Pflege -

Interview mit Intensivpfleger "Ich erwarte, dass die Gesellschaft stärker für die Pflege einsteht"

Als @_schwester.gabi setzt sich Intensivpfleger Ralf Berning auf Instagram für bessere Arbeitsbedingungen ein. Bei der Liveaktion von Joko und Klaas teilte er seine Ansichten mit einem Millionen-Publikum. Zum Tag der Pflege sprach HCM mit ihm über seine Erwartungen und den fehlenden "großen Knall".

Auf Instagram setzt sich der Bielefelder Intensivpfleger Ralf Berning unter @_schwester.gabi für bessere Bedingungen in der Pflege ein. Bei der Livesendung von Joko und Klaas unter dem Motto #nichtselbstverständlich teilte er seine Ansichten mit Millionen Zuschauenden. Im HCM-Interview spricht der 37-Jährige über den Tag der Pflege, seine Erwartungen und den seiner Ansicht fehlenden "großen Knall".

Morgen ist Tag der Pflege, was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang?

Berning: Ich wünsche mir, dass die Pflege so geschlossen wie möglich deutschlandweit Aktionen startet. In Münster plant das Netzwerk 'MünsterCares' eine Protestaktion. In Köln das Netzwerk 'CologneCares'. In Berlin ist ebenfalls etwas in Planung und auch von ver.di. Ich bin gespannt wie viele Pflegekräfte da mitziehen.

In Berlin planen die Aktivisten der neu gegründeten "Pflegerebellion" eine Protestaktion.

Berning: Ja, die Initiative geht von Nina Magdalena Böhmer aus. Die Aktion finde ich auch gut. Aber trotzdem würde ich mir wünschen, dass wir geschlossen über eine große Aktion auftreten. Es ist lobenswert, wenn es hier und da Gruppen und Verbände gibt, die etwas planen. Aber ein deutschlandweiter, großer Knall wäre schön.

Bei wem liegt die Verantwortung eine bundesweite Aktion zu starten?

Berning: Ich würde mir wünschen, dass große Verbände wie ver.di das in die Hand nehmen. Es zahlt sich aus, wenn man hartnäckig ist und immer wieder nachbohrt. Ein befreundeter Intensivpfleger aus Berlin ist ebenfalls auf Instagram aktiv unter @pfleger.ricardo. Er hat ein Jahr gewartet, aber Ende April nahm er an einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler teil und erzählte seine Sicht als Pflegekraft.

Intensivpfleger Ricardo Lange zur Lage auf den Intensivstationen

Wie bewerten Sie die Rolle von Pflegekammern, wenn es darum geht Pflege geschlossen zu stärken?

Berning: Pflegekammern sind heiß umstritten, wie man aktuell in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sieht, die bei der Abstimmung unter den Pflegenden gescheitert sind. Doch wir brauchen eine geschlossene Lobby. Wir brauchen eine Lobby, die sich für uns stark macht. Pflegekammern treiben auch für die Professionalisierung der Pflege voran u.a. bei der Akademisierung oder auch durch Anbieten von Fortbildungen.

Ich bin erst seit 2014 in der Pflege, aber das scheint typisch zu sein: Die Pflege kann sehr gut klagen, aber wenn es darum geht wirklich anzupacken, machen viele einen Rückzieher. Ich weiß nicht woran es liegt. Vielleicht sind viele Pflegekräfte v.a. im gehobenen Alter einfach müde und froh, wenn sie raus sind. Oder sie sind so desillusioniert aufgrund der Geschehnisse – oder besser Nicht-Geschehnisse – der letzten 15 Jahre, dass sie einfach keine Lust mehr haben.

Die Pflege kann sehr gut klagen, aber wenn es darum geht wirklich anzupacken, machen viele einen Rückzieher.

Die Pandemie rückte die Arbeitsbedingungen der Pflegenden, die zu dieser Müdigkeit geführt haben, noch stärker ins Rampenlicht. Ihr Fazit seitdem?

Berning: Das Fazit ist sehr schlecht. Ich habe z.B. die Pflege-Petition des Stern-Magazins unterstützt, die Franziska Böhler angestoßen hatte. Mich hat erschrocken, dass nur 300.000 Leute unterschrieben haben – wobei ich stark davon ausgehe, dass die meisten Pflegekräfte waren. Doch in Deutschland arbeiten deutlich mehr Pflegende, daher hätte ich damit gerechnet, dass mindestens eine Million unterschreiben. Auch wenn es die meist unterschriebene Petition jemals war. Außerdem hat mich erschrocken, dass das Gesundheitsministerium überhaupt keinen aktuellen Handlungsbedarf sieht. Da weiß ich nicht was in der Pflege noch passieren soll und wie es noch schlimmer werden soll.

So wenig Resonanz hat Sie enttäuscht. Erwarten Sie mehr Engagement durch Bürger und Bürgerinnen, die auch eines Tages auf Pflegende angewiesen sein könnten?

