Quereinstieg Familienpflegerinnen und -pfleger als lohnendes Modellprojekt

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Fachkräftemangel

Im Burgenland wird derzeit ein Modellprojekt umgesetzt, das es erlaubt, pflegende Angehörige beim Staat anzustellen. Gehalt und eine Art Grundausbildung sorgen für das Fundament. Langfristig kann so auch ein Quereinstieg in die professionelle Pflege möglich werden.

Pflegende Angehörige können im Burgenland vom Staat angestellt werden. Sie erhalten eine Art Grundausbildung in Pflege und können langfristig sogar zu Quereinsteigenden werden. – © zinkevych (stock.adobe.com)

Das österreichische Burgenland beschäftigt seit rund zwei Jahren Menschen, die ihre Angehörige pflegen, in einer staatlichen Gesellschaft. Das sogenannte „Anstellungsmodell“ steht kurz vor der ersten substanziellen Evaluation Die politisch Verantwortlichen im östlichsten Bundesland der deutschen Nachbarrepublik haben bereits signalisiert, dass sie das Modell für einen Erfolg halten und es auf ganz Österreich anwenden wollen. Auch für Deutschland kann die Anstellung von solchen „Familienpflegerinnen und -pflegern“ (der Name fungiert als Arbeitstitel) eine Perspektive sein, um mehreren Probleme in der Pflege zu begegnen – v.a. wenn der österreichische Ansatz an einer entscheidenden Stelle erweitert wird.

Pflegende Angehörige beim Staat angestellt

Der Wunsch nach häuslicher Pflege ist groß. Betroffene schätzen es, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Die fördernde Wirkung auf psychische und physische Gesundheit ist dokumentiert. Angehörige haben oft den Wunsch, sich um pflegebedürftige Familienmitglieder selbst zu kümmern. Diese Wünsche vereint das „Anstellungsmodell“. Das Burgenland testet es seit zwei Jahren. Pflegende Angehörige werden bei einer staatsnahen Gesellschaft angestellt. Sie erhalten in Vollzeit einen Mindestlohn von 1.700 Euro brutto im Monat. Zudem übernimmt die Gesellschaft die Beiträge der Familienpfleger für die Sozialversicherung. Das mindert die Gefahr pflegender Angehörigen, im Alter selbst in ein Rentenloch zu fallen. Auch ist ihre soziale Stellung durch das Projekt geregelt.

Die Pflege Service Burgenland GmbH (PSB) finanziert sich aus der Pflegeversicherung und den Renten der Gepflegten. Zudem hat das Projekt einen staatlichen Zuschuss von 13 Millionen Euro erhalten. Derzeit beschäftigt die PSB rund 200 Familienpfleger. Die Evaluation ist für spätestens März 2022 geplant.
Der Soziallandrat des Burgenlandes, Dr. Leonhard Schneemann (SPÖ), ist aber schon jetzt vom Erfolg des „Angestelltenmodells“ überzeugt zu sein. In einem Gespräch mit dem österreichischen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hat er davon gesprochen, das Modell „könnte (eine) Lösung für (den) Bund werden“. Auch Mückstein zeigte sich dafür aufgeschlossen.

Familienpflegerinnen und -pfleger sind ausgebildet

In der Tat vereint ein solches Modell von Familienpflegerinnen und -pfleger mehrere Vorteile in sich: Es kommt dem Wunsch nach Pflege im vertrauten Umfeld entgegen und strukturiert ohnehin vorhandene Realitäten der privaten Pflege. Wird das Modell ausgeweitet, kann es die Folgen des Fachkräftemangels linden. Außerdem leisten die Familienpflegerinnen und -pfleger einen Beitrag, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedürfnisse der Pflege zu stärken.

Die Familienpfleger müssen eine theoretische und eine praktische Ausbildung durchlaufen. Diese Ausbildung liegt allerdings unter dem Standard einer professionellen Pflege(fach)person. Die Expertise, die sie sich aber im Umgang mit dem zu pflegenden Menschen auf dieser Basis weiter aneignen ist eine hervorragende Grundlage. Diese Grundlage findet im Anstellungsmodell des Burgenlandes noch zu wenig Berücksichtigung – und es fehlt v.a. eine Weiterentwicklungsmöglichkeit.

Späterer Quereinstieg in die Pflege gegen Fachkräftemangel

Fällt der persönliche Pflegeerbringungsgrund weg, sei es weil der Betroffene stirbt oder doch in die Pflege einer Einrichtung überführt wird, könnten die Familienpfleger zu den Quereinsteigern werden, die im Pflegeberuf ohnehin dringend gesucht werden. Ob und wie die verkürzte Ausbildung und die praktische Ausübung als berufliche Voraussetzung anerkannt werden, ist eine Frage, die in den entsprechenden Gesetzgebungsverfahren der zuständigen Länder geregelt werden kann. Doch sicher ist, dass sich dem Pflegeberuf hier ein Potenzial an Menschen bietet, die pflegen wollen und können. Mit der notwendigen Zusatzqualifikation können die bisherigen Familienpflegerinnen und -pfleger dann zu Anbietern in allen Pflegesettings, natürlich auch der stationären Gesundheits- und Krankenpflege, und von allen Arbeitgebern eingesetzt werden.

Der Finanzbedarf ist im Vergleich zu anderen Modellprojekten gering – zumal wenn man die hohe gesellschaftliche Relevanz berücksichtigt. Dennoch braucht es die Unterstützung der Bundesländer. Der größte Teil des notwendigen Betrags könnte bei der Anwendung in Deutschland z.B. aus den Beiträgen der Pflegeversicherung und anderen Beiträgen der Betroffenen aufgebracht werden. Mit der Überführung der weitergebildeten Familienpflegerinnen und -pfleger von einer staatlichen Servicegesellschaft zu privaten, kommunalen und konfessionellen Trägern können dann auch die Akteure der Gesundheitswirtschaft profitieren.

Auch wenn dieses Vorhaben kein Königsweg aus der Misere der Pflege und dem sich weiter verschärfenden Fachkräfteengpass ist, kann ein solches Modellprojekt dennoch lohnenswert sein.

Kontakt zum Autor:
David Dietz, Geschäftsführer Lebenshilfe Mainz-Bingen gGmbh, Kontakt: david.dietz@lebenshilfe-mainz-bingen.de