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Interview mit den Gründungsmitgliedern der Denkschmiede Gesundheit Frischer Wind von den Jungen in der Gesundheitsbranche

Mitte Juli veröffentlichte die Denkschmiede Gesundheit ein Positionspaper, um die Forderungen „der jungen Generation“ zu verdeutlichen. Die Gründungsmitglieder Luise Tavera und Dennis Rittinghaus erklären im Interview mit HCM, welche Themen ihnen dabei besonders am Herzen liegen und was sich ihrer Ansicht nach ändern sollte.

Die Denkschmiede Gesundheit ist eine unabhängige, überparteiliche Initiative, die sich als Interessensvertreter der jungen Generation sieht. Das interdisziplinäre Team setzt sich aus Vertretern von Krankenkassen, der Krankenhausverwaltung, der Pflege und der Industrie zusammen. Das Positionspapier, das die Denkschmiede Mitte Juli veröffentlichte, entstand in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Junger Pflege, den jungen Medizinern (BVND), der Blaupause Gesundheit und der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen.

Luise Tavera, Gesundheitsökonomin, Gründungsmitglied und erste Vorsitzende des Vorstandes Denkschmiede Gesundheit, und Dennis Rittinghaus, Gründungsmitglied und Vorstand der Denkschmiede Gesundheit, Pflegemanager, Unternehmensberater, Dozent und ehrenamtlicher Arbeiter in der Gesundheitspolitik und dem Gesundheitswesen, erklären im Interview mit HCM, wie es dazu kam.

Wie ist die Idee des Positionspapers entstanden?

Tavera: Wir vertreten die „jungen Interessen“ im Gesundheitssystem und in der Gesundheitspolitik. Irgendwann hat sich uns die Frage gestellt: Haben wir überhaupt die Legitimation, die Interessen der Jungen zu vertreten? Deswegen haben wir die letzten ein bis eineinhalb Jahre fachliche Themen gesammelt und in einem Paper festgehalten. Dadurch wollen wir uns den Rücken in den Gremien und Arbeitsgruppen des Gesundheitswesens stärken.

Rittinghaus: Wir wollen in den verschiedenen Gremien mitarbeiten und auf die Themen, die in dem Paper teilweise nur angerissen werden, hinweisen. Und wir wollen mit unserem interdisziplinären Teamansatz helfen, eine Lösung hierfür auszuarbeiten und deren Umsetzung mit voran zu treiben.

Und merken Sie schon erste Veränderungen?

Rittinghaus: Ja, was sich zurzeit v.a. in der deutlich höheren Frequenz an Anfragen für Gremienmitarbeit, Veranstaltungen oder als Autoren für diverse Fachbücher wiederspiegelt. Unsere Meinung ist also deutlich mehr gefragt.

Tavera: Meiner Meinung nach ist unsere Position gestärkt worden. Uns sind besonders die regierungsnahen bzw. selbstverwaltungsnahen Gesprächskreise wichtig, in denen grundlegend über die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems gesprochen wird. Hierzu werden wir nun eingeladen.

Eine Forderung von Ihnen ist eine neue Versteuerung auf Nikotin, Zucker und salzhaltige Getränke und Essen. Warum gerade dafür?

Tavera: Diese machen nachgewiesenermaßen besonders krank und fördern chronische Krankheiten. Dem wollen wir entgegenwirken. Die Gene kann man z.B. nicht beeinflussen, den Genuss von Lebensmittel und Tabak aber schon. Deshalb wollen wir, dass, wenn sich jemand ungesünder ernährt, das stärker besteuert wird und der Überschuss an das Gesundheitswesen abgeführt wird. Unsere junge Generation ernährt sich bewusster, raucht weniger und lebt nachhaltiger. Das ist der aktuelle Trend und dieser sollte weiter gefördert werden.

Hätten hier nicht die Geringverdiener das Nachsehen?

Rittinghaus: Statt wie bisher mehr oder weniger mit der Gießkanne in der Lebensmittel- und Agrarindustrie zu subventionieren, könnte man gezielt gesündere Lebensmittel unterstützen. Die dadurch entstehende Umverteilung der Subventionen würde z.B. stark zuckerhaltige Fertiglebensmittel verteuern und im Gegenzug den Bioapfel vergünstigen. Denn wenn wir ehrlich sind, nur über das Portemonnaie bekommen wir wahrscheinlich schnell einen Wandel in der breiten Bevölkerung hin. Die Menschen würden sich automatisch gesünder ernähren, ohne dabei mehr zahlen zu müssen. Des Weiteren muss unserer Meinung nach auch in der Bildung gegengesteuert werden. Eine Lösung wäre z.B. ein Schulfach für Ernährung oder Gesundheit. Es ist die Aufgabe der Politik, diese Lücke zu schließen.

