Zukunft Kommt das Metaversum auch ins Gesundheitswesen?

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Der erste „Metaverse in Healthcare Day“ fand am 8. August 2022 auf dem Telekom Campus in Bonn statt. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Kunstwort Metaverse im Kontext von Gesundheitsversorgung? Mirjam Bauer hat für HCM bei den Visionärinnen und Visionären nachgefragt und Perspektiven für die Zukunft mitgebracht.

Mateverse Matsuiewicz Healthcare
Avatare im Metaversum: Auch in der Gesundheitsversorgung kann das digitale Paralleluniversum Veränderungen bringen. – © Mirjam Bauer

Das Metaverse oder Metaversum kann durch virtuelle Zwillinge die Forschung und Entwicklung zu Medikamenten und Behandlungsmethoden voranbringen oder durch neue Technologien den Blick im Operationssaal erweitern. Der konkrete Pfad dorthin ist noch nicht festgeschrieben; es gibt zahlreiche, vielleicht auch noch unbekannte, Wege ins Metaverse oder Metaversum. Wie diese aussehen könnten, diskutierten Expertinnen und Experten der Gesundheitswirtschaft Anfang August in Bonn.

Künstliches Universum im Entstehen: Was hinter dem Metaverse steckt

Nils Müller, CEO der Innovationsberatung Trendone, definierte es in Bonn so: „Das Metaverse ist ein neuer Geschäfts- und Technologiesprung vom Web 2.0 zum Web 3.0, also die nächste Generation des World Wide Web. Das bedeutet: Wir haben nicht nur die Möglichkeit, vor einem System zu sitzen, sondern wir können dort eintauchen. Neben dieser Immersion mit einem Mix aus VR und AR gibt es eine zweite Komponente, die Token Economy mit Verträgen, Handel und Besitz. Einerseits handelt es sich beim Metaverse also um eine völlig neue User Experience, andererseits um eine neue Wirtschaftsform bzw. einen neuen Wirtschaftsraum.“

„Technisch stecken wir noch in den Kinderschuhen und haben gerade erst begonnen“, erklärte Sascha Cramer, Physiker und Metaverse-Entwickler. „Wir kennen die möglichen Anwendungsfälle nicht alle und lernen mit unseren Partnern täglich Neues. Da wartet noch einiges auf uns.“

Definition „Metaverse/Metaversum“

Aus den Worten meta und universe entstand das Kunstwort Metaverse, das man mit einer Art „übergeordnetem oder künstlichem Universum“ übersetzen kann. Hier soll die physikalische Realität mit Hilfe der erweiterten oder virtuellen Realität (AR oder VR) ausgebaut werden. Facebook wollte als erste große Socialmedia-Plattform von der neuen Cyberwelt Gebrauch machen und passte sogar seinen Namen „Meta“ nach einem Rebranding an die künstliche Welt an. Darin sollen künftig alle Elemente des Alltags miteinander vernetzt werden.

Das Metaverse in der Gesundheitsversorgung

Visionär Müller sprach in seiner Keynote zur Zukunft im Healthcare Metaverse 2030 u.a. von Innovationsökosystemen. Sie können als Startpunkte fungieren, weil das Metaverse noch längst nicht so etabliert ist wie das Web 2.0. Nicht jeder weiß, wohin er sich wenden soll, um Teil dieses Universums zu werden. Weil alles noch entsteht, müssen Unternehmen gemeinsam Innovationen schaffen und zusammenarbeiten. Dabei sollte jede entwickelnde Organisation sehen, welche Wachstums-, Chancen- und Zukunftsfelder sie erobern möchte und welche Partner mit welchen Fähigkeiten sie dazu braucht. Wichtig sei es, so Müller, anzufangen. Gute VR Services für die Weiterbildung sind ein sinnvoller Beginn.

Auch Dr. Gottfried Ludewig, Chef der Gesundheitssparte bei T-Systems, sieht aktuell in der Education und Kommunikation das größte Potenzial bei den Metaverse-Applikationen. Als Digitalisierungspartner des Gesundheitswesens hatte das Bonner Unternehmen gemeinsam mit den Partnern HMM Deutschland GmbH, TechBoost und der doob AG zum Metaverse Day eingeladen. Gemeinsam wollen die Unternehmen Metaverse-Strategien und -Lösungen für Krankenkassen und Krankenhäuser, für medizinisches Personal und für Patient:innen entwickeln.

