44. Deutscher Krankenhaustag/Ergebnis-Veranstaltung Entscheiderfabrik Kommt jetzt der Kurswechsel in der Krankenhauspolitik?

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Es besteht unaufschiebbarer Handlungsbedarf in der Gesundheitspolitik. Die Arbeitsbereiche sind klar definiert, umsetzbare Vorschläge zur Handlung vorgetragen. Jetzt ist die Politik gefordert, die Einrichtungen und ihre Mitarbeitenden schnell und wirksam zu unterstützen. Denn: „Wir stehen am Anfang einer sich für die Gesamtgesellschaft verschärfenden Pandemie.“

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    Dr. Gerald Gaß, Präsident des 44. Deutschen Krankenhaustages, wurde nicht müde zu erklären, wie wichtig das Impfen im Kampf gegen Corona und damit auch die Entlastung der Krankenhäuser und die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung ist.
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    Die Abschlussrunde des 44. Deutschen Krankenhaustages 2021 mit: (von rechts nach links) Dr. Josef Düllings, PD Dr. Michael A. Weber, Dr. Sabine Beringer, Matthias Blüm und Moderator Joachim Odenbach.

+++ Dieser Nachbericht wurde im Rahmen des 44. Deutschen Krankenhaustages täglich aktualisiert. +++

„Die Lage ist wirklich dramatisch. (…) Wir werden unweigerlich, selbst wenn wir ab heute alle zu Hause bleiben, das Niveau von 4.000 Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen in den kommenden zehn Tagen erreichen. (…) Es besteht dringendster Handlungsbedarf von Seiten der Politik, um die steigenden Infektionszahlen einzugrenzen“, mahnt Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG), angesichts der aktuellen Corona-Lage auf dem 44. Deutschen Krankenhaustag am 15. November 2021.“ Die Sorge vor Kollateralschäden sei groß. Damit wird bereits in den ersten Minuten der dreitätigen Tagung deutlich: Die Gesundheitsversorgung in Deutschland braucht ein Drehen an mehreren Stellschrauben zur gleichen Zeit und das „jetzt, nicht morgen“, wie es Dr. Sabine Berninger, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) Südost und Mitglied im DBfK-Bundesvorstand, sowie Pflegedirektorin des KJF Klinikum Josefinum Augsburg ausdrückte. Zeitgleich mit der vierten Welle der Corona-Pandemie haben die Leistungserbringer weiterhin mit den seit langen bekannten strukturellen Herausforderungen zu kämpfen und warten bisher vergeblich darauf, dass die Politik reagiert, sei es z.B. auf die von der Selbstverwaltung vorgeschlagene PPR 2.0 oder die seit Jahren geforderten Ausgleiche der fehlenden Investitionskostenfinanzierung durch die Länder. Der Frust in den Kliniken ist laut Gaß groß, daher brauche es dringend eine Politik, die handelt und Tatkraft zeigt.

Tatkraft, die die bisherige Politik u.a. bei folgenden Fragestellungen nicht gezeigt hat:

  • Warum gibt es bis heute keinen Nationalen Krisenstab bestehend aus den wesentlichen Akteuren des Gesundheitswesens?
  • Warum gibt es nach zwanzig Monaten Pandemie kein digitales Meldeverfahren, mit dem die Krankenhäuser die Zahlen zur Corona-Versorgung auf einem digital Weg übermitteln können?
  • Warum dürfen Arbeitgeber nicht erfragen, ob die Mitarbeitenden geimpft sind, während eine Pizzeria die Daten abfragen darf?

