammern ist seine Sache nicht. Sondern Wißmann nutzt allein bekannte Denk-, Handlungs- und Verhaltensweisen, um sie per Kritik auf den Kopf zu stellen. In den zurückliegenden Jahren sei zwar viel Positives erreicht worden. Dass das Thema Demenz nunmehr ein Selbstläufer ist, habe aber auch zu krassen Fehlentwicklungen geführt: Ziele würden nur vage definiert, Interventionen erfolgten wirr und wenig durchdacht. Mit großer Geste würde u.a. politisch gemacht, gemacht, gemacht – Hauptsache, das Gewissen ist beruhigt. Gute Ideen erschöpften sich so leicht in Worthülsen, schicken Phrasen und bequemen Ritualen. „Im Feld tummeln sich leider viele Scharlatane“, das hatte er schon im HCM-Interview der Ausgabe 9/2014 bemängelt.

Auf der anderen Seite seien neue und alte Irrtümer auf dem Vormarsch: Menschen mit Demenz sollen in eine schöne neue Welt von Wohlfühl-Inseln einziehen, möglichst abgeschirmt vom Rest der Gesellschaft, u.a. in so genannte Dörfer, wo Strand und Wind nur simuliert werden. Wenn die Bewohner tanzen, singen oder gärtnern möchten, dann bitte gut dokumentiert und mit therapeutischem Mehrwert. Schließlich sind sie vor allem krank und schließlich ist Demenz vor allem furchtbar.

Der Autor warnt auch: Aus vielen schlechten Ideen könne schnell ein gefährlicher neuer Mainstream entstehen. So könne es nicht weitergehen. Schnell, pointiert und provokant gelingt es ihm, dem Leser auf vielen der 150 Seiten ein plausibles Verständnis zu entlocken.

Streitschrift stößt zu Denkprozessen an

Gleichwohl lässt sich über seine Thesen streiten. Sind Pflegeoasen oder Demenzdörfer wirklich „schlecht“ oder „falsch“? Sind Therapien überwiegend Kosmetik? Ist „gut gemeint“ gleichsam „schädlich“? So weit geht selbst Wißmann nicht. Aber: Wie verblendet ist die „Demenzszene“? Reden wir uns das Thema anteilig schön und sortieren es lieber weg? Und welche Einstellung haben wir überhaupt zu „Krankheit“?

Das Buch will eine Streitschrift sein, kann dieses Anliegen voll erfüllen. Die wahre Stärke allerdings ist der Denkprozess, den Wißmann zu diversen Punkten (auch mit sich selbst) anstößt – man legt den schmalen Band mit dem unguten Gefühl beiseite, dass man eigentlich gleich noch einmal von vorn anfangen sollte. Und das ist ein ganz wichtiger Effekt: sich nicht zufrieden zu geben mit einer trügerischen Sicherheit. Ertappt wird man tatsächlich von Begriffen wie „Verunsicherung“ und „Ratlosigkeit“, doch der Insider ist schlau genug, dies zu gewähren.

„In der alternden Gesellschaft sind wir alle Teil der Demenzszene“

Außerdem benennt Wißmann Alternativen, indem er den Blick auf die Menschen lenkt, um die es eigentlich gehen sollte. Was nicht wirklich neu ist, es wäre wohl auch reine Unterstellung zu behaupten, dass immer mehr Ärzte oder Pflegende sich nicht um Verbesserungen in Krankenhäusern, Heimen und ambulant bemühten. Dennoch: Den Blick individueller zu schärfen, sich mehr in Menschen mit Demenz hineinzuversetzen, ist so Frage der Würde wie Notwendigkeit, die das Buch völlig zu recht abfordert.

Wie auch immer Leser nach der Lektüre urteilen: Eine „Entnebelung“ dieser Nebelwelt wird auf jeden Fall weiter tragen und kann Kurskorrekturen wie neue Initiativen nur befördern. Zitat Wißmann: „In der alternden Gesellschaft sind wir alle Teil der Demenzszene, ganz gleich, ob uns das bereits bewusst ist oder nicht.“ Einer seiner vielen Sätze zum Ausschneiden und An-die-Wand-Hängen.

Buchtipp
Wißmann P. (2015) Nebelwelten – Abwege und Selbstbetrug in der Demenzszene. Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag.