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Interview "Heimleiterinnen und Heimleiter sind der Prellbock für alles"

Lockdown, Besuchsverbot, hohe Infektionsraten. Die erste Zeit der Corona-Pandemie war für Mitarbeitende und Bewohner von Pflegeheimen besonders belastend. Was sich geändert hat, erzählt die ehemalige Geschäftsleiterin einer Senioreneinrichtung, Gabriele Hönes.

Topic channels: Corona-Pandemie und Hygiene

Nach einer Studie des SOCIUM Forschungszentrums in Bremen vom Juni 2020 hatten sich während des ersten Lockdowns sechs Mal mehr Mitarbeitende in Seniorenheimen infiziert als in der Normalbevölkerung. Das erste halbe Jahr der Corona-Pandemie war für Mitarbeitende, Pflegebedürftige und Leiter- und Leiterinnen besonders belastend. Doch wie sieht es heute aus? Wir fragen Gabriele Hönes. Sie leitet die Abteilung Gesundheit, Alter, Pflege beim Diakonischen Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. Bis vor kurzem leitete sie als Geschäftsführung die ambulanten Dienste und Einrichtungen der Bruderhaus Diakonie.

Wie schätzen Sie die Situation nach einem Jahr Corona-Pandemie in den Alten- und Pflegeheimeinrichtungen ein?

Hönes: Das neuartige Virus hat uns alle mit Wucht getroffen. Und obwohl Gemeinschaftseinrichtungen wie Seniorenheime oder Behinderteneinrichtungen auf Pandemien und Krankheitsausbrüche eingestellt sind – wir haben alle Pandemiepläne und sogenannte Pandemiekoffer bereitstehen – konnten wir uns anfangs nur an bisherigen Erfahrungen und Hygieneplänen orientieren. Man wusste ja noch ganz wenig über das Virus. Zu Beginn der Pandemie war noch nicht einmal klar, ob Masken zum Schutz der Heimbewohnerinnen und -bewohner und Mitarbeitenden beitragen können. Und als klar wurde, wie wichtig Schutzausrüstung ist, hat sie zunächst massenweise gefehlt. Glücklicherweise sind wir heute damit gut ausgestattet. Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten können wir festhalten: Wir haben es geschafft, in kürzester Zeit zu reagieren und das Ruder in der Hand zu behalten. Leider ist die hohe Arbeitsverdichtung in den Häusern geblieben – weil die Entwicklungen auch heute noch sehr dynamisch sind.

Als Verband konnten wir mit unseren Verhandlungen die wirtschaftlichen Folgen durch den Rettungsschutzschirm, den die Bundesregierung gewährt, für die Dienste und Einrichtungen der Altenhilfe zum Glück überschaubar halten. Katastrophal sieht es dagegen in der Behinderten- und Obdachlosenhilfe aus – dort fehlt die finanzielle Unterstützung. Auch die Tagespflege hat Probleme, da nun nur noch wenige Besucherinnen und Besucher kommen dürfen – bei gleicher Personalstärke.

Was hat es mit dem Pandemie-Koffer auf sich?

Hönes: Senioren- und Pflegeheime müssen sich darauf einstellen, dass sich eine Krankheit – etwa die Durchfallerkrankung durch das Norovirus – in einem Heim schnell verbreiten kann. Für einen Krankheitsausbruch beispielsweise durch das Norovirus steht eine Box bereit, die Schutzausrüstung und spezifische Desinfektionsmittel enthält und auch Verhaltensweisen vorgibt. Der Unterschied zwischen Sars-Cov-2 und Norovirus ist, dass das Durchfallvirus lokal begrenzt werden kann und nach rund einer Woche, wenn alle Schutzmaßnahmen getroffen worden sind, wieder vorbei ist. Auch die Mitarbeitenden sind dadurch wenig betroffen.

Sars-Cov-2 hat ganz andere Auswirkungen: auf den Alltag, auf die Mitarbeitenden, auf die Angehörigen, auf die Seniorinnen und Senioren. Dass hochaltrige Menschen nach durchlebten heftigen Infekten vermehrt versterben, konnten wir schon häufig bei Grippewellen beobachten. Dieses Phänomen gab es in einigen Einrichtungen auch bei BewohnerInnen nach der Infektion, die durchaus auch symptomlos durchlebt wurde. Heimbewohnerinnen und -bewohner verstarben – obwohl sie gar nicht mehr positiv waren. Der Körper eines alten Menschen kann – wie auch nach einer Grippe – so geschwächt sein, dass er die Lebenskraft verliert.

