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Interview mit Gesundheitsminister Klaus Holetschek Gesundheitswesen in der Pandemie: Dank allein reicht nicht aus

Am 11. Januar 2021 übernahm Klaus Holetschek von Melanie Huml das Amt des Gesundheitsministers in Bayern. Im "offenen, kritischen Dialog in alle Richtungen" will er gemeinsam mit den Akteuren durch die Pandemie hindurch für eine Weiterentwicklung des Gesundheitssystems sorgen.

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Am 6. Januar 2021 wurde bekannt, dass Bayern mitten in der Corona-Pandemie einen neuen Gesundheitsminister erhält. Nur wenige Tage später, am 11. Januar, fand die offizielle Amtsübergabge statt. Der bis zu diesem Zeitpunkt als Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege tätige Klaus Holetschek ist damit die Nachfolge von Melanie Huml angetreten. Sie ist nun als Europaministerin in der Staatskanzlei tätig. HCM hat diesen überraschenden Wechsel zum Anlass genommen, um mit Holetschek über Hintergründe, Ziele und seine Vorhaben zu sprechen.

Der Wechsel im Gesundheitsministeramt kam gleichsam spontan wie überraschend. Erst im August 2020 wurden Sie zum Staatssekretär unter der damaligen Gesundheitsministerin Melanie Huml berufen. Erläutern Sie uns die Hintergründe?

Holetschek: Melanie Huml und ich waren ein gutes Team, die Zusammenarbeit war sehr gut. Wie das Kabinett besetzt wird, ist eine souveräne Entscheidung des Ministerpräsidenten Markus Söder. Meine bisherigen Tätigkeiten im Bereich Gesundheit, u.a. auch als Vorsitzender des Bayerischen Landesgesundheitsrates, waren die Grundlage für meine Berufung als Staatssekretär. Und jetzt habe ich die Verantwortung des Gesundheitsministers bekommen.

Während einer Pandemie das höchste Amt im Gesundheitsministerium in Bayern zu übernehmen, birgt auch viele Risiken und Unsicherheiten. Wie haben Sie sich dafür gewappnet?

Holetschek: Diese Risiken und Unsicherheiten sind eine große Herausforderung. Ich gehe dieses Amt mit großem Respekt und großer Demut an. Unterstützung bekomme ich dabei von sehr vielen fähigen und engagierten Mitarbeitern. Gemeinsam mit einem guten Team übernehme ich diese Verantwortung gerne. Letztendlich sind die aktuellen Herausforderungen aber nur in einer Gemeinschaftsleistung zu bewältigen und auch nur als Gesellschaft gemeinsam mit allen Bürgerinnen und Bürgern.

Welche Expertise bringen Sie und Ihr Team ganz konkret für diese Herausforderungen mit?

Holetschek: Wir haben viele Expertisen im Haus – z.B. Ärzte, Kliniker, Pharmazeuten und Juristen. So können wir die Themenbreite der Pandemie in all ihren Facetten umfassen. Ich selbst beschäftige mich mit dem Gesundheitswesen schon sehr lange, natürlich auch aus einer besonderen Perspektive: Bereits in meiner Zeit im Bundestag von 1998 bis 2002 und dann v.a. als Bürgermeister der Kneipp-Stadt Bad Wörishofen waren Gesundheitsthemen für mich zentral. Über die Verbindung zu den Bereichen Kuren und Heilbäder bzw. Kneipp betrachte ich Gesundheit aus dem Blickwinkel der Integrativen Medizin. Ich habe mir schon lange bewusst gemacht, dass die Stärkung des Immunsystems und damit die Prävention eine große Rolle spielen. In der jetzigen Situation liegt der Fokus allerdings auf der Bekämpfung der Pandemie und es ist wichtig, Prozesse zu optimieren, Entscheidungen zu treffen und diese auch zu verantworten.

Für die Vertretung des integrativen Ansatzes haben Sie in der Vergangenheit auch Kritik erhalten. Wie stehen Sie dazu?

Holetschek: Wenn ich von integrativer Medizin spreche, geht es für mich um klassische Naturheilverfahren, wie wir sie z. B. auch bei Kneipp finden und deren Wirksamkeit erwiesen ist. Das Thema Integrative Medizin ist nicht gleichzusetzen mit Homöopathie, die ich in vielen Punkten ebenfalls kritisch sehe. Ich bin allerdings der Meinung, dass man auch diesem Thema nachgehen muss. Denn viele Bürgerinnen und Bürger wenden Maßnahmen aus der Homöopathie an. Was wir brauchen, sind Studien auf höchstem wissenschaftlichen Niveau mit einer fundierten und seriösen Methodik. Ich wünsche mir zudem, dass wir mehr Lehrstühle für klassische Naturheilverfahren und die Integrative Medizin haben .

Zurück zu Ihrer neuen Position: Ministerpräsident Söder bezeichnet Sie immer wieder als "Macher". Sehen Sie sich selbst auch als solcher?

Holetschek: Das dürfen die anderen beurteilen. Mich hat meine Zeit als Bürgermeister sehr stark geprägt. Auch damals musste ich wie heute täglich weitreichende Entscheidungen treffen – im Sinne der Bürgerinnen und Bürger. Klar ist dabei: Fehler können zwar passieren – aber dann müssen wir aus ihnen lernen. Das Virus gibt das Tempo vor. Wir müssen in diesem Rahmen abwägen und Entscheidungen fällen. Es geht um die Menschen in unserem Land.

