Solidarität Hilfe wird weiterhin gebraucht

Mehr als 100 Angriffe auf Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zählt die World Health Organization (WHO) Anfang April in der Ukraine. Damit hat der Krieg nicht nur langfristige humanitäre sondern auch systemische Auswirkungen, auf ein Gesundheitswesen, das im Begriff war, sich zu reformieren.

Die Agaplesion gAG zeigt Flagge. Unter anderem hat das Gesundheitsunternehmen eine Großspende getätigt, mit Waren im Wert von rund 53.000 Euro und fast 10 Tonnen Material. – © Agaplesion

„Wir sind schockiert, dass die Angriffe auf die Gesundheitsversorgung weitergehen. Anschläge auf das Gesundheitswesen sind ein Verstoß gegen Humanitäres Völkerrecht“, sagt Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO in einer Pressekonferenz im April 2022. Auch Dr. Hans Henri P. Kluge, Regionaldirektor der WHO in Europa, zeigt sich tief betroffen und gleichzeitig sehr bewegt angesichts der „Resilienz und Standhaftigkeit der Leistungserbringer und des ukrainischen Gesundheitssystems“. Die WHO spricht vor den andauernden Angriffen auf die Gesundheitsversorgung von „einem schweren Schlag für die Bemühungen des Landes, Gesundheitsreformen einzuleiten. Vor dem Ausbruch des Krieges habe man in der Ukraine hier erhebliche Fortschritte gemacht. Nicht nur systemisch und strukturell wird die Versorgungslandschaft damit nun zusätzlich massiv beeinträchtigt, sondern auch hinsichtlich der Belastung der mentalen Gesundheit, die neben der Zivilbevölkerung auch sämtliche Mitarbeitende der Gesundheitsversorgung trifft.

HCM-Chefredakteurin Bianca Flachenecker hat für die aktuelle Ausgabe 3 mit dem Deputy Minister of Health of Ukraine for European Integration, Oleksii Yaremenko, gesprochen. Er sagte im Gespräch: „In den vom Krieg stark betroffenen Regionen wie Mariupol kann die Versorgung mit lebensrettenden Medikamenten, Nahrungsmitteln und Wasser nicht aufrechterhalten werden. Wir stehen vor einer humanitären Krise.“ Noch im März zählte das Ukrainische Gesundheitsministerium 270 zerstörte oder beschädigte Krankenhäuser, sechs getötete Ärzte und mehr als 20 Verletzte. Ende April sind diese Zahlen deutlich gestiegen.

Laut einem aktuellen WHO-Bericht, der der HCM-Redaktion vorliegt, sehen sich v.a. Menschen mit chronischen Erkrankungen vor großen Herausforderungen. So seien z.B. in der Region um Luhansk fast alle Gesundheitseinrichtungen beschädigt oder zerstört. Der Zugang zu reproduktiver, mütterlicher und vorgeburtlicher Versorgung sowie zu psychischer Gesundheitsversorgung ist laut WHO aufgrund von Sicherheitsbedenken, eingeschränkter Mobilität, unterbrochenen Lieferketten und Massenvertreibungen stark beeinträchtigt.

Das deutsche Gesundheitssystem hilft

Die Liste der gestarteten Initiativen von Einrichtungen und Organisationen des deutschen Healhtcare-Sektors ist lang. HCM hat stellvertretend für das umfassende Engagement der Branche einige Beispiele herausgegriffen:

  • Ukrainische Ärztevereinigung in Deutschland (UÄVD): Hier werden Lieferungen mit medizinischen Hilfsgütern organisiert sowie Spenden für verletzte Soldaten und Soldatinnen sowie die Zivilbevölkerung gesammelt. HCM hat mit Dr. Oksana Ulan, der Schatzmeisterin, für Ausgabe 3 von HCM gesprochen.
  • Medical Bridge: Die Initiative organisiert eine Medizinbrücke zur bedarfsorientierten Versorgung via Internetplattform unabhängig von den Systemen der Krankenhäuser. So soll Hilfe auch möglich sein, wenn die Krankenhaus-IT beschädigt oder ausgefallen ist. Die Organisatoren sprechen von einem „medizinischen Bestellsystem für das Smartphone“.
  • #health4ukraine: Die private Initiative kümmert sich um geflüchtete Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung sowie Pflegebedürftige aus der Ukraine.
  • Bundesärztekammer (BÄK): Zur Vor-Ort-Unterstützung der medizinischen Infrastruktur in der Ukraine und der medizinischen Versorgung geflüchteter Menschen in den Nachbarstaaten der Ukraine im Rahmen von internationalen Organisationen können sich Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland auf der Internetseite der Bundesärztekammer registrieren lassen.
  • Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG): Sie ruft gemeinsam mit der Bundesärztekammer zu Spenden auf, damit Verbandsmaterialien, Medikamente, medizinische und technische Ausrüstung sowie phsychologische Unterstützung finanziert werden können. Auf ihrer Website hat die DKG Ansprechpartner genannt. Hier finden Interessierte auch eine Übersicht über Aktivitäten unterschiedlicher Krankenhäuser in Deutschland.