Genau diese letzte Gruppe hält Istok Kespret, Geschäftsführer HMM Deutschland, für besonders wichtig: „Wir müssen nachdenken: Was haben unsere Kunden für einen Nutzen in der neuen Welt und wie entwickelt sich das sinnvoll weiter? Müller als unser Visionär für das Zusammenbringen künftiger Anforderungen und wir von der Datenbasis passen perfekt zusammen, um aus Zukunftsthemen und dem, was wir jetzt haben, sinnvolle Metaverse Anwendungen zu entwickeln. Auch wenn wir noch nicht wissen, wo wir landen werden. Es gibt diese Fortbildungs- und Schulungsthemen, die man jetzt schon fast abbilden kann in den vorhandenen Metaverse Räumen. Doch ich möchte die Patientinnen und Patienten irgendwann mitnehmen – über ihre digitalen Zwillinge. Daneben sollen Dinge wie die Hilfsmittelversorgung, die Kommunikation mit Kassen, Herstellern etc. im Metaverse abgebildet werden. Prozesse können hier einfach fließen. Mein Traum sieht so aus: Ein Arzt gibt etwas ein, ein Patient setzt seine VR-Brille auf und probiert aus; das geeignete Produkt wird bestellt, geliefert, angepasst und abgerechnet … einfach mega!“

Die Telekom ist für Kespret dabei ein großer technischer Enabler mit einer Affinität zu technischen Workflows, also ein perfekter Partner. „Die Seriosität und Reichweite dieser Firma ist nicht zu unterschätzen, wir dagegen sind Visionäre, die probieren und voranpreschen. Die Telekom holt uns da manchmal auf den Boden der Tatsachen zurück.“

Avatare und virtuelles Krankenhaus im Metaverse

Die Universitätsmedizin Essen ist ein weiterer innovativer Partner, bei dem klinische Prozesse abgebildet werden. So zeigten die Leiterin der Stabsstelle Digitale Transformation (CTO), Dr. Anke Diehl, und der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin Essen, Prof. Dr. Jochen A. Werner, wie weit ihre Klinik im Metaverse bereits existiert. Sie betraten als Avatare das virtuelle Krankenhaus und stellten verschiedene Funktionsabteilungen vor, in denen bereits echte Bilddaten hinzugefügt werden können. In Zukunft sollen Patientinnen und Patienten hier virtuell eintreten können, sich mit Räumen, Geräten, Diagnosen oder Untersuchungsmethoden beschäftigen. Sie dürfen Fragen stellen und sollen Antworten von Avatar-Ärztinnen und Ärzten oder Chatbots bekommen. Auf diese Weise kann eine Menge Zeit eingespart werden, die am Ende der realen Behandlung zugutekommt.

„Um Avatare zu bauen, wird eine echte Person in einer 3D Kabine eingescannt. Mit Hilfe von 66 Bildern entsteht über einen längeren Prozess ein 3D Modell“, erklärt der Physiker Cramer: „Begonnen haben wir vor einiger Zeit mit der Herstellung von Orthesen. Dafür wurden einzelne Körperteile eingescannt, um passgenaue Hilfsmittel zu entwickeln. Irgendwann kam die Idee auf, einen ganzen Menschen einzuscannen und so entstand unser erster Avatar.“

Auch wenn das technische Metaverse bereits ein gutes Stück weit entwickelt ist, bleiben andere Komponenten noch völlig unklar. Aus diesem Grund beleuchteten Prof. Dr. Stefan Heinemann und Prof. Dr. Alexandra Jorzig beim Metaverse in Healthcare Day die Schnittmengen von Recht, Ethik und Ökonomie. Der Ethiker und die Fachanwältin für Medizinrecht hielten fest: Durch das Metaverse ergeben sich völlig neue Geschäftsmodelle. Wir müssen darin das jeweils legitime, ökonomische und ethische Beste noch herausfinden und dann als neuen Rechtsraum definieren.

So lautete das Fazit des Tages: Einfach tun! Zu innovativen Ökosystemen gehören Mut, Zukunftssicht und das Zusammenbringen von Firmen, vor allem auch von Start-ups. Die drei Jungunternehmen Dermanostic, LÆMON und 4tiitoo GmbH stellten ihre digitalen Geschäftsmodelle kurz vor und nicht nur sie, sondern alle waren sich einig: Innovation beinhaltet auch „try and error“, Fehler machen ist normal. Und ähnlich wird sich das Metaverse wohl auch weiterentwickeln – keiner weiß aktuell, wie schnell und wohin. Vielleicht ist auch der Weg das Ziel.

10 x Digital Health

Der Metaverse in Healthcare Day fand im Rahmen der 10-x-Digital-Health-Reihe initiiert von Prof. Dr. David Matusiewicz, Prof. Dr. Alexandra Jorzig und Prof. Dr. Jochen A. Werner statt, die die Co-Hosts der Veranstaltung waren.