Impffrage: eine gemeinsame Pflicht erkennen

Zur Impfung hat die DKG klar Stellung bezogen und unterstützt die Empfehlung des Ethikrates an die Politik, eine Impfpflicht im Gesundheitswesen zu prüfen. „Wir werden eine Impfpflicht durchsetzen, wenn es notwendig ist“, sagt Gaß. Auch wenn im Raum stehe, dass man den ein oder anderen Mitarbeitenden verlieren könnte, denn das Verständnis geimpfter Mitarbeitenden gegenüber Impfverweigerern halte sich zunehmend in Grenzen. Es sei wichtig, innerhalb des Rechtes des Einzelnen, in der Impffrage „eine gemeinsame Pflicht zur Solidarität zu erkennen“, damit die Menschen, die auf medizinische Versorgung angewiesen sind, die nötige Intensivversorgung erhalten können.

Versorgung neu organisieren und das Personal mitnehmen

Wie bereits in den ersten Phasen der Pandemie, sind die Krankenhäuser nun erneut gefragt, alles zu tun, um die Versorgung sicherzustellen. Das bedeutet wiederum eine Neuorganisation der Versorgungsprozesse, auch im Sinne der gegenseitigen Unterstützung. Die so unweigerlich weiterhin entstehenden Erlösausfälle, müssen nach wie vor aber gedeckt werden. Ein Rettungsschirm 2.0 soll die nötige finanzielle Hilfe bringen – bis ins kommende Jahr hinein – denn auch 2022 wird die Pandemie noch nicht vorbei sein. In erster Linie gehe es darum, eine Liquiditätshilfe zu erhalten, die am Ende des Jahres wieder verrechnet werde.

Laut Beringer sollten aktuell v.a. mit Blick auf die Pflege vier Handlungsfelder im Fokus stehen:

  1. Die Schaffung eines Personalbemessungsinstrument, das wie die PPR 2.0 am Bedarf orientiert ist.
  2. Die Organisation von sicheren Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden mit Blick auf die Schutzausrüstung, aber auch mit Blick auf den Schutz vor körperlicher und psychischer Gesundheit.
  3. Investitionen in die Aus-/Fort- und Weiterbildung.
  4. Die Gestaltung einer Versorgung, die sich an den Kompetenzen der Handelnden orientiert und in den Prozessen die Patientenanforderungen abbildet.
„Die Pflege braucht v.a. einen Plan“ , sagt Berninger. Dieser müsse verlässlich und transparent kommuniziert werden. Dann könne es auch gelingen, die Pflegekräfte zu halten, die jetzt unzufrieden in den Einrichtungen arbeiten. In einem ersten Schritt könne es laut Düllings z.B. helfen, die Personaluntergrenzen in Zeiten der Krise auszusetzen.

Der Personalmangel trifft laut PD Dr. Michael A. Weber auch die Ärzteschaft. Der Präsident des Verbandes Leitender Krankenhausärzte Deutschlands (VLK), fordert daher beim Personalmangel nicht zu einseitig nach Lösungswegen suchen.  

Wie manövriert man Kliniken durch die Krise? Konkrete Ratschläge von Gaß und Berninger

Auf Rückfrage durch Health&Care Management gaben Beringer und Gaß konkrete Ratschläge für die deutschen Einrichtungen für den Weg durch die Krise, bis ein entsprechender Handlungsrahmen von der Politik gestaltet wird:

  • Den Mitarbeitenden und ihren Bedürfnissen mit Feingefühl begegnen und den Kontakt suchen.
  • So gut wie möglich für eine verlässliche Dienstplanung sorgen.
  • Möglichkeiten zu Supervisionen und Reflexion anbieten.
  • Achtsamkeit gegenüber der Belastungsgrenze von Mitarbeitenden zeigen und verhindern, dass diese überschritten wird.
  • Auszubildende wertschätzend behandeln und ihnen eine Chance geben, gut in den Job hinein zu wachsen, damit sie mit positiver Einstellung übernommen werden können.