Zahlen und Fakten

  • 4,6 Millionen Menschen auf der Flucht
  • 7,1 Millionen Menschen heimatvertrieben
  • 119 Angriffe auf Gesundheitsinfrastruktur
  • 51 Verletzte im Gesundheitssektor
  • 73 Tote aus dem Gesundheitssektor
  • Zugang zur Gesundheitsversorgung ist weiter beeinträchtigt, in manchen Gebieten besteht nur begrenzt bzw. kein Zugang zu medizinischer Versorgung

Stand Mitte April 2022, Quelle: WHO Europe, External Situation Report #7

Mehr und mehr Patientinnen und Patienten erwartet

„Die Hilfsbereitschaft, Anteilnahme und Betroffenheit, sowohl unter den Kollegen als auch in der Bevölkerung, ist sehr groß. Mit der Dauer des Krieges rechne ich mit deutlich weiter steigenden Patientenzahlen, schlimmstenfalls auch mit kriegerischen Handlungen, die zivile Opfer nicht nur nicht vermeiden, sondern massenhafte Flucht als Druckmittel missbrauchen. Neben der akuten Erstversorgung und Fortsetzung der Behandlung vorbestehender Krankheiten wird mit zunehmender Dauer des Krieges leider auch die seelische Traumatisierung steigen und Versorgungsangebote erfordern“, erklärt Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart gegenüber HCM. Das Olgahopsital des Klinikums Stuttgart, versorgt Geflüchtete, die z.B. lebenserhaltende Dialysebehandlungen benötigen. Gesteuert wird auch hier laut Jürgensen über das Kleeblatt-System, dass die Verteilung kritisch kranker Menschen während der Hochphase der Pandemie gesteuert hat.

Auch am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ist man gut auf die Versorgung von geflüchteten Menschen aus der Ukraine vorbereitet. „Dies konnten wir bereits 2011 durch die Aufnahme libyscher Kriegsverletzter und die Bewältigung der EHEC-Krise unter Beweis stellen, ebenso 2015 durch die Erstversorgung syrischer Flüchtlinge und in unseren Trauma-Ambulanzen“, berichtet Prof. Dr. Jens Scholz, CEO am UKSH gegenüber HCM. „Aktuell greifen eine Vielzahl von Maßnahmen: Durch unseren langjährigen wissenschaftlichen und klinischen Austausch mit der Ukraine besteht eine enge Verbindung zu den Kolleginnen und Kollegen im Kriegsgebiet. Bis zur Schließung der Grenze haben Ärzte des UKSH vor Ort mitgearbeitet und sind auch jetzt digital mit Krankenhäusern vor Ort verbunden“, berichtet Scholz. Auch er rechnet mit einer steigenden Anzahl an geflüchteten Patientinnen und Patienten und auch damit, dass sich die Häuser in Deutschland stärker auf die Versorgung von Kriegsverletzten einstellen muss. Im April hatte die Bundeswehr bereits erste Kriegsverletzte nach Deutschland gebracht. Weitere Evakuierungsflüge folgen laut dpa derzeit mit MedEvac in Richtung der polnischen Grenze.

PD Dr. Thorsten Hammer, Medizinischer Katastrophenschutzbeauftragter und Leiter der Stabstelle Katastrophenschutz am Universitätsklinikum Freiburg, berichtet gegenüber HCM von der großen Hilfsbereitschaft vieler Beschäftigter der Einrichtung. „Zentral koordiniert von den International Medical Services IMS des Universitätsklinikums Freiburg wird medizinische Nothilfe für die Ukraine geleistet, immer mit dem Ziel, die Hilfe vor Ort bestmöglich aufrecht zu erhalten. Es konnten bereits sechs Transporte mit dringend benötigten Medikamenten, medizinischem Verbrauchsmaterial und Medizingeräten in die Ukraine geschickt werden“, sagt Hammer. Weitere Hilfslieferungen seien geplant. Auch in der Landeserstaufnahmestelle LEA in Freiburg unterstützt das Universitätsklinikum Freiburg bei verschiedenen medizinischen Angeboten, unter bei einem wöchentlichem Impfangebot, einem allgemeinen Gesundheitscheck sowie einem Zahncheck.

Am Universitätsklinikum Freiburg werden wie z.B. auch am Klinikum Dortmund, der Charité, der Universitätsmedizin Essen und vielen weiteren Häusern einige Kinder und Erwachsene aus der Ukraine behandelt, deren Eltern geflohen sind, die von einem medizinischen Dienst überführt wurden und bei denen in der Erstaufnahmeeinrichtung beim Screening ein Behandlungsbedarf festgestellt wurde. „Natürlich kommen jeden Tag neue Patientinnen und Patienten dazu“, berichtet Hammer.

Yaremenko ist sehr dankbar für die Hilfe, die seinen Landsleuten u.a. in Deutschland entgegengebracht wird. Er hat aber auch eine dringende Bitte, verbunden mit der Hoffnung, dass die Lieferungen von medizinischen Hilfsgütern nicht abnehmen wird: „Unterstützen Sie die Ukraine weiter.“

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