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Interview Pflege in den Medien: "Professionalität verkauft sich nicht gut"

Seit Ausbruch der Pandemie stehen Pflegende noch stärker im öffentlichen Rampenlicht. Den Fokus legen Berichte auf Personalmangel und emotionale Geschichten. Doch hilft das, die Umstände zu verbessern? Nein, sagt Pflegekraft Shirin Kreße, die sich für ein professionelles Bild der Pflege einsetzt.

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Die 23-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin Shirin Kreße koordiniert seit 2018 die "AG Junge Pflege" des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Kreße arbeitet im Berliner St. Hedwig Krankenhaus, zudem hat sie im Oktober 2020 den Bachelor of Nursing an der Evangelischen Hochschule Berlin abgeschlossen. Beim Deutschen Pflegetag im Oktober 2020 diskutierte sie u.a. mit Bundesministerin Franziska Giffey über die Pflegeausbildung.

HCM: Wie reagieren Andere, wenn Sie über Ihren Beruf als Pflegekraft sprechen?

Kreße: Es gibt zwei typische Reaktionen. Die einen sagen: ‚Das könnte ich nicht.‘ Darauf antworte ich: ‚Früher konnte ich es auch nicht. Dann habe ich drei Jahre Ausbildung gemacht und vier Jahre studiert, dann konnte ich Pflege.‘ Andere reagieren mit Mitleid und erwähnen die Bezahlung oder den Stresspegel. Das Bild der Menschen ist stark vom Personalmangel geprägt und man merkt, dass ihnen nicht klar ist, was Pflege wirklich ausmacht. Es ist frustrierend, dass häufig Stereotypen ausgepackt werden im Sinne von ‚satt und sauber‘ und unterstellt wird, Pflegekräfte haben den ganzen Tag nur mit Ausscheidungen zu tun. Vor allem wenn man selbst weiß, wie viel mehr Pflege eigentlich ist.  

HCM: Welches Bild der Pflege möchten Sie stattdessen nach Außen tragen?

Kreße: Pflegende werden häufig als Assistenten der Mediziner wahrgenommen, davon müssen wir wegkommen. Die Pflege ist ein eigener Beruf. Wir versetzen uns in die Lage der Patienten und fragen uns, wie wir die Person dabei unterstützen können, ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Die Medizin ist ein ebenso wichtiger Beruf, aber die Perspektive der Pflege ist einfach eine andere. Oft sind es kleine Ziele, die wir mit Menschen erreichen wollen. Außerdem ist die Pflege bei diesem Prozess beratend tätig, z.B. bei Fragen zu Wundmanagement, Ernährung oder Schlaf. Patienten fördern und motivieren, dass sie aktiv an ihrem Genesungsweg teilnehmen, hierzu leistet die Pflege einen großen Beitrag.

HCM: Davon zeigen Medien sehr wenig. Feuert die aktuelle Berichterstattung über die Pflege das schlechte Image an?

Kreße: Auf jeden Fall. Wenn ich zu Interviews eingeladen werde, fragen viele zuerst nach emotionalen Erlebnissen. Man spürt, dass nach Geschichten gesucht wird, die das Bild ‚es ist so schlimm und traurig in der Pflege‘ bestätigen. Auf eine verquere Art glauben Journalisten, sie würden mit Fragen dieser Art der Pflege helfen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

HCM: Sollten Negativbeispiele künftig ausgespart werden?

Kreße: Natürlich müssen wir zeigen was falsch läuft, aber gleichzeitig auch was Pflegende eigentlich tun und was sie tun könnten, wenn genug Personal da wäre. Denn Pflege steigert messbar die Qualität in der Genesung und Versorgung der Menschen. Genau das kommt in der aktuellen Berichterstattung zu kurz. Wenn die Medien wirklich helfen wollen, sollten sie die Kompetenzen und Professionalität in den Vordergrund stellen, die wir sogar unter den schlechtesten Umständen aufrechterhalten. Aber ich befürchte, das verkauft sich nicht so gut.

HCM: Corona hat Pflegende noch stärker in den Fokus der Medien gerückt.

Kreße: Corona hat es verschlimmert. Nun hört man nur noch, dass es zu wenig Pflegekräfte gibt. Gleichzeitig hat sich das mit einem Heldentum vermischt, das Pflegenden nun zugeschrieben wird. Anfangs wurde sogar der Begriff ‚systemrelevant‘ definiert und Menschen haben für Pflegekräfte geklatscht, aber aus dieser Aufmerksamkeit ist nicht mehr geworden. Es gab keine politische Veränderung, keinen Personalzuwachs und es wurde nicht genug dafür getan, dass Pflege-Aussteiger wieder in ihren alten Beruf zurückkehren wollen.

Gleichzeitig wurden Personaluntergrenzen ausgesetzt oder Pflegenden, die mit Corona infiziert waren, wurde erlaubt zu arbeiten. Wir hatten nicht das Gefühl, systemrelevant zu sein. Im Gegenteil, Pflegende waren wichtig, dass das System funktioniert, egal unter welchen Bedingungen. Es ist mittlerweile zu selbstverständlich geworden, dass Pflegekräfte so arbeiten, sonst gäbe es aktuell mehr Aufschreie. Es ist traurig, dass wir es als Gesellschaft nicht schaffen, Berufe die wir als systemrelevant definieren, zu unterstützen.