Hygiene wird in Ihren Einrichtungen immer schon großgeschrieben – was hat sich durch Corona zusätzlich verändert?

Hönes: Das Besondere war sicher, dass am Anfang das Wissen über das Virus fehlte und wir uns vortasten mussten, wie mit Corona umzugehen ist. Die Empfehlungen durch das RKI und Sozialministerium zum Tragen von Masken kamen zum Beispiel erst, als in den Heimen bereits Masken im direkten Umgang mit den Bewohnenden getragen wurden und längst Stoff- und OP-Masken genutzt wurden. Jetzt ist die FFP2-Maske ein Muss bei körpernahen Tätigkeiten an Bewohnerinnen und Bewohnern. Das heißt, im Infektionsfall oder bei Verdacht auf eine Infektion, bei körpernahen Tätigkeiten – etwa im ambulanten Dienst, wenn jemand geduscht wird – ist die Schutzausrüstung notwendig: FFP2-Maske oder Visier bzw. Schutzbrille sowie Schutzanzug mit langen Ärmeln. Da die FFP2-Masken es erfordern, sie nach spätestens 75 Minuten abzusetzen, um eine halbe Stunde Pause zu machen, richten sich die Pflegenden den Tag dementsprechend ein: In den vorgeschriebenen Pausen von der Maske füllen sie z.B. Dokumente aus, bereiten Essen auf oder räumen im Bewohnerzimmer auf.

Was sich durch Corona massiv verändert hat, ist der Umgang mit den Menschen. Es ist immer Abstand zu halten; Nähe ist nicht mehr erlaubt. Wer an demenziell Erkrankte denkt, weiß aber, dass mit ihnen besonders mittels Nähe und Zuneigung kommuniziert wird. Ist das nicht mehr möglich, leiden alle darunter. Auch auf das sensible Thema des Sterbens hat die Corona-Pandemie große Auswirkungen. Zu Beginn der Pandemie mussten wir alle die schmerzliche Erfahrung machen, dass die letzte Lebensphase eines Menschen nicht immer von ambulanten Hospizdiensten oder Angehörigen begleitet werden durfte. Die Begleitung erfolgte dann durch die Mitarbeitenden. Das war eine herausfordernde Zeit. Doch die Heime wussten sich anfangs nicht anders zu helfen, als alles abzuschotten und das war ja auch die Empfehlung des RKI und des Sozialministeriums. Dafür gibt es heute keinen Grund mehr. Ein Großteil der Träger – auch die Diakonie – ermöglicht, trotz der erschwerten Bedingungen, einen Abschied mit Würde.

Ad-hoc-Studie der Diakonie zum ersten halben Pandemie-Jahr

In einer Ad-hoc-Studie der Diakonie wird ein Blick auf das erste halbe, sehr herausfordernde Jahr der Pandemie in die Senioren- und Pflegeheime gewährt. Dabei bestätigte sich, dass gut die Hälfte der befragten Pflegenden und Betreuenden verstärkt von einer Personalknappheit sprachen, die auch in Freistellungen bzw. Quarantänemaßnahmen von Kolleginnen und Kollegen ihre Ursache hatte. Aber nach dem ersten halben Jahr gaben bereits rund 80 Prozent an, gut mit der Pandemie klarzukommen. Ermutigend ist auch diese Aussage: 90 Prozent der Befragten registrieren einen gewachsenen Zusammenhalt untereinander. Auch der Austausch mit den Bewohnern sei intensiver geworden. Vielleicht war dies auch deswegen der Fall, weil sich die Bewohner mit der veränderten Betreuungssituation immer noch schwertun, wie 73 Prozent feststellten. Etwa gut die Hälfte der Pflegenden und Betreuenden hatte zwar auch die Sorge, sich selbst zu infizieren, aber vor allen Dingen befürchteten sie (85 Prozent), dass sie zu Pflegende bzw. Familienangehörige unwissentlich anstecken könnten. (Die Befürchtungen haben sich inzwischen sicherlich durch die Teststrategie in den Heimen reduziert.) Schön ist auch, dass sehr viele der Befragten davon berichteten, dass sie im familiären Nahbereich eine enorme Anerkennung erfuhren.