Berning: Auf jeden Fall. Ich erwarte, dass die Gesellschaft stärker für die Pflege einsteht und sich dafür stark macht. Es wäre eine coole Aktion stellvertretend für uns Pflegende zu streiken. Denn wenn wir streiken würden, sterben Menschen auf den Stationen. Doch Pflege beinhaltet natürlich unangenehmen Themen: Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Tod. Das interessiert keinen, bevor es ihn nicht selbst oder einen Angehörigen betrifft.

Es wäre eine coole Aktion stellvertretend für uns Pflegende zu streiken. Denn wenn wir streiken würden, sterben Menschen auf den Stationen.

Nach dem Motto "Stell dir vor es ist Pflege und keiner geht hin".

Berning: Ja absolut, jeder sollte für sich über dieses Szenario nachdenken.

Die Moderatoren Joko und Klaas haben im April genau das getan, was Sie sich wünschen: Eine deutschlandweite, aufmerksamkeitsstarke Aktion für die Pflege. Sie zeigten sieben Stunden auf Pro Sieben die Schicht einer Pflegekraft zur Primetime. Darin wurden immer wieder Videostatements von Pflegenden eingeblendet, auch von Ihnen. Wie war das für Sie?

Berning: Ich fand die Idee klasse. Es war gut, dass die Pflege sieben Stunden lang diese Plattform hatte, inklusive klarer Worte und Statements. Pro Sieben hat natürlich auch von der guten Einschaltquote profitiert. Doch zwei Dinge sind mir trotzdem sauer aufgestoßen. Ich hätte mir gewünscht, dass man auf einer Covid-Intensivstation dreht. So hätte man den Zuschauern live zeigen können, dass nicht alles Quatsch ist, was wir erzählen und so sieht es aus, wenn Ärzte und Pflegende völlig am Stock gehen.

Zusätzlich fand ich es unpassend, dass gerade eine Schicht aus dem Uniklinikum Münster (UKM) gezeigt wurde. Das Klinikum wirkt transparent und als wollten sie für bessere Bedingungen in der Pflege einstehen, haben aber einige Wochen vor dem Dreh einem Intensivkrankenpfleger fristlos gekündigt, weil dieser sich der Sendung ‚WDR Lokalzeit‘ gegenüber dem UKM kritisch geäußert hatte. Er hatte die schlechten Bedingungen in der Pflege kritisiert. Das ist Doppelmoral.

Joko und Klaas Live: Pflege ist #NichtSelbstverständlich​

Welche Resonanz haben Sie für Ihren Beitrag bekommen?

Berning: Überwiegend gut, es gab viel Resonanz auf meinem Instagram-Kanal, da ich natürlich sofort geteilt habe, dass die Sendung gerade läuft. Da gab es großen Zuspruch. Es gab aber auch Kritik für meine Äußerung 'Da gehe ich lieber nochmal nach Afghanistan' im Zusammenhang mit der zweiten Corona-Welle. Menschen, die mich kennen, haben verstanden wie ich das meine. Von einigen wurde mir aufgrund dieses Zitats etwas Böses unterstellt und ich würde es heute nicht noch einmal so sagen. Die zweite Welle war für viele Pflegende unheimlich belastend. Viele Intensivstationen waren voll mit Covid-Patienten. Einige Häuser haben andere Stationen umgebaut und die waren dann ebenfalls voll mit Covid-Patienten. Doch nur weil man eine Station zur Intensiv 'umbaut', hat man nicht automatisch das entsprechende Intensivpersonal.

Welche Maßnahmen könnten die Lage der Pflegenden entspannen?

Berning: Ein flächendeckender Mindestlohn für Pflegekräfte, v.a. in der Altenpflege. Wer in einem Krankenhaus arbeitet, verdient teilweise netto 1.000 Euro mehr, denn in der Altenpflege gibt es oft gar keinen Tarif. Die generalistische Ausbildung wird hier ihr Übriges tun und ich glaube, dass dadurch der Beruf Altenpfleger bzw. Altenpflegerin aussterben wird.

Außerdem brauchen wir ein Umdenken im Krankenhaussystem. Die Fallpauschalen sind meiner Ansicht der Quell des Übels unseres Gesundheitssystems. Sie zwingen jedes Krankenhaus dazu möglichst wirtschaftlich zu denken und viele Patienten in kurzer Zeit durchzuschleusen, damit so viel Erlös wie möglich erzielt wird. Hinzu kommen die Krankenhäuser, die an der Börse gelistet sind und noch mehr Anreiz haben, Gewinne zu erzielen, damit sie Aktionären Dividenden ausschütten können. Es ist zwar löblich, dass die Pflege aus den Fallpauschalen herausgerechnet wird. Aber seien wir mal ehrlich: Mit guter Pflege können Krankenhäuser kein Geld verdienen.

Das ganze System ist unheimlich krank, wir brauchen ein neues Abrechnungssystem. Ein Blick nach Skandinavien zeigt, es geht auch anders. Aber ich glaube da müssten sich Leute darüber Gedanken machen, die jenseits meiner Gehaltsklasse sind. Aber dass es so nicht weitergeht, darüber sind wir uns doch einig?

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