"Es ist traurig, dass wir es als Gesellschaft nicht schaffen, Berufe die wir als systemrelevant definieren, zu unterstützen."

HCM: Einige demonstrierten Ende vergangenen Jahres gegen die Schutzmaßnahmen. Was denken Sie, wenn Sie Polonaise tanzende Menschen in den Nachrichten sehen?

Kreße: Ich kann es mittlerweile nicht mehr ansehen. Es macht mich wütend, da ich Pflegekräfte kenne, die sich halb tot schuften. Diese Wut geht dann in Frustration und Trauer über. Gleichzeitig frage ich mich auch, was hätten wir tun können, dass so etwas nicht passiert? Gerade in solchen Momenten müssten wir doch dafür kämpfen, dass Menschen aufgeklärter sind, was Gesundheit betrifft. Dass sie die Möglichkeit haben, mit jemandem über diesen extremem Kontrollverlust durch Corona zu sprechen. Dass wir Menschen eben nicht alleine lassen mit solchen Situationen, und genau hier könnte Pflege eine super Ressource sein.

Pflege hat das Potenzial im ambulanten Bereich eigenständig zu arbeiten, das Gesundheitsverständnis in Schulen zu fördern, Hygienekonzepte zu erstellen oder für ältere Menschen da zu sein, die alleine zu Hause vereinsamen. Pflege hat das Potenzial die Gesellschaft zu unterstützen, aber wir schaffen es nicht einmal Pflegende eigenständig arbeiten zu lassen. Früher gab es z.B. das Konzept der ‚Gemeindeschwester‘, das sich heute im neuen Studiengang ‚Community Health Nursing‘ zeigt. Hier sieht man, dass es eigentlich wichtig wäre, Menschen in ihrer Region direkt in die Gesundheitsförderung einzubinden. Pflege hier zu stärken und zu unterstützen, kann uns als Gesellschaft helfen.

HCM: Bei wem liegt die Verantwortung, das volle Potenzial der Pflege auszuschöpfen?

Kreße: Damit Pflege selbstständig arbeiten kann, müssen Pflegende in die Heilberufe aufgenommen werden. Außerdem brauchen wir Pflegekammern auf Landes- und Bundesebene, hier sehe ich klar die Politik in der Verantwortung. Auch wenn in manchen Bundesländern die Akzeptanz von Pflegekammern gering ist, ist das meiner Ansicht die einzige Möglichkeit. Wenn wir wahrhaft eine Profession sein möchten, brauchen wir eine Berufsordnung. So können wir selbst bestimmen, wie Pflege stattfinden soll. Diese Schritte haben in anderen Ländern funktioniert und Deutschland muss hier nachziehen. Es wird immer mehr ältere Menschen geben, aber auch Infektionen, die durch die Globalisierung bei uns ankommen. Wir sind abhängig davon, dass unser Gesundheitssystem funktioniert und aktuell will eine Berufsgruppe die Gesellschaft bei diesen Herausforderungen unterstützen, schafft das aber nicht. Damit schießen wir uns in das eigene Bein.

"Auch wenn in manchen Bundesländern die Akzeptanz von Pflegekammern gering ist, ist das meiner Ansicht die einzige Möglichkeit. Wenn wir wahrhaft eine Profession sein möchten, brauchen wir eine Berufsordnung."

HCM: Die Politik ist mit der Mini-Serie "Ehrenpflegas" tätig geworden, um Jugendliche für den Pflegeberuf zu begeistern. Wie stehen Sie zu "Ehrenpflegas"?

Kreße: Ich bin kein Fan, denn es ist kein guter Weg um die Pflege zu bewerben. ‚Ehrenpflegas‘ ist nur eines von mehreren Produkten aus dieser Kampagne, wie z.B. auch der Slogan ‚Mach Karriere als Mensch‘. Das finde ich einfallslos, wir machen alle Karriere als Mensch, eine Bankkauffrau macht keine Karriere als Alien. Viele Berufsverbände haben sich bereits klar zu ‚Ehrenpflegas‘ positioniert und dass sie das nicht in Ordnung finden. Das Ziel, die generalistische Ausbildung auf eine lustige Art zu erklären, verstehe ich. Das Vorbild ‚Fack ju Göhte‘ ist aber der falsche Ansatz. Ich glaube nicht, dass viele Jugendliche den Traum für sich entdeckt haben, Lehrer zu werden, nachdem sie den Film gesehen haben. Ähnlich wird es mit ‚Ehrenpflegas‘ sein. Die Politik hat die Chance vertan, die Kompetenz und Professionalität der Pflegenden darzustellen.

Es ist schade, dass so viel Geld für die Produktion ausgegeben wurde, denn es gibt viele junge Pflegende, die sich ebenfalls kreativ engagieren und bei so einer Serie mitwirken können. So hätte man ein realistisches Bild zeigen können. Jetzt haben wir eine Serie, die meiner Meinung Stereotypen darstellt, teilweise sexistische Anspielungen mit sich bringt und ein unprofessionelles Bild von Pflege abbildet. Das ist genau das, was wir nicht brauchen. Die Politik hat die Chance vertan, die Kompetenz und Professionalität der Pflegenden darzustellen.

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