Assistierter Suizid -

Europäischer Gerichtshof erlaubt Sterbehilfe

Ein Urteil hält nicht nur die Fachwelt in Atem: Mit der Entscheidung, einen schwerbehinderten Franzosen sterben lassen zu können, setzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte seit Freitag international Zeichen. Urteil wie Begründung dürften auch Einfluss auf die aktuelle Sterbehilfe-Debatte in Deutschland nehmen, wo derzeit eine Titelgeschichte des "stern" Furore macht.

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Europäischer Gerichtshof erlaubt Sterbehilfe
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass der 38-jährige Vincent Lambert sterben darf. -

Kaum ein Hörfunk- oder Fernsehsender, der Freitag nicht schon in den frühen Morgenstunden darüber berichtet hatte: Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg stand ein wegweisendes Urteil an – darf ein schwerbehinderter Franzose mit Hilfe von Ärzten, Zustimmung seiner Ehefrau und einiger Geschwister sterben? Obwohl seine Eltern und andere Geschwister dagegen sind? Gegen Mittag die Entscheidung des EGMR: Ja, das ist zulässig.

Ein Urteil, das zum einen auch in Deutschland die aktuelle politische Sterbehilfe-Debatte beeinflussen wird. Ein Urteil, das zum anderen sehr emotional besetzt ist und tief in viele Familiengeschichten greift, spätestens dort, wo schwer kranke Menschen keine Patientenverfügung ausgestellt haben und nun deren Angehörige vor ähnlichen Entscheidungen stehen.

Der Fall in Frankreich

Seit einem Verkehrsunfall im September 2008 liegt der heute 38-jährige Vincent Lambert im Wachkoma und wird künstlich ernährt. Zwar erreichte er danach den so genannten "Status minimalen Bewusstseins" – doch weder Bewegungstherapie, noch stimulierende Massagen wirkten auf sein Bewusstsein. Ohne Erfolg blieben auch die Bemühungen der Angehörigen oder intensive sprachtherapeutische Behandlungen. Lambert hat in der Sprache der Medizin kein "zwischenmenschliches Leben".

Im Frühjahr 2013 glaubten die Mediziner, beim querschnittsgelähmten Patienten ein Zeichen des Widerstands gegen die Behandlung zu erkennen. Sie sahen auch langfristig keine Verbesserungen und hatten daher im vergangenen Jahr in Übereinstimmung mit seiner Frau, einer Pflegefachkraft und sechs Geschwistern beschlossen, die künstliche Ernährung einzustellen, um den Schwerstbehinderten sterben zu lassen. Diese Entscheidung wurde im Juni 2014 vom französischen Conseil d'Etat – dem höchsten Verwaltungsgericht des Landes – gebilligt.

Doch Lamberts Eltern und zwei weitere Geschwister waren dagegen und initiierten den seit Jahren dauernden Rechtsstreit, zuletzt gegenüber des EGMR. Die Kläger wollten geltend machen, dass ein Abschalten der lebenserhaltenden Geräte ein Verstoß gegen das Grundrecht auf Leben wäre. Dies verneinte der Straßburger Gerichtshof nun.

Die Folgen des Urteils

Das Urteil wurde von der Großen Kammer aus 17 Richtern gefällt, dagegen ist eigentlich kein Einspruch möglich. Es erging mit zwölf Stimmen, fünf der Richter hatten eine abweichende Meinung. In der Begründung heißt es: Die französische Justiz habe "alle medizinischen und ethischen Aspekte dieses Falls sorgfältig abgewogen". Lamberts Eltern wollen dennoch weiter alles anstrengen, um ihren Sohn am Leben zu halten.

Das Hauptproblem: Vincent Lambert hat keine Patientenverfügung ausgestellt und sich vor seinem Unfall auch nicht geäußert, was mit ihm passieren sollte, falls ihm einmal etwas zustößt. So eine Unklarheit kann, wie dieser Fall zeigt, nicht nur eine Familie spalten, sondern gar die Öffentlichkeit auf den Plan rufen, die in Konsequenz darüber mit (europäisch verschiedenen) Paragrafen entscheidet.

Das Urteil hat über den Fall Lambert hinaus Relevanz: Etwa 1.700 Patienten sind in Frankreich in einer ähnlichen Lage. Und die übrigen Länder der Europäischen Union gehen unterschiedlich mit Sterbehilfe um. Vielerorts, wie in Deutschland, läuft die Debatte, ob Sterbehilfe gesetzlich neu geregelt werden soll.

Ein Bekenntnis aus Deutschland

Was passiert, wenn zu wenig geregelt und erlaubt ist, zeigt die Titelgeschichte des "stern"-Magazins, die am 4. Juni 2015 – einen Tag vor dem EGMR-Urteil – erschien. In einem erschütternden Bericht schildert ein Sohn, wie und warum er seiner kranken Mutter irgendwann die Nase zuhielt.

Die frappierende Ähnlichkeit zum Fall aus Frankreich: Auch hier hatte die Frau einen Unfall, lag seither regungslos im Koma und wurde über eine Magensonde ernährt. Auch hier gab es keine Patientenverfügung. Allerdings lehnte das zuständige Pflegeheim jede Unterstützung für passive oder aktive Sterbehilfe ab.

Per "Selbstjustiz" setzte der Sohn dem unwürdigen Zustand nach acht Jahren im Januar 2012 deshalb ein Ende. Sechs Monate später verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig wegen Totschlags zu drei Jahren Haft, er wurde aber nach 18 Monaten entlassen.

Mit der "Tat" leben

Der heute erst 29-Jährige schildert im „stern“-Interview ausführlich, warum er sich nicht als "Täter" sieht und worum es in der ganzen Debatte eigentlich geht: um Menschlichkeit, Schmerzen zu nehmen und um die Frage, wer wann tatsächlich das Recht für Entscheidungen und das Recht auf ein Urteil hat.

Das Gespräch, das der Journalist Arno Luik mit dem Sohn für den "stern" führte, ist auch ein Appell an unsere Bundestags-Abgeordneten, die noch vor der parlamentarischen Sommerpause über legale Sterbehilfe und Sterbebegleitung diskutieren wollen. In den Beneluxländern jedenfalls hätte diese Mutter nicht jahrelang leiden müssen – dort ist, anders als in Deutschland, die aktive Sterbehilfe erlaubt. Dort wird somit letztlich auch mutigen Angehörigen nach ihrer "Tat" das weitere Leben erleichtert.

"Was hätte ich denn sonst tun sollen?" fragt sich der 29-Jährige bis heute. Und weint und vergisst nichts.

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