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Interview mit Britta March Herausforderung Pflege … und nun auch noch Corona!

Das Coronavirus stellt derzeit das gesellschaftliche Leben auf den Kopf. Ein besonders sensibler Bereich ist dabei die Pflege. Wenn man auf Hilfe und Pflege angewiesen ist, sind die Herausforderungen nun noch höher. Wer hilft? Was ist zu tun und was kann jeder selbst tun?

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Pflegewirtin und Gerontologin Britta March, die bei der AOK Baden-Württemberg das Referat „Pflege und Beratung in der Pflege“ leitet, beantwortet zentrale Fragen zum Thema Pflege unter den Bedingungen der Coronakrise.

Was tut die AOK Baden-Württemberg als Kranken- und Pflegekasse an erster Stelle, um ihren Versicherten zu helfen?

Britta March: Die AOK BW nimmt ihre Verantwortung umfassend wahr und steht ihren Versicherten auch währen der Coronakrise zur Seite. Die Politik hat in bemerkenswerter Geschwindigkeit gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen. Um den eigenen und den politischen Ansprüchen gerecht zu werden, sprechen alle Kassenvertreter, die Leistungserbringer und Kommunalvertreter seither regelmäßig mehrfach in der Woche miteinander, um schnellstmöglich gemeinsame Wege für alle Herausforderungen zu ebnen. Ein hervorragendes Miteinander, das schnelle bestmögliche Lösungen im Land für alle garantiert. Wir tun alles erdenklich Mögliche, um die Versorgung auch weiterhin zu sichern, um Versorgungsengpässe zu verhindern, Lösungen zu schaffen und Versorgungsnöte zu lindern.

Darüber hinaus sind die Mitarbeiter der AOK Baden-Württemberg selbstverständlich unverändert für ihre Versicherten da (Anmerkung: siehe Info am Ende des Textes). Fragen zur Pflege b eantworten wie bisher unsere Berater in den Kundencentern, in den Competence Centern Pflege sowie der Soziale Dienst. Die Kollegen garantieren, dass keiner mit seinen Fragen allein bleibt. Und wenn eine Versorgung nicht mehr funktioniert, weil ein Pflegedienst z.B. nicht mehr kommen kann, kümmern wir uns sofort um einen Ersatz. Um die bestmögliche Versorgung organisieren zu können, arbeiten in der AOK Baden-Württemberg Pflege, Sozialer Dienst und Reha eng miteinander zusammen. Auch Kollegen in den Kommunen werden mit einbezogen, z.B. die Mitarbeiter der Pflegestützpunkte, die die Netzwerke vor Ort – vor allen Dingen auch die ehrenamtlichen – sehr gut kennen. Wenn wir unsere Kräfte und unser Wissen bündeln, schaffen wir es auch in der Krisensituation unter schwersten Bedingungen für jeden die bestmögliche Situation zu organisieren. Es ist zu spüren, dass trotz steigender Not auch gleichzeitig Verständnis und Geduld für die Schwierigkeiten aufgebracht werden. Das hilft, damit Pflege weiterhin gelingt.

Wird die Versorgung denn sichergestellt bleiben?

March: Das kann niemand seriös mit einem Ja beantworten oder garantieren – auch wenn wir alles dafür tun, v.a. auch das Pflegepersonal in der ambulanten und der stationären Pflege. Keiner kann aber ausschließen, dass es für den einen oder anderen Pflegebedürftigen und ihre Familien punktuell auch mal heißen kann, auf Betreuungszeit oder einen eigentlich geplanten Hausbesuch des Pflegedienstes verzichten zu müssen. Die Krise hat auch Baden-Württemberg hart getroffen und belastet alle Menschen schwer.

Wenn Menschen Betreuung und/oder Pflege benötigen ist die Herausforderung v.a. für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen ohnehin schon groß – wie ist die Lage jetzt?

