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Pflege braucht ein besseres Image „Es geht um eine radikale Neuaufstellung“

Wie kann das Image der Pflege in der Gesellschaft nachhaltig verbessert werden? Eine Frage, die immer wichtiger wird und deshalb bei den „Wörlitzer Parkgesprächen“ im Fokus stand. Karla Kämmer, versierte Unternehmensberaterin fürs Gesundheitswesen, über notwendige Maßnahmen auch seitens der Politik.

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Die hochkarätige Gesellschaft, die Mitte Juni einer Einladung der WiBU-Gruppe zu den „Wörlitzer Parkgesprächen“ gefolgt war, hatte sich viel vorgenommen: Rund 40 Geschäftsführer und Vorstände der Pflegewirtschaft, ob für einen frei gemeinnützigen, privaten oder kommunalen Träger tätig, wollten binnen zweier Tage ein Maßnahmenpapier erarbeiten, um das Image der Pflege langfristig „aufzupolieren“. Tatsächlich entstand im illustren Ambiente des UNESCO-Weltkulturerbes ein beeindruckender Forderungskatalog – sowohl für die Politik als auch für die Beteiligten selbst. (HCM berichtete in Ausgabe 9/2018 auf den Seiten 14/15.) Und nun?

Karla Kämmer, Moderatorin der Veranstaltung, trug die in Sachsen-Anhalt diskutierten Maßnahmen zusammen. Sie wurden kürzlich an Adalbert Weiler (MdB, CDU) übergeben. Die renommierte Unternehmensberaterin über nächste Schritte, Notwendigkeiten und noch mehr Chancen für ein besseres Image.

HCM: Frau Kämmer, eigentlich sind sich alle Branchenakteure – ob als Entscheider, Fachkraft oder Politiker tätig – lange einig, dass die Pflege ein besseres Image braucht. Warum funktioniert das seit Jahren trotzdem nicht?

Kämmer: Weil sich die Akteure mit dem Defizit arrangiert haben: Die Pflegenden, die sich kaum zu sagen trauen, dass sie Altenpfleger sind. Die Heimträger, die mit immer weniger Geld ständig steigende Ansprüche bedienen müssen. Die Prüfinstanzen, die widersprüchlich agieren. Die Kostenträger, die nur scheinbar verhandeln, und die Politik, die zu spät, zu wenig grundlegend und zu wenig zukunftsweisend gehandelt hat.

HCM: Was empfehlen Sie als Unternehmensberaterin zum Thema – reichen simple PR-Kampagnen mit schicken Plakaten?

Kämmer: Ganz sicher nicht. Vorrangig geht es um eine tief greifende Bewusstseins- und Verhaltensänderung der Beteiligten. Um eine radikale Neuaufstellung, die bereits im Gange ist. In Anbetracht der Bedrohlichkeit des Mitarbeitermangels für Wachstum und Entwicklung der Branche sollten gewohnte Konkurrenzen in den Hintergrund treten. Die Träger müssen mit einer Stimme sprechen und sich auf zentrale Positionen einigen, die sie dann mit der Größe ihres Gesamtmitarbeitervolumens und im Interesse der ungeheuren Vielzahl an Pflegebedürftigen durchsetzungsstark vertreten – als große, bedeutsame und schlagkräftige Pflegebranche! Unbequem in der Erstreitung der notwendigen Rahmenbedingungen einerseits, andererseits stolz, sinnstiftend, bunt und energievoll. Den Pflegenden muss klar sein, dass nur sie selbst solidarisch für ihre Zukunft eintreten können. Sie müssen verhindern, dass weiterhin Interessen anderer auf Kosten der Pflege durchgedrückt werden. Sie sollen stolz auf ihren Beruf als „Lebensqualitätsermöglicher“ sein. Kurzum: Ein professionelles Bewusstsein ausbilden. Das heißt mitgestalten, z.B. in Gewerkschaften, Berufsverbänden und Parteien, an Pflegestammtischen teilnehmen, sich für Pflegeberufekammern und eine reflektierte Umsetzung der generalistischen Ausbildung engagieren.

