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Neuerscheinung Female Empowerment auf 550 Seiten

Dr. Jana Aulenkamp, Prof. Dr. Stefan Heinemann und Prof. Dr. Sylvia Thun geben im Juni 2021 ihr gemeinsames Kompendium "Frauen in der digitalen Zukunft der Medizin und Gesundheitswirtschaft" heraus. HCM hat mit ihnen über ihr gemeinsames Ziel und die Bedeutung von Gendergerechtigkeit im Gesundheitssystem gesprochen.

Die Debatte um die Rolle von Frauen im Medizinumfeld ist mehrere hundert Jahre alt. Mitte des 18. Jahrhunderts kämpfte Dorothea Christiane Erxleben als später erste Ärztin in Deutschland um ihre Promotion. In ihrer Streitschrift "Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten" setzte sie sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen und den moralischen Normen, die das Studium der Frauen behinderten auseinander. Erst rund 150 Jahre später wurde der Zugang zum Medizinstudium für Frauen langsam flächendeckend geöffnet.

Heute sind weit mehr als die Hälfte aller Medizinstudierenden weiblich. Das in den Köpfen verankerte Bild des Arztes ist um das Bild der Ärztin ergänzt. Frauen nehmen in unterschiedlichen Positionen führende Rollen in der modernen Gesundheitsversorgung ein und treiben die Digitalisierung aktiv voran. Sie leiten Stationen, Abteilungen, Krankenhäuser, entwickeln zukunftsweisende Produkte, gründen Start-ups und sind in der Gesundheitspolitik vertreten – aber immer noch nicht im gleichen Maße wie ihre männlichen Kollegen. Im Gesundheitssystem fehlt es wie in der Gesamtgesellschaft an einem gerechten Gleichgewicht zwischen allen Geschlechtern. Doch es wird daran gearbeitet – u.a. von

  • Dr. Jana Aulenkamp, Anästhesistin in Weiterbildung an der Universitätsmedizin Essen, Mitgründerin von match4healthcare, Vorstandsmitglied im Internationalen Wirtschaftssenat Young und Teil der Initiative SheHealth,
  • Prof. Dr. Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule, Sprecher der Ethik-Ellipse Smart Hospital der Universitätsmedizin Essen, Leiter der Forschungsgruppe Ethik der digitalen Gesundheitswirtschaft & Medizin am ifgs Institut für Gesundheit & Soziales der FOM Hochschule, und
  • Prof. Dr. Sylvia Thun, Ärztin und Ingenieurin für biomedizinische Technik; Professorin für Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen an der Hochschule Niederrhein, Direktorin für E-Health und Interoperabilität am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) der Stiftung Charité.

Sie geben in Zusammenarbeit mit mehr als 50 Autorinnen und Autoren im Juni 2021 das Kompendium "Frauen in der digitalen Zukunft der Medizin und Gesundheitswirtschaft" heraus. Das Werk wird von unimed und dem BIH Berlin Institute of Health Carite & MDC unterstützt. HCM hat mit den drei Herausgebenden über ihre persönliche Motivation für dieses Werk und ihre Einschätzungen zum Thema Female Empowerment im Gesundheitswesen gesprochen.

Das neue Kompendium und die Herausgebenden

HCM: In zwei Sätzen: Warum ist Female Empowerment und ein Wandel im Mindset um die Rolle von Frauen gerade jetzt und gerade im Gesundheitswesen essenziell?

Thun: Weil es nicht angebracht ist, bei Fragen der Medizin die Hälfte der Menschen und ihre Besonderheiten auszuschließen. Medizin und Technik brauchen mehr weibliche Expertise, v.a. in der Kommunikation.

Heinemann: Weil erstens die Zukunft der Medizin ohne Frauen nicht gelingen wird. Und weil es zweitens kein Argument gibt, das hinreichend begründen könnte, dass Frauen in irgendeiner Art und Weise nicht dieselbe Verantwortung übernehmen könnten wie Männer – alles andere ist plumper Naturalismus, den unser Grundgesetz eigentlich längt überwunden hat.

Aulenkamp: Weil im Gesundheitswesen viel mehr Frauen als Männer arbeiten, aber an den repräsentativen Stellen Männer die entscheidenden Rollen übernehmen. Besonders auffällig ist dieses Ungleichgewicht, das so nicht vorherrschen sollte, an Stellen, wo die Technik und das Gesundheitswesen aufeinandertreffen.

HCM: Drei Viertel aller Beschäftigten im Gesundheitswesen sind Frauen. Eigenartig, dass wir dieses Gespräch um Female Empowerment überhaupt führen. Woran liegt das denn?

Aulenkamp: Mit ein Grund dafür ist, dass zu wenige dieser Frauen an Positionen sind, in denen sie auch gehört werden und Vorbildfunktion einnehmen können. Frauen können Frauen anders motivieren. Deshalb ist es auch so wichtig, dass gezeigt wird, wie viele Frauen sich engagieren und eine Veränderung erreichen möchten. Es braucht viel mehr Frauen, die als Vorbilder dienen.

HCM: Vorbilder in dieser Entwicklung vorzustellen ist mit ein Ziel Ihres Buches. Auf welche Rollenvorbilder dürfen wir uns freuen?

