Hauptstadtkongress 2016 – Nachlese Teil 2 Krankenhäuser zwischen Ratings und Keimen

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Zu den Programmklassikern des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit zählt jedes Jahr die Präsentation des „Krankenhaus Rating Reports“, der aktuell wieder mit neuen Fakten überraschte. Auch das Dauerbrennerthema „Kampf gegen Keime“ wurde mehrfach beleuchtet, darunter mit einem spannenden neuen Projekt der Universitätsmedizin Greifswald.

Der „Krankenhaus Rating Report 2016“ ist zu beziehen über den Verlag medhochzwei. – © medhochzwei

Kein Hauptstadtkongress ohne die Vorstellung des aktuellen „Krankenhaus Rating Reports“. Die gute Nachricht der insgesamt zwölften Ausgabe, erstellt vom RWI, der Institute for Healthcare Business GmbH (hcb) und der Philips GmbH: Die Insolvenzwahrscheinlichkeit deutscher Krankenhäuser ist im Jahr 2014 weitgehend unverändert geblieben (elf Prozent befanden sich im „roten Bereich“ mit erhöhter Insolvenzgefahr), ihre Ertragslage hat sich hingegen verbessert, sodass im selben Jahr 54 Prozent der Kliniken voll investitionsfähig waren.

Ostdeutsche Bundesländer vorn – öffentlich-rechtliche Häuser hinten

In den ostdeutschen Bundesländern war die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser auch im Jahr 2014 wieder am besten. Am schwierigsten war sie in Niedersachsen/Bremen, Baden-Württemberg und Hessen. Auch wenn Verbesserungen zu beobachten sind, bleiben in vielen Regionen die Krankenhausstrukturen jedoch ungünstig: Es gibt zu viele kleine Einrichtungen, eine zu hohe Krankenhausdichte und zu wenig Spezialisierung. Gerade ein hoher Spezialisierungsgrad ist jedoch in wirtschaftlicher und qualitativer Hinsicht vorteilhaft.

Bei einer Betrachtung nach Trägern lagen 21 Prozent der öffentlich-rechtlichen Häuser im Jahr 2014 im „roten Bereich“, zehn Prozent der freigemeinnützigen und drei Prozent der privaten. Damit hat sich die Situation vor allem bei öffentlich-rechtlichen Häusern leicht verschlechtert.

Der kumulierte Investitionsstau beträgt rund 28 Milliarden Euro

In einer Sonderanalyse wurden zudem die ländlichen Grundversorger näher untersucht. Dazu zählen Krankenhäuser mit 50 bis 200 Betten, die nicht in kreisfreien Städten oder Stadtstaaten liegen und keine Fachkliniken sind. Im Jahr 2014 gab es insgesamt 231 solcher ländlicher Grundversorger mit rund 133 Betten je Einrichtung, vor allem in den Bereichen „Innere Medizin“ und „Chirurgie“. Ihre wirtschaftliche Lage war schlechter als der Durchschnitt.

Weiterer Wermutstropfen: Nach wie vor ist die Kapitalausstattung der Krankenhäuser unzureichend und der jährliche Investitionsbedarf von mindestens 5,5 Milliarden Euro wird derzeit nicht erreicht. Die Länder steuern nach wie vor nur die Hälfte davon bei, die Krankenhäuser aus eigener Kraft rund 1,9 Milliarden Euro. Dabei gibt es allerdings große länderspezifische Unterschiede. Der kumulierte Investitionsstau beträgt rund 28 Milliarden Euro. Bei Fortschreibung des Status quo aus 2014 würde der Anteil der Krankenhäuser mit erhöhter Insolvenzgefahr bis 2020 auf 23 Prozent steigen.

Neues Projekt für erfolgreiche Prophylaxemaßnahmen

Der Kampf gegen Keime hielt ebenfalls viele der 8.000 Kongressteilnehmer in Atem. 600.000 Erkrankungen und 15.000 Todesfälle jährlich allein in Deutschland – das ist die erschreckende Bilanz der Hygieneexperten, wenn es um Krankenhauskeime und besonders gefährliche multiresistente Bakterien geht. Um diese Zahlen nachhaltig und dauerhaft zu senken, sind neue Präventionskonzepte erforderlich.

Einen auch international neuen Weg geht dabei die Universitätsmedizin Greifswald. In einem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt soll untersucht werden, wie es am besten gelingen kann, erfolgreiche Prophylaxe-Maßnahmen zu etablieren.

Patienten sollen Hygienestandards auch vom Klinikpersonal einfordern

„Wir wollen dem Patienten beibringen, aktiv am Infektionsschutz mitzuwirken. Er muss zum Beispiel wissen, was Hygienemaßnahmen für ihn bedeuten und wie er selbst einfache Maßnahmen ergreifen kann. Dazu gehört etwa, sich vor den Mahlzeiten oder beim Kontakt mit Besuchern die Hände zu desinfizieren. Geplant ist auch, dem Patienten im krankenhauseigenen Fernsehprogramm kurze Videos zu zeigen, die ihm verschiedene Präventionsmaßnahmen näher bringen sollen,“ berichtete Prof. Claus-Dieter Heidecke, Ordinarius für Chirurgie an der Universitätsmedizin Greifswald und Vorsitzender der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Qualität, Sicherheit und Versorgungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Besucher sollen ebenfalls eingebunden werden.

Auch auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Schritte sind in der weiteren Entwicklung vorgesehen: „Wir wollen die Patienten dazu anhalten, Hygienestandards auch vom Klinikpersonal einzufordern, wenn sie von Ärzten, Pflegepersonal oder Therapeuten nicht eingehalten werden sollten,“ sagte Heidecke. Es sei ihm allerdings bewusst, dass das auf beiden Seiten ein Umdenken erfordere.

Lesen Sie als großen Überblick zum Hauptstadtkongress 2016 auch Teil 1 der HCM-Nachlese.

Mehr zum „Krankenhaus Rating Report 2016“ finden Sie hier .