Onlinekolumne Fokus Pflegewirtschaft

Im Jahr 1990 wurde in Hannover die Messe „Altenpflege + Pro Pflege“ erstmals ausgerichtet. Sie wuchs sehr erfolgreich und hatte im Jahr 2018 mehr als 600 Aussteller. Entsprechend der Entwicklung am Pflegemarkt änderte die Messe im Laufe der Zeit auch ihren Claim, aus „Altenpflege + Pro Pflege“ wurde „Altenpflege – Leitmesse der Pflegewirtschaft“. Dieser beschreibt zutreffend die Entwicklung in der Pflege.

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, www.eyer.de, info@eyer.de – © privat

Die Akteure in der Pflege, die Patienten bzw. Bewohner, die Mitarbeiter und die Investoren sind Marktteilnehmer, die sich entsprechend der Regeln des Marktes zu verhalten – oder es gerade lernen. Die klassische Betriebswirtschaftslehre geht vom „homo oeconomicus“ aus, für den es rational und richtig ist seinen Nutzen zu maximieren,  d.h. dann in der Praxis den Aufwand minimieren und den Ertrag maximieren. Bei den Kunden – die sich kundig machen – geschieht das durch den Einkauf von standardisierten Dienstleistungen zu möglichst geringen Preisen, für Mitarbeiter durch die Arbeit in Unternehmen mit guten Arbeitsbedingungen und faire Einkommen und für Investoren durch attraktive Renditen.

Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte hat sich verändert

Stellenanzeigen für Pflegekräfte von privaten und gemeinnützigen Unternehmen nennen – im Gegensatz zur Vergangenheit – das Eintrittsgehalt für Mitarbeiter bei Vollzeit in Euro und Cent, verweisen auf die attraktiven Zulagen, die zusätzliche Altersversorgung und die garantiert zwei freien Wochenenden im Monat. Auch die Übernahme von Rückzahlungsverpflichtungen wird angeboten. Darüber hinaus bieten einige Unternehmen ihren Mitarbeitern in der stationären Pflege an, ab einem Stellenanteil von 75 Prozent, einen Dienstwagen zu erhalten, bei dem der Arbeitgeber alle Kosten, auch die für Benzin und Autopflege übernimmt. Dass die Arbeitsverträge unbefristet angeboten werden versteht sich von selbst.

Jede Pflegekraft, sowohl die, die bereits in den Einrichtungen arbeiten, als auch die Pflegekräfte die sich um eine Anstellung bewerben, stellt sich zunehmend die Fragen:

  • Wie verhalte ich mich auf dem Pflegemarkt richtig?
  • Was ist rational?

Und dann gehen sie auf den Markt – persisch Basar – um dort die Angebote zu vergleichen und ihren Marktpreis zu ermitteln. Pflegedienste, Heime und Krankenhäuser in der Nähe zu Luxemburg und der Schweiz kennen dieses – ökonomisch rationale – Mitarbeiterverhalten schon länger und mit besonderer Intensität.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, stellte Mitte Mai ein Paket von Forderungen vor, um den Arbeitsmarkt Pflege attraktiver zu machen und dem Verlassen des Arbeitsmarkt Pflege durch qualifizierte Mitarbeiter entgegenzuwirken. Benötigen wir mehr Spielregeln auf dem Markt, so wie es die Politik mit dem Pflegetarifvertrag, den zusätzlichen Pflegestellen (die kurz- und mittelfristig nicht besetzt werden können) etc. fordert oder sollte es dem Markt überlassen werden den Pflegenotstand – durch attraktive Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung – zu beseitigen?