March: Die Zeit der Pandemie fordert uns alle auf eine Weise heraus, die wir zuvor noch nicht kannten. Die Bedrohung durch das Virus verunsichert zutiefst und macht Angst. Die kann keiner abstellen. Und man muss bedenken: Es ist schon schwierig genug, eine Pflegesituation zu „normalen“ Zeiten zu organisieren. Die Herausforderungen in Zeiten von Corona sind erheblich größer. Pflegekräfte fehlen jetzt noch zusätzlich, da sie selbst erkrankt sind oder unter Quarantäne stehen. Zudem benötigen mehr Menschen mehr Pflege und intensivere Betreuung als zuvor, da Isolationen, Quarantäne, Vorsorgemaßnahmen und Betreuung bei Erkrankung aufwändiger sind. Und vor allen Dingen fehlt es überall – v.a. in der Pflege – immer noch an Schutzkleidung, ohne die eine gute und v.a. sichere Pflege kaum möglich ist.

Welchen Rat können Sie den Menschen geben, die pflegebedürftig oder pflegende Angehörige sind?

March: Das Wichtigste ist, dass wir es gemeinsam hinbekommen, die Ausbreitung der Infektionen so gut wie möglich zu verhindern. Das ist nur dann zu schaffen, wenn wir alle Einschränkungen beachten. Das ist nicht leicht und v.a. ist es nicht allen Menschen einfach zu erklären, dass die Tochter, der Sohn oder die Enkel nun nicht mehr zu Besuch kommen. Das muss man gut auffangen und einordnen und am besten versuchen, Defizite im direkten Kontakt mit neuen Medien wenigstens ein bisschen zu kompensieren.

Zum Glück tragen die Bemühungen der Landesregierung erste Früchte und die Situation in Bezug auf die Lieferungen mit Schutzkleidung verbessert sich aktuell. Wir hoffen, dass die Lieferungen weiter zunehmen und die Ausstattung noch besser wird, aber an dieser Stelle haben die Kranken- und Pflegekassen keinerlei Möglichkeiten, die Situation aktiv zu verändern. Die Mangelwirtschaft hat weitere Beschaffungs- und Finanzierungswege provoziert, sodass der ursprünglich stringente zentrale Prozess nicht mehr der einzige ist. Priorität hat selbstverständlich aber, dass die Pflegeunternehmen weiter sicher versorgen können. So übernehmen die Kranken- und Pflegekassen die Verantwortung, die Finanzierung fair und systemisch korrekt zu organisieren und insbesondere Doppelzahlungen zu vermeiden.

Wer muss besonders geschützt werden?

March: Neben dem Pflegepersonal in jedem Fall die älteren und hochaltrigen Menschen – insbesondere die mit Vorerkrankungen. Vorsicht ist aber grundsätzlich für alle geboten. Auch jüngere Menschen können schwer erkranken, wie man inzwischen weiß. Deshalb ist der Schutz in alle Richtungen wichtig, zu dem auch die Präventionsmaßnahme „so wenig Kontakt wie möglich“ gehört. Diese zu befolgen bedeutet ja nicht, Menschen komplett zu isolieren und von jeglicher Teilhabe abzuschneiden. Soziale Isolation macht krank und diese Absolutheit wäre nicht rechtens und in höchstem Maße unverantwortlich. Und ja - das Besuchsverbot in Heimen stellt eine schwere Belastung und harte Einschränkung dar, aber ohne Schutzkleidung ist eine andere Regelung überhaupt nicht realisierbar – wo diese nicht einmal für das Pflegepersonal ausreicht. Es bleibt ein Dilemma und während der notwendigen richtigen Schutzmaßnahmen, die massiv beschränken, irritieren, Verlustängste schüren und Einsamkeit fördern, helfen kreative Maßnahmen der alternativen Kontaktaufnahmen.

In Familien oder in Heimen darf nicht vergessen werden, dass auch Gemeinschaft und Teilhabe erlebbar wird und Familien und Pflege- wie Betreuungspersonal alles möglich machen. Zudem entstehen auch überaus großartige Ideen, die Zeit miteinander neu, anders und intensiver zu nutzen und die digitalen Medien bekommen einen ganz neuen Wert für den sozialen Zusammenhalt. Alte Menschen sind wesentlich begeisterter und geschickter mit den neuen Medien, als viele es ihnen zutrauen. Und es gibt z.B. Pflegeunternehmen, die ihre Wohneinheiten schnell mit Tablets ausgestattet haben, damit möglichst viele Bewohner mit ihren Angehörigen per Skype oder Facetime sprechen und sich dabei sehen können. Das ersetzt nicht alles, aber es ist besser, als nichts zu tun. Und auch in der privaten Häuslichkeit entstehen Ideen: Nachbar hilft Nachbar und über Computer entstehen andere Kommunikationswege zu den Verwandten und Bekannten. Dennoch ist die Vorgabe, Abstand zu wahren und Kontakte auf das Minimum zu reduzieren richtig, denn das bedeutet immer, effektiven Schutz zu betreiben.