Hier kommen Sie direkt zur Ad-hoc-Studie der Diakonie 

Was sind heute die größten Herausforderungen für Heimleiter und -leiterinnen?

Hönes: Natürlich war es – und ist es – die Sorge um Mitarbeitende und Bewohnerinnen und Bewohner, die bei jedem Arbeitsschritt und jeder Maßnahme mitschwingt. Außerdem haben die Arbeitsdichte und Intensität stark zugenommen. Auch heute müssen bei den Trägern von stationären Einrichtungen die Heimleiterinnen und -leiter immer noch ständige Präsenz zeigen. Sie sind seit mehr als einem Jahr überlastet.

Die größte Herausforderung für Leiterinnen und Leiter derzeit ist, dass sie nicht "nur" die Gesamtverantwortung tragen, sondern zusätzlich noch für alles und jedes verantwortlich gemacht werden. Manche Angehörige sind sehr fordernd und entwickeln viel Druck und bringen wenig Verständnis auf. Und wenn Covid-19 in einem Heim ausbricht, wird von der Presse sofort gefragt, ob die Leitung möglicherweise nicht richtig aufgepasst hat. Und wenn sich jetzt ein Teil der Mitarbeitenden nicht impfen lassen will, sind es wieder die Heimleiterinnen und -leiter, die dafür verantwortlich gemacht werden. Kurz gesagt, sie sind die Schuldigen für alles!

Und der Personalnotstand kommt noch dazu, oder?

Hönes: Ja, der Personalnotstand ist nicht aufgehoben, aber interessanter Weise ist der Krankenstand im Personalbereich derzeit geringer als vor der Pandemie. Das hat wahrscheinlich mehrere Ursachen: Die Angestellten in stationären Einrichtungen treffen, wie wir alle, derzeit weniger Menschen und haben wahrscheinlich eher weniger Freizeitstress als vor der Pandemie. Auch die Masken schützen vielleicht stärker vor Ansteckung mit anderen Krankheiten wie Grippe oder Magen-Darm-Infekten.

Themenwechsel: Die Rolle der Hauswirtschaft in Seniorenheimen ist in letzter Zeit wichtiger geworden, auch deshalb, weil sie ein wenig häusliche Atmosphäre in die stationären Heime und Wohngruppen bringen kann. Hat sie in der Corona-Pandemie einen extra Part zu leisten?

Hönes: Die Hauswirtschaft, die Pflege und die Betreuungskräfte zogen alle an einem Strang, um mit der Sondersituation, die jetzt schon so lange dauert, fertig zu werden. Da die Hauswirtschaft überwiegend für Speiseversorgung, Wäscheversorgung und Reinigung zuständig ist, musste sie sich in diesen Bereichen umstellen. Glücklicherweise können SARS-Cov-2-Viren mit den üblichen Desinfektions- und Waschmitteln, die in Heimen benutzt werden, inaktiviert werden. Beim Norovirus ist das anders, da sind zum Beispiel spezielle Reinigungsmittel notwendig.  

Änderungen für die Hauswirtschaft gab es außerdem bei der Speisenverteilung. Statt in den gemeinschaftlich genutzten Speiseräumen oder in der Wohnküche zu essen, galt es jetzt, das Essen für den jeweiligen Bewohnenden extra zu portionieren und es in sein Zimmer zu bringen. Zusätzlich halfen Mitarbeitende aus der der Hauswirtschaft bei der coronabedingten Organisation, etwa beim Führen von Besucher-Listen.

Viele Seniorenheime waschen in der eigenen Wäscherei, andere lassen Wäschedienstleister waschen. Was ist mit der Dienstkleidung?

