Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen -

Lesetipp Flüchtlinge als Frischzellenkur

Wer dieser Tage u.a. die TV-Berichterstattung zu Flüchtlingsströmen und ihren Einfluss auf die deutsche Demografie verfolgt, kommt an seinem Gesicht nicht vorbei: Prof. Dr. Thomas Straubhaar, der an der Universität Hamburg lehrt und Direktor des Europa Kollegs ist, fungiert als gefragter Volkswissenschaftler, wenn es etwa um Bevölkerungsökonomie geht. Wider die Mythen des demografischen Wandels prophezeit er jetzt: „Der Untergang ist abgesagt“. Eine Faktenanalyse, die ein neues Licht aufs Land wirft – auch auf das Gesundheitswesen.

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Flüchtlinge als Frischzellenkur

„Ich schreib’s an jede Wand: Neue Männer braucht das Land!“ So kritisch blieb der provokative Song von Ina Deter seit 1982 in unseren Köpfen. Knapp 35 Jahre später kommen sie, quasi aus allen Himmelsrichtungen, mit verschiedenen Religionen, oft als Vorhut, die Frauen, Kinder, überhaupt ganze Familien nachholen will. Viele junge Männer, die in jeder Hinsicht die Hoffnung haben, in Deutschland etwas zu erreichen. Und manchmal bringen sie ihre Jüngsten gleich mit. Ihre Zukunft – ungewiss. Gewiss aber: Deutschlands Zukunft wird sich durch diese Zuwanderungs-Frischzellenkur rasant verändern.

Die „demografische Revolution“ steht vor der Tür

Kein Grund zur Panik, meint Prof. Dr. Thomas Straubhaar. Als stabile Demokratie und gesunde Volkswirtschaft könne sich das Land zuversichtlich diesem Wandel öffnen. Und damit einen anderen mehr oder weniger abhaken. Denn der demografische Wandel, seit Langem mit Vorurteilen und mindestens so vielen Ängsten besetzt, wird als „Untergang“ in der Form wahrscheinlich gar nicht stattfinden. Allein der Zustrom der Flüchtlinge, so der renommierte Volkswissenschaftler, käme einer „demografischen Revolution“ gleich, mit allen Chancen, aber logischerweise auch mit allen Herausforderungen, die jede große Umwälzung mit sich bringt. Leichter gesagt, als getan.

Ordnung muss sein

Sehr sortiert und programmatisch arbeitet der gebürtige Schweizer in drei Kapiteln erst den demografischen Wandel, dann diverse Mythen und schließlich die Absage an den Untergang ab. Auf die Schnelle nicht immer einfach zu verdauen, auch mit sehr vielen Quellen versehen (die finden sich ausführlich im Anhang), doch diese Ordnung muss zweifelsohne sein.

Auf diese Weise lässt sich zunächst nachvollziehen, wie die (deutsche) Bevölkerung schrumpft oder nicht, wie sie altert und sich gleichzeitig „bunt“ verändert, was hinter Landflucht in die Stadt steckt. Danach geht es u.a. um die verzerrte Wahrnehmung zum Thema Fachkräftemangel und Möglichkeiten, Zuwanderung zu steuern.

Talente im Gesundheitswesen: nicht ausreichend gefördert

Überaus anschaulich verdeutlicht der Fachmann außerdem die volkswirtschaftliche Bedeutung von Talenten, die er u.a. im Gesundheitswesen sieht – die aber in Deutschland nicht ausreichend gefördert werden. Er schreibt: „Wo eine kompetente Chirurgin arbeitet, können hochspezifische Operationen vollzogen werden. Dank der Verfügbarkeit über das spezielle Wissen der Medizinerin haben Assistenzärzte, Operationsteams, aber auch Krankenschwestern, Pfleger und Reinigungskräfte einen Job.“ Und weiter: „In räumlicher Nachbarschaft zu leistungsstarken Krankenhäusern werden sich möglicherweise Dienstleistungsbetriebe niederlassen ..., die Therapien anbieten oder sogar komplexe Forschung und Labortests durchführen.“ Es sind solche und weitere Beispiele, bei beim Leser oft zu nickender Zustimmung führen.

Die Analysen sprechen eine eindeutige Sprache

Straubhaars These: Wenn die deutsche Gesellschaft offen und flexibel agiert, wird ein friedlicher Umbau erfolgreich gelingen. Das ist so optimistisch wie – auch wenn es traurig ist – immer wieder zweifelhaft. Seine Analysen zu sehr vielen, sehr plausiblen Zahlen und Fakten sprechen eine eindeutige Sprache – der Volksmund, der im Zweifelsfall weniger nachdenkt, weiterhin (zu) oft eine andere.

Es wäre wünschenswert, dass diese Streitschrift mit ihren 175 prägnanten Seiten weiterführte. Auch, aber nicht nur zum demografischen Wandel.

Buchtipp
Straubhaar T. (2016) Der Untergang ist abgesagt – wider die Mythen des demografischen Wandels. Hamburg: edition Körber-Stiftung

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