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Lesetipp Fakten zur Fortsetzung der „Charité“-Serie

Wenn bei der Fortsetzung der „Charité“-Serie jetzt Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch im Mittelpunkt steht, vermischt der neue TV-Sechsteiler wieder Fiktion und Fakten. Eben so, wie es bei guter Fernsehunterhaltung sein muss, um Millionen Zuschauer zu fesseln. Tatsächlich ranken sich um den brillanten Chirurgen viele Mythen, gibt es aber mindestens so spannende historisch belegte Quellen und Ereignisse. Wie überhaupt „Die Charité im Dritten Reich“ so dunkle wie medizinisch wichtige Kapitel schrieb. Das gleichnamige, nun aktualisierte Buch gibt dazu einen Überblick und steht sogar als kostenloser PDF-Download zur Verfügung.

Unter Insidern war „Die Charité im Dritten Reich“ schon seit zehn Jahren mehr als nur Geheimtipp: Prof. Dr. Sabine Schleiermacher und Dr. Udo Schagen hatten 2008 diesen Band rund um das wohl dunkelste Kapitel des berühmten Berliner Krankenhauses herausgegeben und in ihm so ziemlich alle Fakten versammelt, die zum Thema zur Verfügung standen. Doch das Werk war lange vergriffen.

So ist es ein Glücksfall, dass sich jetzt ein Financier fand, um eine Überarbeitung zu ermöglichen – die zudem im Internet für jeden Interessierten als kostenloser PDF-Download zur Verfügung steht.

Von Mitläufern und Widersachern

Am Beispiel der größten deutschen Fakultät und einer großen Zahl von Klinik- und Institutsdirektoren sind die Autoren Fragen nachgegangen wie:

Wie hat sich medizinische Wissenschaft zu Forderungen der NS-Gesundheitspolitik verhalten? Wie haben sich bedeutende Repräsentanten der Medizin zu Ausgrenzung und Verfolgung gestellt? Was war ihre Antwort auf das Gesetz zur Zwangssterilisation „Erbkranker“? Waren sie an medizinischen Verbrechen, wie den „Euthanasie“-Aktionen und den Experimenten an Menschen beteiligt?

Oftmals lautet die ernüchternde Antwort: Ja. Doch tatsächlich gab es aktive und passive „Mitläufer“ genauso wie mutige Ärzte, die sich widersetzten. Sei es, um Patienten zu retten und jüdischen Kollegen zu helfen, sei es, um rein persönlich Position zu beziehen und dafür dann auch z.B. mit dem Entzug ihrer Approbation bestraft zu werden. Nicht wenige sog. arische Mediziner verlor die Charité auf diese Weise ans Ausland. Wie der Betrieb, die ganze Fakultät überhaupt einen regelrechten Aderlass an Fachkräften erlebte.

Wertvolle Infos zu den Serienfiguren

Nun stehen aktuell, aufgrund der Fortsetzung der „Charité“-Serie, natürlich ganz bestimmte Köpfe im Vordergrund, die u.a. in den 1940er-Jahren in Berlin praktizierten und somit gerade für die Fernsehzuschauer eine Rolle spielen. So gibt es auf dem Bildschirm ein Wiedersehen etwa mit dem Charité-Psychiatrie-Direktor Prof. Dr. Karl Bonhoeffer und dessen Nachfolger Prof. Dr. Max de Crinis, der die Euthanasie vorantrieb – ein Kapitel des Buches widmet sich den politischen Zwängen und individuellen Handlungsspielräumen im Kontext der Psychiatrie im Nationalsozialismus.

Inhaltlich beschäftigt sich der neue TV-Sechsteiler – wie das Buch – u.a. auch mit der Kinderklinik und dessen Chef Prof. Dr. Georg Bessau, der manch ein junges Geschöpf zweifelhaften wissenschaftlichen Zwecken zuführte. So emotional es dazu auf dem Bildschirm zugeht, so wichtig, dass die Fachliteratur hier den komplexen Hintergrund liefert.

Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch: Zwischen Dichtung und Wahrheit

Weniger im Buch, v.a. in der Fernsehserie aber rankt sich alles um den brillanten Chirurgen Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch, der schon zu Lebzeiten ein Idol insbesondere für seine Patienten war. Wie warnt das dazugehörige Kapitel: „Es scheint nachgerade angebracht, von einem ‚Mythos Sauerbruch‘ zu sprechen, vom Mythos eines Halbgottes in Weiß, bei dem allerdings sehr sorgfältig zwischen biografischer Verklärung und ärztlich-politischer Realität unterschieden werden muss.“

Eine Gratwanderung zwischen Dichtung und Wahrheit tut sich dann entsprechend auf. Um nur ein paar Schlagworte zu nennen: Früh verstrickt in die nationalsozialistische Ideologie, gleichwohl Einsatz für einige NS-Verfolgte und Positionen gegen den Krankenmord, dennoch kein lauter Widerspruch zu ihm bekannten Grausamkeiten der experimentellen medizinischen Forschung. Eine überaus ambivalente Persönlichkeit.

Moderne Form für neue Diskussionen

Das Buch ist nun in einer dem Internet angepassten, modernen Form erschienen: In den Beiträgen können neben den Möglichkeiten der Druckfassung (Bilder, Fußnoten, Register) zahlreiche neue Eigenschaften und Möglichkeiten genutzt werden, wie farbige Bilder, Lesebuch-/E-Book-Edition in zahlreichen Formaten, umfassende Suchfunktionen, Notizen, veränderbare Markierungen, Einfügen von Kommentaren, Ausdrucke abschnitts- oder seitenweise etc..

„Der Band soll aber nicht nur weiterhin zur Beschäftigung mit der Medizin im Nationalsozialismus und ihrer Enthumanisierung als Teil der Wissenschaftsgeschichte anstoßen, sondern auch zur grundsätzlichen Auseinandersetzung um Fragen ärztlicher und wissenschaftlicher Verantwortung beitragen“, so die beiden Herausgeber. „Dies scheint notwendig, weil sich die Paradigmen, die Denkweisen und Denkmuster der wissenschaftlichen Medizin seit dem Kaiserreich, über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die beiden deutschen Nachkriegsstaaten bis heute nur wenig verändert haben.“

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