„Wir werden in den Kliniken unser Bestes geben, um die Krise zu bewältigen“, erklärt Dr. Josef Düllings als Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) stellvertretend für das Klinikmanagement. Er gibt aber auch zu bedenken, dass in der Vergangenheit „der Wagen erst an die Wand fahren musste, ehe die Politik reagiert“. Fakt sei: „Wir werden als Krankenhäuer aus der vierten Welle nicht ohne Schäden hervorgehen – auch finanziell nicht.“

Finanzierungsreform, sektorübergreifende Versorgung, Pflegepersonalbemessung

Dass es schon bald eine Krankenhausfinanzierungsreform geben wird, scheint klar. Wie diese aussehen kann, ist dagegen weniger ersichtlich. Was Dr. Heiner Garg (FDP), Minister für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren des Landkreises Schleswig-Holstein, aus den aktuellen Gesprächen der neuen Bundesregierung dazu verriet, lässt eine Anpassung des DRG-Systems vermuten, das zukünftig einen Vorhaltekostenblock erhalten könnte, um die Betriebskostenfinanzierung der Häuser zu decken.

Ein denkbares Szenario hinsichtlich der Investitionskostenfinanzierung, könnte wie folgt aussehen: Der Bund steigt regelhaft in die Investitionsfinanzierung ein und unterstützt nach einem Kriterienkatalog. Dabei sollen u.a. regionale Gegebenheiten und die individuellen Versorgungsstufen der Häuser berücksichtig werden.

Der VLK-Zukunftspreis geht an …

Prof. Dr. Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereiches „Gesundheit“ am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. „Augurzuky liefert nicht nur Zahlen, sondern immer wieder Ideen und Lösungen. (…) Bei all seinen Umtriebigkeiten hat er immer seine Unabhängigkeit bewahrt“, erklärte PD Dr. Michael A. Weber in seiner Laudatio einige der Gründe für die Auszeichnung seitens der leitenden Krankenhausärzte.
„Wir können die Zukunft aktiv gestalten“, erklärt Augurzky in seiner Rede, auch wenn die Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung aktuell kaum größer sein könnten. „Es wird uns aber nur gelingen, wenn wir bereit sind, offen für Neues zu sein – v.a. auch neue Versorgungsmodelle“, gab der Wirtschaftsexperte in seiner Dankesrede zu Bedenken.

Prof. Dr. Boris Augurzky (rechts) erhielt auf dem 44. Deutschen Krankenhaustag den VLK Zukunftspreis. Die Laudatio hielt PD Dr. Michael A. Weber, Präsident des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK). – © Screenshot HCM/DKHT 2021

Einblick in die Ergebnisse der Entscheiderfabrik

Die Ergebnis-Veranstaltung des Entscheider-Zyklus 2021 auf dem Deutschen Krankenhaustag stand im Zeichen „ Digital Health und Health-IT“ und wurde per Live-Stream übertragen. Dr. Josef Düllings, Präsident des VKD e.V. und Dr. Pierre-Michael Meier, Geschäftsführer der Entscheiderfabrik, begrüßten die Zuschauer und Zuschauerinnen. Düllings nannte als Topthemen die Abschaffung von Pönalen, die Förderung von Anreizen und die Finanzierung der anstehenden Betriebskostensteigerungen um 25 Prozent.

Inspiration, wie Digitalisierung im Krankenhausalltag Nutzen stiften kann, lieferten die Ergebnispräsentationen der fünf Digitalisierungsprojekte :

  • Zeit für das Wesentliche: Single Sign-On-Lösung
  • Optimal Bed Utilisation and Patient Flow within a hospital using real time patient flow
  • Health Data Office – Archivar 4.0 inside
  • Closed loop – Sprachverständnis mithilfe der künstlichen Intelligenz
  • Kontaktlos, sicher und effizient: Videosprechstunde & Chatfunktion als must have der digitalen Patientenaufnahme

Wie wichtig IT-Sicherheit ist, zeigte sich quer über die Themen hinweg. Beim Single-Sign-On z.B. müsse man den Wert für die User sehen, auch wenn dieser von einigen Sicherheitsfragen umgeben ist. Dr. Klaus-Uwe Höffgen, Chief Digital Officer Rheinland-Klinikum Neuss merkte an, man müsse eine Entlastung der IT hinbekommen. Der aktuelle Stand der Projekte war unterschiedlich: So ist beispielsweise die Ategris-Gruppe zum Zeitpunkt der Präsentation mit ihren Tests noch „im Labor“, während die Ameos-Gruppe schon dabei ist, anhand von Use Cases weitere Schritte zu planen. Einer der Berater, Dr. Andreas Zimolong, Geschäftsführer Synagon, sagte abschließend, es gebe noch einige Herausforderungen, die nicht nur technischer, sondern auch organisatorischer Art seien.