Mit dieser strukturellen und inhaltlichen Neupositionierung der beiden großen Player in der Pflegebranche – Träger und Pflegende – bietet sich die Chance, dringend anstehende Veränderungen zielführend umzusetzen. Und das wird sich letztendlich auch positiv auf das Image der Branche auswirken.

HCM: Was sind für Sie die wichtigsten Eckpunkte des Maßnahmenpapiers, das bei den „Wörlitzer Parkgesprächen“ erarbeitet wurde?

Kämmer: Von Seiten der Politik sind zukunftsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen, z.B. eine bundesweit einheitliche Gesetzgebung, gleiches Lohnniveau in Krankenhaus und Langzeitpflege, Entkoppelung der Gehälter vom Heimentgelt und Refinanzierung durch den ­Kostenträger, Beitragsstabilität, mehr übergreifende Versorgungsstrukturen. Im Hinblick auf die nötigen Fachkräfte brauchen wir klare Regelungen, für welche Tätigkeiten welche Art Fachkräfte benötigt werden. Die beteiligten Einrichtungen wollen verstärkt Quartiersarbeit betreiben, bei der Lösungssuche auch in fremden Branchen „wildern“ und mit den durchaus vorhandenen „guten Nachrichten aus der Pflegepraxis“ in die Öffentlichkeit gehen. Der Teilnehmerkreis der „Parkgespräche“ wird um Vertreter der Kassen erweitert, um direkt ins Gespräch zu gehen.

HCM: Und welche realistischen Chancen hat der Forderungskatalog in der Politik?

Kämmer: Wir konnten den Eindruck gewinnen, dass ein hohes Interesse an den Einschätzungen, Wünschen und Forderungen der Verantwortlichen besteht, besonders wenn sie an der gemeinsamen Sache entlang frei und ohne Scheuklappen geäußert werden.

HCM: Das Maßnahmenpapier impliziert zugleich Anforderungen an die vorherigen Veranstaltungsteilnehmer. Wie können Entscheider ihrerseits das Image der Pflege verbessern?

Kämmer: Sie sollten sich zwei Fragen stellen: 1. Ohne Pflegekräfte geht es nicht – nutze ich schon alle Möglichkeiten, Mitarbeiter positiv an das Unternehmen zu binden? 2. Nutze ich alle Möglichkeiten, unsere positiven Leistungen in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, so dass Mitarbeiter stolz auf ihre Tätigkeit sein können?

HCM: Das Image ist eine Seite, die Praxis die andere. Wer muss was tun, um v.a. die Konditionen für den Arbeitsalltag zu optimieren?

Kämmer: Die Arbeitgeber können Arbeitsbedingungen durch systematische Strategien positiv beeinflussen und hoher Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und dem Gefühl übermächtiger Außenanforderungen entgegenwirken. Wichtig: Mitarbeitern zuhören und sie mit ihren individuellen Bedürfnissen in den Blick nehmen. Mitarbeiter sollten nach Kosten-Nutzen-Analyse zu dem Schluss kommen, dass sich der Verbleib im Unternehmen lohnt, und können so andere ermutigen, sich beim Träger zu bewerben.

HCM: Ein Vorteil bei dieser Diskussion könnte sein, dass die Pflege per se mehr denn je Thema sogar in den TV-Hauptnachrichten-Sendungen ist. Spielt die mediale Außenwirkung einem positiven Image in die Karten?

Kämmer: Ja, wenn sie glaubwürdig gelingende, gemeinsame, sinnvolle Arbeit und hohe Professionalität deutlich macht.

HCM: Was glauben Sie: Wie wird der Pflegeberuf in einem Jahr dastehen?

Kämmer: Er wird wichtige Schritte auf dem Weg in die gesellschaftliche Anerkennung vollzogen haben – durch den politischen Umgang mit der Mangelsituation und nicht zuletzt dadurch, dass bald nahezu alle Bürger im alltäglichen Kontakt mit pflegebedürftigen Angehörigen stehen und dabei die hervorragenden Leistungen schätzen lernen.

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