Corona-Pandemie -

Interview zur psychologischen Seite von Epidemien Gelassenheit und Souveränität sind wichtig für die Selbstregulation

Der Wirtschaftspsychologe Winfried Neun spricht im Interview mit Health&Care Management über die psychologische Seite von Epidemien.

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Es vergeht kein Tag, an dem nicht neue Schreckensnachrichten über die Verbreitung des Corona-Virus veröffentlicht werden. Jeder Einzelne leidet nicht nur finanziell oder versorgungstechnisch unter dieser Krise, sondern v.a. auch psychologisch. Wirtschaftspsychologe Winfried Neun, der sich seit über 30 Jahren mit Krisen und Krisenbewältigung beschäftigt, spricht im Interview über diese psychologischen Fragen.

Was passiert mit uns bei derartigen Epidemien?

Epidemien erzeugen bei uns tief verankerte Ur-Ängste. Diese haben zwar aus evolutionspsychologischer Sicht immer wieder für das Überleben der Spezies Homo Sapiens gesorgt, sind aber für jeden Einzelnen eine sehr hohe Stressbelastung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir in unserer Entwicklung als Mensch gelernt haben wie wichtig es ist, jeglichen Gefahren für Leib und Seele unmittelbar entgegenzuwirken.

Der Hypothalamus ist dann im Krisenmodus und somit permanent aktiviert. Dabei wird in unserem Blut ein Hormoncocktail aufgebaut, der die Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und damit die Stressbelastung erhöht. Dieser Reaktionsmechanismus unseres Gehirns wird aber durch Hysterie noch intensiviert und dämmt die Selbstregulation jedes Einzelnen immer weiter ein. Dabei wäre gerade diese Selbstregulation eine sehr wichtige Maßnahme gegen die hohe Stressbelastung.

Warum fällt uns bei der Epidemie-Angst die Selbstregulation so schwer?

Die Selbstregulation eines Menschen basiert auf der Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen oder auch selbst zu motivieren, um in den entsprechenden Lebenslagen handlungsfähig zu bleiben. Dabei ist eine zentrale Voraussetzung, dass man seine eigene Affektlage (Stimmungslage) bewusst erkennen kann. Es reicht aber nicht nur, die eigene Achtsamkeit aufzubauen. Der kollektive Glaube an eine funktionierende Bewältigungsstrategie dieser Krise muss bewusst gemacht werden. Die Epidemie-Angst ist eine kollektive Angst, die alle Formen der gesellschaftlichen Selbstregulation anfänglich außer Kraft setzt. Daher ist es wichtig, dass wir bei der Corona-Epidemie sehr strukturierte, durchdachte und begründbare Bewältigungsstrategien zur Eindämmung der Epidemie entwickeln. Nur wenn es gelingt, in der öffentlichen Meinung das Gefühl der Bewältigbarkeit dieser Epidemie zu etablieren, wird auch die Selbstregulation bei jedem Einzelnen wieder steigen.

Worauf sollte jeder Einzelne hinsichtlich seiner psychologischen Verfassung jetzt besonders achten?

Durch die extrem hohe Verunsicherung und die damit verbundenen negativen Affekte ist es sinnvoll, den direkten Vergleich zu ähnlichen Krisensituationen oder Erfahrungen zu ziehen, um sich bewusst zu machen, dass auch diese Krise zu bewältigen ist. Das Überwinden von Krisen kostet Kraft, aber auch Souveränität, um für sich selbst eine vernünftige Abgewogenheit zwischen Energieverbrauch und Energieeinsatz zu definieren. Haben wir keine Souveränität, weil wir uns durch negative Affekte (Existenzängste) ständig als Gejagte fühlen, dann ist es auch nicht möglich, die gespeicherten, erlebten oder berichteten Erfahrungen anderer zur Krisenbewältigung abzurufen. Gelassenheit oder Souveränität sind wichtige Voraussetzungen für die Selbstregulation – damit ist aber nicht Sorglosigkeit oder Zweckoptimismus gemeint.

Die Selbstberuhigung ist uns angeboren. Nur so konnten gefährliche Situationen in unserer Menschheitsgeschichte überwunden werden. Sie sollte daher bewusst (kognitiv) aufgebaut werden.

Welche praktischen Tipps haben Sie für Unternehmen und Privatpersonen für den Aufbau der notwendigen Gelassenheit bzw. Souveränität?

Sicherlich ist es angesichts der teilweise doch sehr drastischen Maßnahmen unserer Regierung bzw. anderer Regierungen schwierig, ein Stück Gelassenheit bzw. Souveränität aufzubauen. Aber man kann solche Maßnahmen auch als Chance zur Krisenbewältigung zu verstehen. Und genau darin liegt auch die Möglichkeit, Souveränität aufzubauen.

Wenn man sich die definierten Maßnahmen wie z.B. die Schließung von Schulen, Universitäten oder Kitas usw. anschaut, dann sieht man, dass die Maßnahmen darauf abzielen, Kontakt zu Corona-Infizierten zu vermeiden. Es kann somit jeder für sich selbst ableiten, dass wir den Virus mit geeinten Kräften und intelligenten Gegenmaßnahmen eindämmen können. Darin steckt ein Stück Hoffnung und auch Gelassenheit, dass der Corona-Virus eingedämmt werden kann. Dies beruhigt und reduziert negative Affekte, denn der Glaube und die Perspektive einer zeitnahen Lösung dieser Krise beruhigen uns. Diese Art des Vorgehens wird als proaktives Coping bezeichnet. Das bedeutet, dass wir durch das gezielte Angehen von Herausforderungen und das Erkennen von Problemlösungschancen Widerstandskraft gegenüber negativen Affekten aufbauen können. Das Handeln ist für unser Gehirn ein Signal für die Bewältigbarkeit von schwierigen Situationen. Auf Basis dieser Grundlage lassen sich nachfolgende praktische Tipps ableiten.

Praktische Tipps im Überblick

Privatpersonen:

  • Versuchen Sie, die zurzeit eingeleiteten Maßnahmen der Regierungen als echte Chance zu sehen und nicht als hilflosen Aktionismus.
  • Versuchen Sie, die Dinge die eingeleitet werden, um den Coronavirus einzudämmen, nicht schlecht zu reden.
  • Relativieren Sie die aktuelle Situation durch Ihr Erfahrungswissen.
  • Verschaffen Sie sich täglich einen Überblick über die aktuelle Situation der Corona-Epidemie, um bei sich das Gefühl der Beherrschbarkeit aufrechtzuerhalten.

Unternehmen:

  • Ziehen Sie in Ihrem Unternehmen den Abbau von Urlaub und Überstunden vor.
  • Setzen Sie den Arbeitsschwerpunkt der Mitarbeiter auf konzeptionelle Arbeiten im Home Office (sofern eine entsprechende Vereinbarung getroffen worden ist und das Home Office arbeitsschutz- und datenschutzrechtliche Vorgaben sowie u.U. weitere arbeitsrechtliche Anforderungen erfüllt).
  • Sorgen Sie für einen aktiven Informationsaustausch über die derzeitige Situation.
  • Suchen Sie aktiv nach digitalen Lösungen, um die Teamarbeit und interne Kommunikation im Unternehmen aufrechtzuerhalten.

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