Medscape Gleichstellungsreport 2021

Bei der Gleichstellung von Ärztinnen und Ärzten besteht nach wie vor reichlich Verbesserungspotenzial. 60 Prozent der Ärztinnen geben an, sich im Job bereits als Frau benachteiligt gefühlt zu haben. Doch es gibt Grund zur Hoffnung: In einigen Bereichen wurden in den vergangenen Jahren auch Fortschritte erzielt.

Mehr als jede zweite Ärztin fühlt sich laut dem aktuellsten Medscape-Bericht benachteiligt. – © Medscape

Deutlich mehr als die Hälfte der Ärztinnen fühlt sich in ihrem Job benachteiligt. Die Corona-Pandemie habe die Situation gar noch verschlechtert. Das zeigen die Ergebnisse des aktuellen Medscape-Reports, einer Umfrage, in der untersucht wurde, wie es um die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arztberuf bestellt ist. Der Report zeigt, wie unterschiedlich Ärztinnen und Ärzte auch heute in Deutschland an ihrem Arbeitsplatz behandelt werden, gegen welche Probleme sie kämpfen –  und wo kleine Fortschritte zu verzeichnen sind. An der Umfrage von Medscape nahmen 1.040 in Deutschland lebende Ärztinnen und Ärzte teil, 500 davon waren Frauen, 534 Männer.

Alteingefahrene Rollenmodelle bei der Kinderbetreuung

Im Gegensatz zu den weiblichen Befragten fühlen sich lediglich 14 Prozent der Männer benachteiligt. Weitere Aufschlüsse erlauben die Antworten zu den unterschiedlichen Sorgen im Job. So stören sich mehr Männer (16 Prozent) als Frauen (zehn Prozent) am Einkommen, während Ärztinnen häufiger Karrierechancen vermissen (acht Prozent) als Ärzte (drei Prozent). Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung stellt Frauen häufiger vor Probleme (15 Prozent gegenüber sieben Prozent). Demnach scheint die Kinderbetreuung nach wie vor eher Aufgabe der Frauen zu sein. Ist beispielsweise ein Kind krank, schlagen alteingefahrene Rollenmodelle nach wie vor durch: Lediglich drei Prozent der Ärzte gaben an, sich selbst zu kümmern, im Vergleich zu 32 Prozent der Ärztinnen. Die Antwort „Mein Partner“ bzw. „meine Partnerin“ wählten folglich 69 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen.

Die offiziellen Statistiken deuten darauf hin, dass es bis zur Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern noch ein weiter Weg ist: Etwa zwei Drittel aller Medizinstudierenden sind heute Frauen – nach der Approbation schrumpft ihr Anteil bereits auf 48 Prozent. Nur etwa 31 Prozent aller Oberarzt-Positionen waren 2016 in weiblicher Hand und lediglich 13 Prozent der Führungspositionen in der Universitätsmedizin waren 2019 mit Frauen besetzt.

Umdenken bei jüngeren Männern

Aus den Detailanalysen des Medscape-Reports geht allerdings hervor, dass v.a. jüngere Männer die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf kritisch sehen: Bei unter 45-Jährigen traf dies auf 24 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer zu. Unter den zwischen Anfang der 1980er- bis Ende der 1990er-Jahren geboren Millennials kritisieren diesen Aspekt 25 Prozent der Ärztinnen und 46 Prozent der Ärzte.

„Zwar ist der Weg bis zur Chancengleichheit zwischen Ärztinnen und Ärztinnen immer noch weit. Aber es gibt erste Anzeichen für eine Abkehr vom alteingefahrenen Rollenmodell: Junge Ärzte denken um und wünschen sich mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch die Entwicklung von Teilzeitangeboten oder verbesserte Arbeitszeiten sind positive Zeichen. Und sogar Bezug auf Führungspositionen scheint sich langsam etwas zu bewegen“, sagt Claudia Gottschling, Editorial Director von Medscape Deutschland .

Chefinnen auf dem Vormarsch

Die Antworten auf die Frage nach Verbesserungen der Gleichstellung in den vergangenen Jahren zeigen zwar immer noch deutlich Luft nach oben – aber auch, dass in manchen Bereichen Fortschritte zu verzeichnen sind. Demnach sehen 19 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer Fortschritte bei der Gleichstellung der Gehälter und Einkommen. 19 Prozent der Ärztinnen bzw. 44 Prozent der Ärzte verzeichnen positive Entwicklungen bei Aufstiegschancen. Mehr als die Hälfte der Ärztinnen (55 Prozent) und Ärzte (59 Prozent) beobachtet zudem positive Entwicklungen bei Teilzeitangeboten. Verbesserungen bei den Arbeitszeiten geben 41 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer an.

Auch in Bezug auf Führungspositionen scheint sich etwas zu bewegen: So arbeiten 42 Prozent der befragten Frauen und 61 Prozent der Männer in einer Führungsposition. Weitere 18 Prozent bzw. 15 Prozent geben an, Kolleginnen oder Kollegen zu beaufsichtigen. Zudem streben mit 39 Prozent deutlich mehr Frauen als Männer (24 Prozent) aktuell eine Beförderung an.

Mehr Selbstzweifel unter Ärztinnen

Allerdings scheinen Ärztinnen in Führungspositionen häufiger unter Selbstzweifeln zu leiden als ihre männlichen Kollegen. So geben 19 Prozent der Frauen an, als Teamleiterin sehr selbstsicher zu sein- im Vergleich zu 29 Prozent der Männer. Deutlich wird das Ungleichgewicht auch aus der negativen Perspektive: Als wenig oder überhaupt nicht selbstsicher bezeichnen sich neun Prozent der Frauen und nur drei Prozent der Männer.

Zur Verbesserung ihrer Selbstsicherheit wünschen sich die Teilnehmenden mehr Zeit, eine bessere Personalplanung, Fortbildungen bzw. Coachings, verständnisvolle Kolleginnen und Kollegen, Kommunikation auf Augenhöhe, mehr Zusammenhalt im Team, aber auch mehr Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Auswirkungen der Pandemie auf die Gleichstellung

Die Folgen der SARS-CoV-2-Pandemie bedeuten offenbar einen Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung. 40 Prozent der Ärztinnen und zehn Prozent der Ärzte beobachten Verschlechterungen für Frauen. Nachteile für Männer gaben demgegenüber lediglich sieben Prozent der männlichen Umfrageteilnehmer und keine einzige der Teilnehmerinnen an.

Die Befragten wurden darüber hinaus befragt, wie die Pandemie ihre Einstellung zum Job verändert hat. Die Ergebnisse zeigen, dass hier v.a.  die Gesundheit und die Work-Life-Balance im Vordergrund stehen. So schreibt eine 32-jährige Chirurgin in Elternzeit: „Das Leben ist endlich und Familie wichtiger als die Arbeit.“ Ein 38-jähriger Facharzt für Psychiatrie bestätigt: „Der Beruf beinhaltet Gefahren, die mir vor der Pandemie nicht bewusst waren.“ Viele Ärztinnen und Ärzte äußerten aber auch Kritik an der Situation. „Warum soll man den Kopf hinhalten, wenn in den Medien nur über Lockerung, Urlaub und Party berichtet wird, statt über den Umständen entsprechendem angemessenem Verhalten“, gibt eine 66-jährige Anästhesistin zu bedenken.