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Zwischen Corona-Bonus, Generalistik und fehlender Interessenvertretung “Schaltet euch nicht selbst stumm”

2020, das die WHO in einer weltweiten Kampagne zum Jahr der “Nurses and Midwifes” deklarierte, musste die Pflege einiges aushalten. Die schwierigen Arbeitsbedingungen der Professionen hervorzuheben hätte diese wahrscheinlich nur zäh erreichen können, Covid-19 schaffte es mit einem Schlag

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You are on mute“ oder auch „Dein Mikro ist noch aus, wir hören dich nicht.” So starteten wir Anfang März 2020 in die Pandemie. Das Jahr, in dem die Gesellschaft scheinbar ein außerordentliches Bewusstsein für die tagtägliche Leistungen in der Gesundheitsversorgung entwickelte. Während viele ins Home-Office switchten, kämpften Ärzte und Pflegekräfte an der Front. Hierfür gab es echte Wertschätzung. Die Pflege hatte eine Bühne, auf der sie öffentlich wahrgenommen wurde. Sie war gerührt und dankbar für die Anerkennung. „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“, lautete kurz darauf ein lauter Gegenangriff einer Gesundheits- und Krankenpflegerin. Eine Antwort, auf unsere – teilweise als sinnlos wahrgenommene – Geste: den abendlichen Applausrunden an offenen Fenstern und Balkonen.

Nina Böhmer fasste in ihrem Facebook-Post die tatsächliche Lage der Pflegenden zusammen. Nicht genug, dass es zu Beginn der Pandemie nicht ausreichend Schutzmaßnahmen gab. Insbesondere der Corona-Bonus, der nicht allen Pflegenden gleichermaßen zustand, sorgte für Empörung. Erst sollten nur Altenpfleger und Altenpflegerinnen den Bonus erhalten. Später auch Beschäftigte in Kliniken, aber nur diejenigen mit Covid-Patienten-Kontakt. Mit dieser Einmalzahlung sieht sich bis heute die Mehrheit der Pflege abgespeist und nicht ausreichend wertgeschätzt. Schließlich war die Hoffnung groß, dass sich bald etwas an ihrer Situation zum Positiven ändert. Verschlimmert wurde die Situation mit der Übergabe eines Lavendelstrausses durch die rheinland-pfälzische Landesregierung an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Universitätsmedizin Mainz. Eigentlich als Zeichen der Dankbarkeit gedacht, endete diese Geste unter dem #lavendelgate in einem Social-Media-Desaster.

Das Aus der Pflegekammer Niedersachsen

„Zusammen wären wir stark, aber wenn wir uns nicht bald zusammentun oder bereit sind etwas zu organisieren, werden wir es nie schaffen etwas zu verändern”, lautete ein paar Monate später ein weiterer Appell von Böhmer. Auslöser waren die Ergebnisse zur Mitgliederbefragung der Pflegekammer Niedersachsen. Die Mehrheit hatte sich gegen den Fortbestand der Kammer ausgesprochen und für deren Auflösung gestimmt. Ein deutliches Signal aus den Reihen der Pflegenden. An dieser Stelle würden Kammergegner – teilweise zurecht – behaupten, dass die Kommunikation von Seiten der Pflegekammer nicht einwandfrei verlief. Viele Mitglieder äußerten beispielsweise die Beschwerde, dass kaum Infomaterial zugestellt wurde, gleichzeitig jedoch die Zahlungsaufforderungen überschwänglich ins Haus flatterten. Der zusätzliche Zwang zur Mitgliedschaft wirkte wie eine weitere finanzielle Last, ohne merklichen Gegenwert für die Mitglieder. Unverständlich für diejenigen, die sich sehr wohl mit den Aufgaben der Pflegekammern auseinandersetzen und gleichzeitig ihren Follower aufklären. So beispielsweise Ugur Cetinkay: „Alle echten Professionen haben ihre eigene Kammer: Ärzte, Juristen etc.” Ohne eine Interessenvertretung, die die Stimmen der Pflegenden konzentriert politisch vertritt, kann die Pflege nicht gehört werden. Informationen gab es also nicht nur im Edutainment-Format auf diversen Social-Media Profilen, sondern auch jederzeit auf der offiziellen Website der Pflegekammer selbst. Bis dato gibt es in Deutschland nur drei Pflegekammern. Wie also soll die Pflege organisiert werden, wenn sich potenzielle Mitglieder gegen deren Einrichtung wehren?