Hönes: Viele Einrichtungen im Hausgemeinschaftsmodell, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, waschen heute die Bewohnerwäsche direkt vor Ort. Meist wird nur noch die Flachwäsche zum Wäschedienstleister gegeben. Das Waschen der Wäsche in der Wohngruppe kann auch die Zufriedenheit der Bewohnenden erhöhen. Besonders Frauen, die jahrzehntelang für den eigenen Haushalt verantwortlich waren, freuen sich, wenn sie bei der Wäsche der Wohngruppe selbst mit anpacken können. Genauso sinnstiftend ist die Mitarbeit beim Kochen.

Dagegen hat die Berufskleidung der Mitarbeitenden nichts in den Waschmaschinen der Wohngruppe zu suchen. Bewohnerwäsche und Dienstkleidung dürfen nicht zusammen gewaschen werden! Das ist eine Vorschrift, die eingehalten werden muss. Dass es im ambulanten Dienst noch Fälle gibt, wo Mitarbeitende ihre Berufskleidung noch zuhause waschen, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch es muss klar sein: Das verstößt gegen gängige Hygieneregeln.

Die meisten Träger von Heimen betreiben mit einem Wäschedienstleister ein Leasing- bzw. ein Poolwäsche-Modell, in dem auch Dienstkleidung gewaschen wird. Der Vorteil ist dabei die Flexibilität für den Arbeitgeber: Wenn zum Beispiel Personal die Stelle wechselt, kann der Wäschedienstleister ohne Probleme mit der passenden Kleidergröße dienen. Richtig zufrieden mit dem Outsourcing der Berufskleidung ist meist keiner, weil es trotzdem immer wieder vorkommt, dass zu wenig Kittel geliefert werden oder kaputt sind oder auch die Logistik Schwachstellen hat. Aber es ist auf jeden Fall besser, als die Berufskleidung zuhause zu waschen – auch aus rechtlichen Gründen. Auch der Hygieneplan schließt solches Verhalten aus.

Zusatzfrage zu den Wohngruppen: Stehen dort auch noch Haushaltswaschmaschinen, die nicht gewährleisten können, dass hygienisch gewaschen wird?

Hönes: Ich kenne keine Wohngruppe, die mit Haushaltswaschmaschinen oder Spülmaschinen arbeitet! Derzeit entstehen immer mehr Wohngruppen, die professionell genau für diesen Zweck konzipiert und gebaut wurden und werden. Bei uns in der Diakonie wird Wert auf hohe Professionalität und Qualität gelegt. Das bezieht sich auch auf die Ausstattung: von der Waschmaschine über die Spülmaschine bis zu den Konvektomaten in der Küche!.

Was werden Sie als "Lern- oder Lehr-Punkte“ aus der Zeit der Corona-Pandemie mitnehmen, wenn wir sie hinter uns lassen können, bzw. gelernt haben, mit der Krankheit zu leben?

Hönes: Der wichtigsten Punkt, den wir als Lehre ziehen können, ist Transparenz. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass überall dort, wo Seniorenheime beispielsweise auf ihrer Homepage transparent informierten – etwa über Fallzahlen und Maßnahmen – viel weniger Angriffe in der Öffentlichkeit erfolgten. Das heißt, die wichtigsten Inhalte der Pandemiepläne sollten sowohl die Bewohnende als auch Gäste und Angehörigen kennen – und die Angestellten sowieso. "Wie ist die aktuelle Lage in meinem Heim?" Das sollte jede und jeder wissen.

Ein weiteres Thema ist die Digitalisierung, die wir, wenn wir ehrlich sind, in Deutschland alle ein bisschen verschlafen haben. In der Pandemie ist jetzt klar geworden, dass zum Beispiel die Ausstattung mit Hardware und Software in den Heimen sehr zu wünschen übriglässt. Doch in Zeiten von Abstand und klarer Regeln für Besucherzahl und Tests, hilft Informations- und Kommunikationstechnik die Distanz virtuell zu überwinden. Zugleich mussten wir feststellen, dass wir uns bisher zu wenig Gedanken gemacht haben, wie wir auch Ältere in die Welt des Digitalen mitnehmen können. Den Stoß, den uns die Pandemie jetzt gab, führt jetzt auch dazu, dass die digitale Ausstattung in Seniorenheimen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen mehr Aufmerksamkeit erfährt.

Das Interview führte Gabi Visintin

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