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Videosprechstunden in Arztpraxen Konjunktur wegen Corona

Videosprechstunden waren in Thüringer Arztpraxen trotz Erlaubnis zur Fernbehandlung bislang eher selten. In der Corona-Pandemie hat die Furcht vor Ansteckung in der Praxis zu einem Aufschwung geführt.

Topic channels: Telemedizin und Digitalisierung

In der Corona-Pandemie sind deutlich mehr Thüringer Arztpraxen als bisher zu Videosprechstunden übergegangen, es bleibt nach Einschätzung von Fachleuten aber noch Luft nach oben. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nutzten zum Ende des ersten Halbjahres 548 ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten die Möglichkeit, ihre Patienten über Video statt direkt in der Praxis zu behandeln. Ende 2019 waren es lediglich 24. Inzwischen bedienen sich v.a. Hausärzte und Psychotherapeuten der Fernbehandlung per Video, wie ein KV-Sprecher sagte. Auch relativ viele Hautärzte böten Videosprechstunden an. Aktuell halte das Interesse an.

Im ersten Quartal dieses Jahres haben die Praxen 3.406 Videosprechstunden bei der KV abgerechnet, wobei die Pandemie im Januar und Februar noch nicht in Thüringen angekommen war. Für das zweite Vierteljahr, als viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung auf Arztbesuche verzichteten und zahlreiche Praxen zur weiteren Patientenversorgung Videosprechstunden einführten, liegen noch keine Abrechnungsdaten vor. Niedergelassene Ärzte rechnen jährlich mehrere Millionen Behandlungsleistungen ab.

Die Krankenkasse Barmer spricht angesichts der Entwicklung von einer beeindruckenden Steigerung. Landesgeschäftsführerin Birgit Dziuk verwies zugleich darauf, dass das Digitalisierungsniveau in den Arztpraxen vor der Pandemie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern «sehr niedrig» gewesen sei. Nach KV-Zahlen wurden noch im vierten Quartal 2019 lediglich 120 Videosprechstunden von den 24 dazu berechtigten Praxen abgerechnet. In Thüringen gibt es laut KV rund 4.200 ambulant tätige Mediziner und Psychotherapeuten.

Der Berufsverband der Vertragspsychotherapeuten sieht Vorteile in der Videobehandlung. Die Ansteckungsgefahr für Patienten und Behandler auch bei anderen Erkrankungen sei dadurch gebannt, sagte die Landesvorsitzende Juliane Sim der Deutschen Presse-Agentur. Auch Menschen in ländlichen Regionen mit schlechter Verkehrsanbindung, langen Anfahrtswegen oder körperlich eingeschränkte Menschen hätten so die Möglichkeit zur Therapieteilnahme. Problem sei allerdings die schlechte Internetverbindung in manchen Regionen. «Je dörflicher, je bergiger, desto schwieriger», so Sim.

Die Therapeutin mit einer Praxis in Unterwellenborn (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt) geht allerdings davon aus, dass die Nutzung von Videosprechstunden auf dem jetzigen Niveau kein Dauerzustand bleiben dürfte. Derzeit könnten Psychotherapie-Praxen aufgrund einer Sonderregelung noch unbegrenzt über Video behandeln, normalerweise sei dies auf 20 Prozent der Leistungen begrenzt. Diese Begrenzung werde dafür sorgen, dass die Zahlen wieder sinken. Zudem sei ein persönliches Gespräch nicht ersetzbar. Sim: «Der Kontakt in der Praxis ist normalerweise persönlicher, emotionaler und dadurch viel förderlicher für die Therapie.»

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