Heinemann: Ich tue mir schwer, Role-Model-Picking zu betreiben. Jede Frau in diesem Buch kann ein Role Model sein. Unser Anspruch ist es, ein Inspirationskompendium zu schaffen, das den Frauen im System Ansporn und Anregung bietet und den Männern zeigt, was möglich ist – Förderung und Chancengerechtigkeit – und nicht sein darf – Diskriminierung und mangelnde Fairness. Die Bandbreite an Themen und innerhalb der Autorenschaft von Gründerin bis erfahrener Top-Wissenschaftlerin soll zum einen begeistern und zum anderen zeigen, dass das deutsche Gesundheitswesen ohne Frauen ein schlechteres wäre – insbesondere mit Blick auf die digitale Medizin und Gesundheitswirtschaft im 21. Jahrhundert.

Aulenkamp: Wir wollen zeigen, wie das Zusammenspiel der Themen und der Personen im Netzwerk funktioniert und wie man dieses nutzen kann. Für mich ist z.B. auch Sylvia Thun ein großes Vorbild.

Thun: Aber Achtung: Wir möchten mit diesem Buch nichts glorifizieren, was nicht da ist. Viele Frauen erreichen nie Führungspositionen, obwohl sie qualifizierter sind. Die gläserne Wand, die dafür verantwortlich ist, wollen wir in diesem Buch genau beschreiben und Handlungsempfehlungen für den Umgang damit geben. 

HCM: Frau Professorin Thun, Herr Professor Heinemann, wie erleben Sie in der Wissenschaft in der deutschen (Digital)-Health-Landschaft die Rolle von Frauen in Ihrem Umfeld?

Thun: In Deutschland suggeriert man uns Frauen, dass wir gleichberechtigt sind und die Welt wäre gerecht und wunderbar. Es gibt aber sehr viele Beispiele, die zeigen, dass das nicht stimmt. Leitungen großer Projekte und Organisationen der Digitalisierung sind ausschliessliche Männer. Uns fehlen Vorbilder. In Spanien, Italien und den USA beispielsweise ist das anders. Davon können wir lernen.

Heinemann: In der Gesamtindustrie und erst recht in der Medizin haben wir immer noch ein zumindest in weiten Teilen paternalistisches System. Kliniken waren und sind in weiten Teilen hierarchische männergeführte Organisationen. Das aufzubrechen und neue Wege zu gehen und an den Top-Positionen Entscheiderinnen zu haben, wird Medizin verändern und verbessern. Wenn es diese Bewegung schon früher gegeben hätte, hätten wir wahrscheinlich bereits jetzt eine digitalere, vernetztere Medizin.

HCM: Wer das Buch durcharbeitet, bekommt also Stück für Stück eine Handlungsanleitung für das Erfolgsgeheimnis von Frauen im Gesundheitswesen?

Heinemann: Im Kompendium wird es viele Beiträge geben, die Inspirationen und Perspektiven aus unterschiedlichen Bereichen von unterschiedlichen Personen zu den Themen Karrieregerechtigkeit, Gendermedizin, SheHealth und Diversity gibt. Es wird aber auch Beiträge geben, die echte Strategien im Umgang mit der eigenen Biografie aufzeigen, die man braucht, um dem bisherigen System erfolgreich entgegenzutreten. 

HCM: An welchen Stellen in der Digitalisierung würde eine stärkere Rolle von Frauen, das Gesundheitswesen konkret voranbringen?

Thun: Die meisten Frauen arbeiten im Gesundheitswesen aus einem Antrieb heraus, der sozial ist. Ich habe den Eindruck, dass gerade im Bereich Digital Health der Antrieb der Männer das Geld ist. Für die Gesundheitsversorgung an sich ist das ein schlechter Antrieb, denn mit diesem Fokus arbeitet man nicht zusammen sondern gegeneinander.

Aulenkamp: Daran kann ich anknüpfen, denn eine Umfrage über die Motive von jungen Ärztinnen und Ärzten, die ich in meiner Rolle als Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung begleitet durfte, hat klar gezeigt, dass für Männer bei der Berufswahl Erfolg und Ansehen wichtiger sind, als das bei Frauen der Fall ist. Natürlich darf man dieses Ergebnis nicht verallgemeinern, dennoch zeigen Erkenntnisse wie diese, dass eine Diversität an Menschen und damit an Motivationen in Entscheidungsgremien für Fortschritt essenziell ist.

Heinemann: Am Ende geht es nicht nur um Chancengerechtigkeit sondern auch um Wirkung. Es ist nicht sinnvoll, Talent abzuschneiden oder zu voreilig Zuschreibungen zu machen. Wo Wünsche, Visionen, Hoffnungen und Energie sind, da muss man im System wirken können – unabhängig vom Geschlecht. Das müssen wir einsehen und handeln – sonst schneiden wir bereits die nächste Generation ab.

Auf die Frage, was heute in einem Jahr passiert sein müsste, damit die drei Herausgebenden ihr Buchprojekt als Erfolg bewerten würden, erhielt HCM die einstimmige Antwort: "Viele, gerne auch kontroverse Diskussionen, Rückmeldungen von Frauen, die sich inspiriert, informiert und beraten fühlen, Rückmeldungen von Männern, die neu reflektieren." Man wünsche sich ein Kompendium, das einen Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit leistet "für eine bessere, digitale Medizin und Gesundheitswirtschaft".

Zum Kompendium

Das Buch erscheint voraussichtlich im Juni 2021 im medhochzwei Verlag. Weitere Informationen zum Kompendium "Frauen in der digitalen Zukunft der Medizin und Gesundheitswirtschaft" erhalten Sie mit einem Klick hierauf.

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