Wie treffen Sie denn solche gesellschaftlich hochrelevanten Entscheidungen?

Holetschek: Entscheidungen können nur auf Basis von Fakten gefällt werden. Dazu ist es notwendig, sich Expertise von außen z.B. aus Expertengremien zu holen. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, geht es auch immer darum, die Verhältnismäßigkeit ihrer Auswirkungen zu bewerten. Im Kontext der aktuellen Situation sind das keine einfachen Entscheidungen, aber mit der Basis der Wissenschaft werden sie auf einer guten Grundlage getroffen.

Bayern ist immer wieder als "vorpreschendes Bundesland", in dem sehr schnelle Entscheidungen im Umgang mit der Pandemie getroffen werden, in der Diskussion. Wie bewerten Sie diese?

Holetschek: Bayern hat sehr viele Maßnahmen früher ergriffen als andere Bundesländer. Wir handeln nach dem maßgebenden Grundsatz: Umsicht und Vorsicht. Dieser Kurs hat sich letztendlich bewährt.

Viele Krankenhäuser sind immer wieder an der Auslastungsgrenze. Hinzu kommt der Fachkräftemangel in der Pflege und die finanzielle Belastung. Wie planen Sie als Gesundheitsminister hier zu unterstützen?

Holetschek: Dafür gibt es Mechanismen wie Ausgleichszahlungen vom Bund. Wir wünschen uns, dass diese Mechanismen bei noch mehr Häusern, auch in der Grundversorgung, greifen. Ich werbe dafür, dass wir unsere Krankenhäuser unterstützen, wo wir können.

In Ihrem letzten Interview mit HCM haben Sie erklärt, dass Sie v.a. das Thema Fachkräftemangel in der Pflege auf Bundesebene adressieren möchten. Wie werden Sie das unternehmen und gibt es weitere Themen, die Sie nach Berlin bringen möchten?

Holetschek: In der Gesundheitsministerkonferenz, in der ich aktuell Vorsitzender bin, diskutieren wir sehr viel über Corona. Dabei steht auch immer die Frage im Raum, was wir aus der Pandemie lernen. Das ist für mich ein spannender Prozess. Ich möchte nicht, dass wir zur Tagesordnung übergehen, sondern uns auf die "Lessons Learned" konzentrieren. Ein Thema, das ich dabei im Zentrum sehe, sind die DRG. Wir müssen uns fragen, ob wir eine zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens möchten und wenn nicht, welche Lösungsansätze wir haben. Außerdem müssen wir uns im Bereich Pflege endlich zur radikalen Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen entscheiden und z.B. auch über steuerliche Befreiungen von Pflegekräften andenken.

Wie sieht für Sie ein verbessertes Gesundheitssystem in Deutschland aus?

Holetschek: Natürlich ist es im Krisenfall gut, wenn der Staat bestimmte Strukturen schaffen kann, die eine schnelle Handlungsfähigkeit ermöglichen. Ich wünsche mir aber keine Staatsmedizin wie in Großbritannien. Wir sollten unser System gemeinsam optimieren und uns immer wieder fragen: Wie gut sind wir? Auch wenn viele Dinge positiv laufen: Wer meint, aufhören zu können besser zu werden, liegt falsch. Die Pandemie gibt uns Hausaufgaben auf. Wir können gemeinsam viel Gutes auf den Weg bringen.

Als Gesundheitsminister ist es nicht nur Ihre Aufgabe die Gesellschaft durch die Pandemie zu führen, sondern auch die Akteure im Gesundheitswesen. Was dürfen Letztere von Ihnen erwarten?

Holetschek: Einen offenen, ehrlichen und kritischen Dialog in alle Richtungen. Für mich gibt es keine Denkverbote. Bei all der enormen Leistung, die erbracht wird, müssen wir immer darüber reden, wie wir Dinge verbessern können. Ich wünsche mir z.B. ein Moratorium gegen Bürokratie. Diese Krise ist eine Chance zu verändern, was wir schon lange kritisieren. Bürokratie steht da mit an vorderster Stelle.

Aktuell heißt es oft: "Wir fahren auf Sicht." Lassen Sie uns trotzdem den Blick in die Zukunft wagen. Wie geht es weiter?

Holetschek: Ich glaube, dass die Impfung das Licht am Ende des Tunnels ist. Sie ist aber zugleich auch der Flaschenhals, denn wir bräuchten vielmehr Impfstoff. Daraus leitet sich für die Zukunft die Frage ab, wie wir uns im Bereich Pharma und Gesundheitswirtschaft in Deutschland aufstellen. Wo kriegen wir schnell her, was wir brauchen und wie können wir als Standort attraktiv werden? Wir müssen die Diskussionen ehrlich führen und außerhalb des Systems denken.

Wie lautet Ihre Botschaft an die Akteure im Gesundheitswesen?

Holetschek: Mir ist bewusst, dass Dank allein nicht ausreicht. Wenn wir die Anstrengungen der Krise überwunden haben, wird die nächste große Kraftanstrengung folgen. Dann müssen wir in die Änderung kommen und Fehlentwicklungen aktiv angehen. Die Diskussionen müssen in Umsetzungen münden. Das muss unser Ziel sein.

Das Gespräch führte Bianca Flachenecker.

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