Beim Thema Digitalisierung kritisieren Sie, dass ein „großer gemeinsamer Plan“ und Weitsicht fehlen. Wie ist das realisieren?

Tavera: Das ist bestimmt der schwierigste gesundheitspolitische Punkt. Es fehlt eine ganzheitliche gesamtheitliche Strategie. Dabei reicht es nicht, nur das Gesundheitswesen zu betrachten. Es müssen auch andere Teilbereiche wie z.B. die Bildungspolitik mitbedacht werden. Gerade wenn es um die Gesundheitskompetenz geht. Das beginnt mit den Jüngsten in unserer Gesellschaft und fehlt bislang völlig. Wenn wir zukünftig die Datensouveränität hochhalten wollen, müssen wir das sicherstellen. Aber schauen wir bei diesem Thema auf die aktuelle Gesetzgebung. Laut dem „Digitale-Versorgung-Gesetz“ (DVG) ist der Anschluss der Pflege an die TI eine „Kann-Regelung“. Demnach kann die Pflege an die TI angebunden werden. Ganzheitlich wäre, wenn hier stehen würde, dass alle Pflegeeinrichtungen an die TI angeschlossen werden müssen. Das ist wieder so eine Kompromisslösung, die es an vielen Stellen gibt. Es fehlt ein Gesamtkonzept, eine einheitliche Vision. Gerade wenn man sich die verschiedenen Lösungen für die TI anschaut, die nicht zusammenhängen. Eine elektronische Patientenakte (ePA) macht nur dann wirklich Sinn, wenn alle mitmachen. Neben einer Strategie braucht es aber auch immer jemanden, der diese umsetzt. Dafür ist Bundesgesundheitsminister Spahn vielleicht der richtige. Für eine Vision braucht es mehr Köpfe. Hätte man z.B. die Industrie früher einbezogen, hätten gewisse Probleme vielleicht vermieden und die Entwicklung insgesamt beschleunigt werden können.

Wie sollte man die Thematik am besten umsetzen?

Rittinghaus: Die Politik sollte schauen, dass sie die Verwendung der international gebräuchlichen Standards und Schnittstellen vorschreibt, die es bereits gibt und daraus nicht neue Insellösungen erwachsen lassen. Die Systeme müssen miteinander „sprechen“ können. Deren Nutzung sollte gefördert werden. Und man sollte Raum für Offenheit schaffen, damit Menschen anfangen, innovativ zu denken. Etwa mit einer Kontrollinstanz wie einem Gremium oder eine AG auf Politikebene. Diese könnte zwischendurch immer mal wieder evaluieren, was gut ist und was weggelassen werden kann.

Was könnte man konkret besser machen?

Tavera: Ein konkretes Beispiel ist die ePA. Dort sollten nicht mehr alle Leistungserbringer alles einsehen können. Gerade alten Menschen würde es helfen, „Herr ihrer Daten“ zu sein. So müsste z.B. voreingestellt sein, dass der Zahnarzt nicht sehen kann, wenn der Patient z.B. in psychiatrischer Behandlung ist. Deshalb ist es auch gut, dass die Teile zur ePA aus dem DVG erstmal wieder verschwunden sind. So wäre die Akte den Anforderungen der Datensouveränität nicht gerecht geworden.

Was würden Sie zusammenfassend sagen: Welche Veränderungen sollten für die junge Generation geschaffen werden?

Tavera/Rittinghaus: Wir malen hier einmal eine große, abstrakte Zukunftsvision: Wir hätte gerne einen Beauftragten für das Thema Generationengerechtigkeit, der z.B. im Bundeskanzleramt sitzt und dem abschließend alle Gesetze vorgelegt werden müssen. Dieser prüft die Gesetze dann auf den Faktor Generationengerechtigkeit, und das nicht nur im Gesundheitswesen. Anschließend gibt er das Gesetz frei oder gibt es wieder an das Kabinett zurück. Und um einmal ein bisschen kleiner anzufangen: Es wäre schön, wenn alle Gremien und Stellungnahmen immer damit verbunden wären, die Meinung der jungen Generation einzuholen. Das heißt z.B., bei einer neuen Pflegeverordnung wird auch der Pflegeverband der Jungen Pflege nach seiner Meinung gefragt. Dass das jetzt noch nicht gemacht wird, finden wir sträflich!

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