Klinikführer des Jahres 2021 ist …

Dr. Josef Düllings, Geschäftsführer des St. Vincenz Krankenhauses in Paderborn und Präsident des Verbandes der Deutschen Krankenhausdirektoren e.V. (VKD). Düllings erhielt seine Auszeichnung beim digitalen Entscheiderevent am 16. November im Rahmen des Deutschen Krankenhaustages.

Dr. Josef Düllings ist Klinikgeschäftsführer des Jahres. – © Screenshot HCM/Entscheiderfabrik

„Wir stehen am Anfang einer sich für die Gesamtgesellschaft verschärfenden Pandemie“

„Wir stehen am Anfang einer sich für die Gesamtgesellschhaft verschärfenden Pandemie. Die Gesellschaft hat nichts dazu gelernt. Die Kliniken holen die Kohlen aus dem Feuer und kehren die Scherben zusammen, die an anderer Stelle verursacht wurden. Wir wissen nicht, was in den kommenden Wochen auf uns zu kommen wird. Das ist eine sehr, sehr schwere Zeit. Ich kann verstehen, wenn Pflegekräfte sagen, dass sie nicht mehr auf der Intensivstation arbeiten möchten. Wir sind ein reiches Land, wir sind ein starkes Land, wir sind ein stolzes Land, aber wir haben versagt!“ Deutliche und emotionale Worte von Düllings zum Abschluss des 44. Deutschen Krankenhaustages. Der VKD-Präsident mahnte eindringlichst: „Wir brauchen wirklich einen Kurswechsel in der Krankenhauspolitik, das ist nicht Laber-Rhabarber. Die Kliniken stehen jetzt im Fokus. (…) Wir brauchen einen Rettungsschirm, wir brauchen mehr Bezahlung und mehr Wertschätzung für die Pflege und wir brauchen konkrete Entscheidungen, die die Pflege dahin positioniert, wo sie v.a. den schwer kranken Menschen helfen kann und das Überleben sichert. Jeder der persönlich betroffen ist, weiß wovon ich rede.“ Dabei helfen würden aber nicht Panik und Stigmatisierung von Menschen, die Angst vor der Impfung haben, sondern gesellschaftlicher Zusammenhalt, sachgemäße Kommunikation und Überzeugungsarbeit.

„Gehen Sie sorgsam miteinander um.“ So lautete Beringers Fazit am Ende des Krankenhaustages. „Alle im Krankenhaus tätigen Menschen leisten Außergewöhnliches. Wir müssen auf diese Menschen achten und wir müssen sie schützen. Aber wir müssen auch die Kliniken schützen, damit sie gut durch die Krise kommen.“

Insgesamt gehen die im Abschlusspanel vertretenen Akteure der Selbstverwaltung – neben Berninger, Düllings und Weber – auch Matthias Blüm, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, vorsichtig positiv gestimmt in die neue Legislaturperiode – wenn die angesprochenen dringenden Reformbereiche wie Personalbemessung sowie Struktur- und Finanzierungsreform sorgsam und schnell parallel zu den Herausforderungen der Corona-Pandemie angegangen werden.

Der 45. Deutsche Krankenhaustag 2022 startet am 14. November.

Weitere Inhalte zum Deutschen Krankenhaustag finden Sie in der kommenden Ausgabe von HCM sowie in der Sonderpublikation IT-Branchenreport 1/2022.