Bei allen Maßnahmen geht es um sinnvolle Einschränkung, um gemeinsam Schlimmeres zu verhindern. Die Würde des Menschen darf nie angetastet werden. Die Politik ist bei ihren Erwägungen der Maßnahmen gut beraten, auf moderne Wissenschaftler zu hören – und zwar neben denen aus der Medizin, Biologie, Chemie und Wirtschaft auch auf die aus der Psychologie, aus den Pflegewissenschaften und der Gerontologie.

Wie schützt man sich richtig?

March: Es ist wichtig zu wissen, dass ein Mundschutz verantwortungsvoll ist, denn damit schützt man andere vor den Viren, die man selbst verteilen könnte. Ein Mundschutz ist ein „Spuckschutz“ und weil sich die Coronaviren über kleinste Tröpfchen übertragen, ist ein Mundschutz gut, um andere zu schützen. Natürlich ist dies auch eine kleinere Barriere, das Virus nicht selbst zu bekommen, aber ein Mundschutz kann keine Infektion verhindern – das können nur die hochwertigen Masken, verbunden mit weiteren Hygieneschutzmaßnahmen. Das Virus ist unsichtbar, man sieht es nicht, man schmeckt es nicht. Sich anders zu verhalten, obwohl man die Gefahr nicht sieht, ist schwer. Aber wir haben es gemeinsam schon geschafft, die Verlangsamung der Verbreitung zu erreichen. Also lautet die Devise: Geduld haben und weiter Abstand halten.

Wo erhalte ich Rat?

March: Unsere Beratung läuft momentan nahezu ausschließlich telefonisch. Dies dient dem Schutz aller. Die Kollegen an den Telefonen beweisen aber täglich: Es ist durchaus möglich, auch auf diesem Wege erste Fragen zu klären. Ist tiefere Betreuung und Beratung notwendig, sind - wie sonst auch -, die Pflegeberater und Casemanager der AOK-Bezirksdirektionen da, beraten ausführlich und helfen immer. Allen AOK-Versicherten und ihren Familien lege ich ans Herz, sich bei Fragen an ihre AOK vor Ort zu wenden.

Was halten Sie von den Lockerungen, die diskutiert werden und auch schon umgesetzt wurden?

March: Wir haben Regionen in Baden-Württemberg, in denen sich das Virus noch nicht so stark ausgebreitet hat und es hoffentlich auch so bleiben wird. In Ballungsräumen wie etwa den Regionen Freiburg, Stuttgart oder Esslingen sind die Zahlen noch alarmierend. Lockerungen sollten nicht zu früh kommen. Andererseits bestehen natürlich auch die Anforderungen an die Wirtschaft, die nicht komplett zum Erliegen kommen darf. Und die Menschen sehnen sich nach „Normalität“ – wie auch immer diese dann definiert sein wird. Wir dürfen uns Unvorsichtigkeit nicht leisten und eine zweite Welle darf nicht riskiert werden. Es gilt, das richtige Maß zu finden – eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe und ein schmaler Grat.

Es gibt leider kein Patentrezept und keinerlei Erfahrung, auf die wir uns berufen könnten – das macht es ja so schwierig. Sollten weitere Öffnungen beschlossen werden, wird der Bedarf nach ausreichender Schutzkleidung bleiben – denn Vorsicht wird weiter unbedingt geboten sein – erst recht in der Pflege.

Infos
Weitere Informationen finden Versicherte unter www.aok.de/bw. Die persönlichen AOK-Ansprechpartner sind per Telefon und über die bekannten digitalen Kanäle zu erreichen. Versicherte wenden sich bitte an ihre AOK-Bezirksdirektion oder das Kundencenter vor Ort.

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