Digital Health Lexikon -

Ethik der digitalen Medizin

Moral ist ein beschreibbares Set von Regeln, die von Mitgliedern einer Gruppe als handlungsleitend akzeptiert werden. Die systematische Begründung/Kritik dieser Regeln (Normen) und deren materialen Gehalten (Werte), ist Kern der Ethik. Die Ethik der digitalen Medizin ist die Anwendung der Ethik auf den Bereich der digitalen Medizin.

1. Synonyme:

Direkte Synonyme sind nicht vorhanden. Oft wird "Ethik" und "Moral" synonym benutzt, was jedoch nicht korrekt ist.

2. Kurzhistorie:

"Ethik" ist eine Wissenschaft und eine Disziplin der Philosophie. Diese systematische Einordnung hat sich geschichtlich entwickelt, verbunden mit Philosophen wie Aristoteles (Tugendethik), Kant (Pflichtenethik), Mill (Utilitarismus) oder Habermas (Diskursethik). Dabei spielten in der Spätmodere Kategorien wie Emotionen, Interessen und Kommunikation eine zunehmend stärkere Rolle. Ob es v.a. so etwas wie "absolut gültige ethische Werte" gibt, die dem Grunde nach unabhängig von Kulturen oder geschichtlichen Entwicklungen universale Geltung beanspruchen können, zudem "Sollen" (Ethik) irreduzibel auf "Sein" (Fakten) ist und doch in jedem positiven wirken kann, ist in der Geschichte der Philosophie seit jeher umstritten. Ethik steht darüber hinaus in einem engen Verhältnis zur Sphäre des Rechts, ist aber nicht notwendig an Raum, Zeit, Strukturen und Sanktionen gebunden.

Die Ethik der Medizin hat dabei eine ebenso lange Tradition. Insbesondere die Rolle von Arzt und Pflegenden im Verhältnis zu ihren Patienten, die gerechte Leistungsverteilung im Versorgungssystem, "rote Linien" für die medizinische Forschung und die technologischen Entwicklungen in der Medizin wurden entsprechend reflektiert. Das Verhältnis von Ethik zur Technik (Technikethik), zur Ökonomie (Wirtschaftsethik) und zur Medizin (Medizinethik) prägen dabei die Ethik der digitalen Medizin.
Auffällig ist hier, dass die ethische Kompetenz zwar begründungsseitig ohne Fakten auskommt, aber nicht konklusionsseitig. Von Fakten (Sein) lässt sich logisch nicht auf Werte (Sollen) schließen (Hume, Kant, Moore). Allerdings sind ohne materiale Kenntnisse ethische Normen nur fader, abstrakter Moralismus. Zudem impliziert Sollen prinzipiell Können. Übertragen auf die Ethik der digitalen Medizin bedeutet dies, dass die intensive Beschäftigung mit den neuen technologischen Möglichkeiten wesentlich ist.

3. Ziel:

Die Ethik der digitalen Medizin fragt nach Begründungen, Abgrenzungen, Bewertungen von Zwecken und digitalen Praktiken (Mitteln) in der modernen Medizin.

4. Wesentliche Merkmale:

Die deskriptive Kenntnis der "smarten Medizin" ist ebenso herausfordernd wie deren normative Bewertung, da die faktische technologische Entwicklung so dynamisch ist, dass die materialen Gehalte für die ethischen Überlegungen oft erst zu spät in Gänze in der Ethik erfasst werden können.

5. Wesentliches Einsatzgebiet (Beispiel):

Hier sind insbesondere Fragen nach Daten (Souveränität, "Eigentum", Verwendung, Nutzen, Geschäftsmodelle, Sicherheit, Privatheit etc.), neue technologische Anwendungen (KI in der Medizin, Robotik, Genomics, VR etc.), die Rolle der Ärzte und Pflegenden (Driver Seat oder Co-Pilot?) und der neuen Rolle der Patienten (digital enabled, aufgeklärt, "Kunde" etc.), Ethik für "Smart Hospitals" etc. thematisch relevant. Im eHealth-Bereich wird aktuell in diversen Gremien und Verbänden (z.B. der Datenethikkommission der Bundesregierung, der High-Level Expert Group on Artificial Intelligence der EU-Kommission etc.) und in der Forschung über die Grundsätze und Anwendungsformen einer Ethik der digitalen Medizin (und Gesundheitswirtschaft) diskutiert.

6. Unterscheidungen von ähnlichen Begriffen:

Ethos ist eine beobachtete und beschreibbare konkrete, oft tradierte Sitte, ein Brauch der sich oft auf überlieferte Werte bezieht.

Prof. Dr. Stefan Heinemann

Autor:

Prof. Dr. Stefan Heinemann

Sprecher Ethik-Ellipse Smart Hospital (Universitätsklinikum Essen) und FOM Hochschule.

stefan-heinemann@gmx.de 

 

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