E-Health-Kongress 2022 „Im Turbo“ in die digital unterstützte Versorgung

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Digitalisierung

Beim ersten E-Health-Kongress in Augsburg kamen am 29. Juni die Macherinnen und Macher von Digitalisierung und Digitalität zusammen. Ihr Motto: „Health – Connect – Care“. Mit dabei waren auch der Geschäftsführer der gematik, Dr. Markus Leyck Dieken, und Healthcare-Unternehmer Prof. Dr. Jörg Debatin.   

E-Health-Kongress Augsburg
High-Level-Panel beim ersten E-Health-Kongress in Augsburg. – © StmGP Bayern

„Wir wollen in Bayern Vorreiter in E-Health und Digitalisierung werden.“ Der Bayerische Gesundheits- und Pflegeminister Klaus Holetschek setzte mit dieser Aussage gleich zu Beginn des ersten E-Health-Kongresses in Augsburg ein Statement, das deutlich macht, worauf in seinem Ministerium der Fokus gelegt wird: „Ich möchte, dass Bayern ein digitaler Hub wird und dass wir Digitalisierung hier zusammenführen“, erklärte der Minister. Dabei wolle er sich nicht von „Klein-klein-Diskussionen“ aufhalten lassen und „raus aus der lähmenden Diskussion“ in einem „echten Quantensprung“ in der digitalen Gesundheitsversorgung der Menschen in Bayern und Deutschland vorangehen.

„Digitalisierung ist der Schlüssel zu einer zukunftsfesten und bürgernahen Gesundheitspolitik. Der E-Health-Kongress bringt nun erstmals Stakeholder aus allen Bereichen zusammen und schafft somit Raum für Austausch, Zusammenarbeit und Synergien. Bayern ist mit diesem Format Taktgeber beim Thema Digitalisierung.“

Klaus Holetschek

High-Level-Panel sieht Opt-out-ePA im Zentrum

Für diesen „Quantensprung“ bzw. „um vom Schneckentempo in den Turbo zu kommen“, wie es Moderatorin Ursula Heller ausdrückte, lud Holetschek

  • Sabine Dittmar, Parlamentarische Staatssekretärin am Bundesministerium für Gesundheit (BMG),
  • Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der gematik,
  • Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für digitale Medizin und Interoperabilität, Charité, Vorsitzende des Interop-Council – nationales Expertengremium für Interoperabilität und
  • Prof. Jörg Debatin, Healthcare-Unternehmer (bis 2021 Chairman des health innovation hub des Bundesministeriums für Gesundheit)

zu einer High-Level-Diskussion aufs Podium.

Einig war man sich dort v.a. darin, dass „die Opt-out-ePA der Dreh- und Angelpunkt für Turbo und Strategie“ in der digitalen Bewegung ist. Jedoch: „Wenn in dieser Legislaturperiode etwas passieren soll, müssen innerhalb der nächsten sieben Monate in der Politik alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden.“ Das riet Leyck Dieken. Der gematik-Chef attestierte der ePA dabei die Rolle des Fundamentes für eine Gesundheitsplattform in Deutschland und eine große demokratische Kraft.

„Digitalisierung hat in einem ersten Schritt mehr mit Konsens und einer entsprechenden Grundhaltung zu tun, als mit Technik.“

Dr. Markus Leyck Dieken

Digitalisierungsstrategie soll im Herbst kommen

Dittmar versprach eine Digitalisierungsstrategie nach der Sommerpause aus dem BMG. Ein konkretes Datum wollte sie nicht nennen, ebenso keinen Einblick in die geplanten Inhalte geben.

Thun sprach von einer aktuell vorherrschenden „Jump-Start-Ära“, aus der man sich gemeinsam mit der Industrie herausentwickeln müsse. Der Schlüssel dafür lautet Interoperabilität. Doch das ist schwer. Denn die Industrie habe über viele Jahre hinweg eigene Geschäftsmodelle entwickelt, die die Daten in den jeweiligen Systemen hält. Schnittstellen? Fehlanzeige. „Wir müssen aus dieser IT-Gefangenschaft heraus“, erklärte Debatin und wünschte der Politik „mehr Mut hier Entscheidungen vorzugeben.“ Andernfalls laufe man Gefahr den Wachstumsmarkt Gesundheit an die großen Tech-Giganten Google und Co. zu verlieren und damit auch die europäischen Werte der Datensouveränität.