Schaltet sich die Pflege also selbst stumm?

Ja, das wird sie, sofern sie den wenigen, aber dafür besonders lauten Pflegekräften das Feld überlässt. Denjenigen, die mit besonders lauten Stimmen öffentlich Negativität verbreiten. Menschen, die vieles schlecht reden. „Niemand meckert so professionell wie die Pflege“ hieß es neulich bei Plasberg. Ob Pflegekammer, die neue generalistische Ausbildung, oder Kampagnen wie die #Ehenpflegas. In ihren Augen ist alles schlecht, würdigt ihre Profession nicht oder ist schlichtweg ein No-Go. So ist es verständlich, dass sich Pflegekräfte mit einer anderen Meinung kaum noch trauen etwas gegenteiliges zu behaupten. Schon gar nicht Personen, die nicht der Profession angehören. Dabei sollten insbesondere Pflegekräfte aus ihrem Stationsalltag wissen, dass die Pflege nur stark ist, wenn das Team funktioniert!

Generalistik und die Kampagne Ehrenpflegas

Den letzten großen Shitstorm erreichte vor kurzem das Bundesfamilienministerium. Grund war ihrer Mini-Serie Ehrenpflegas als Teil der Kampagne „Mach Karriere als Mensch!“. Ziel ist es, in fünf kurzen Teilen für die neue, generalistische Pflegeausbildung zu werben. Den Auftrag zur Produktion erhielten die Macher von „Fack ju Göthe”. Dementsprechend war der Stil der Serie an den Film angelehnt und sollte humorvoll informieren. Das ging jedoch in den Augen der Pflegenden ziemlich schief. Der Protagonist Boris vermittle den Eindruck, dass jeder ohne jegliche Motivation und Bildungsniveau den Pflegeberuf ergreifen könne. Außerdem sei der Beruf sehr oberflächlich dargestellt worden. Die Negativ-Kommentare im Netz hierzu sind endlos und die Diskussionen hitzig. Dabei sind die Borisse dieser Welt schon längst in der Pflegepraxis angekommen.

Es gibt einen eklatanten Mangel an Bewerbern, die es ermöglichen, dass heute Menschen eingestellt werden, die vor zehn Jahren nicht einmal die Chance auf ein Bewerbungsgespräch gehabt hätten. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig auf die Kompetenzen der Auszubildenden einzugehen und diese entsprechend zu fördern. In der Generalistischen Ausbildung sind zehn Prozent der praktischen Ausbildung als Praxisanleitung durchzuführen. In der Theorie viel Zeit, die man für die Kompetenzentwicklung der Auszubildenden investiert. Wie sich dies in der Praxis umsetzen lässt wird die Zeit zeigen.

Was lernen wir daraus?

Pflegende tragen enorm viel Verantwortung. Für uns. Für sich selbst. Für die ganze Gesellschaft. Vieles läuft schief, die Kommunikation zwischen Politik und den Pflegekräften ist nicht immer optimal. Jedoch scheint die Pflege intern so zerrüttet, dass sie nach außen gar nicht als starke Profession wahrgenommen werden kann. Das bestärken insbesondere die negativen Kommentare in den Sozialen Medien. Oder würde die Lehrerschaft auf die Barrikaden gehen, weil der Film „Fack ju Göthe” dem Zuschauer suggeriert, jeder Kriminelle könne den Lehrer-Beruf ergreifen? Motzen ist ok, denn es dient oft als Ventil. Aber nur noch Motzen, ohne sich mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen einzubringen ist nicht ok. Daran können wir arbeiten. Gemeinsam.

Kontakt zu den Autoren:
Silke Kopp, Health&Bits GmbH, Economist M.A., kopp@ellacare.de
Prof. Dr. David Matusiewicz, Dekan, Institutsdirektor FOM, Präsident DGFM, david.matusiewicz@fom.de
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