„Wir tun gut daran, die europäischen Werte der Datensouveränität nicht zu opfern, sondern mitzutragen und umzusetzen.“

Prof. Dr. Jörg Debatin

Von der Digitalisierung in die Digitalität

Dabei ging es in Augsburg längst nicht mehr rein um Digitalisierung, sondern vielmehr um Digitalität. Der Fokus rein auf das technisch Mögliche ist in den Diskussionen spürbar der Verknüpfung mit dem Menschen gewichen. Die Verbindung von analogen und digitalen Versorgungswelten ist bei E-Health-Kongress gelungen, ohne den Blick auf die Potenziale einer humanen Digitalisierung zu vergessen. Das stimmt positiv.

Digitalität vs. Digitalisierung

Der Begriff der Digitalität ist erst in jüngster Zeit ins Zentrum der Kultur- und Geisteswissenschaft gerückt. Er entspricht nicht dem Verständnis von Digitalisierung im Sinne der Entwicklung von Technologien, der Erfassung und Speicherung von Daten und der Automatisierung von Abläufen. Vielmehr reflektiert Digitalität auf kulturelle und gesellschaftliche Realitäten und Lebensformen, die mit der Digitalisierung einhergehen und diese im Wechselspiel wiederum ermöglichen. 

Quelle: Uta Hauck-Thum, Jörg Noller (2021): Was ist Digitalität?

Digitalität in der Praxis: Care Regio und Co.

Innovative Projekte, die die Digitalisierung mit den Lebenswelten von Menschen verbinden, standen am Nachmittag des E-Health-Kongresses im Fokus. Nicht nur die angehende Leitregion für digitale Pflege Care Regio sorgte für jede Menge Gesprächsbedarf. Auch das DeinHaus 4.0 – länger leben zu Hause mit technisch-digitaler Unterstützung bewies, wie das Zusammenspiel von Menschen und Technik zu einem gesteigerten Wohlbefinden von gesundheitlich beeinträchtigten Personen beitragen kann.

Die Technik ist nicht das Problem, sondern die Interpretation der Informationen, die sie sichtbar macht. Wir brauchen Systeme, die den Menschen Gesundheitsdaten klug zur Verfügung stellt.

Prof. Dr. Sylvia Thun

Was braucht es für die digitale Ära? Einschätzungen aus der Klinikperspektive

Prof. Dr. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender am Klinikum Nürnberg, lieferte die Versorgersicht auf die Frage, was es für eine funktionierende Gesundheitsplattform in Deutschland braucht. Er wünscht sich v.a. mehr „Plug-and-Play-Lösungen“, die ohne Informationsbrüche für die nötige Vernetzung der einzelnen Leistungsbereiche sorgen. Die ePA sieht der Klinikmanager dabei ebenfalls im Zentrum und stellt dabei die Freiwilligkeit der datengetriebenen Nutzung dieser in Frage: „Wir müssen uns fragen, wie hoch wir den Wert der individuellen Veto-Rechte legen. Dieses gemeinschaftlich finanzierte System hat Anspruch auf diese Daten, um sie im Sinne der Gesellschaft zu nutzen. Meiner Einschätzung nach muss das Veto-Recht des Einzelnen ein Stück weit hintenanstehen.“

„Datennutzung und Datenschütz müssen in Einklang gebracht werden. Datennutzung ist ebenso ethisch geboten wie der Datenschutz.“

Sabine Dittmar

Ob es eine zweite Auflage des Kongresses geben wird, ist noch offen. Holetschek betonte, dass es nicht um Kongresse gehe, sondern um das aktive und echte Vorankommen in einer digitalen Welt.