Reha kompakt -

Zukunft Rehabilitation Empfehlungskatalog für Manager

Rehabilitation ist beim Europäischen Gesundheitskongress am 26./27. September in München eines der zentralen Themen. Das Programm zeigt: Reha bleibt eine Reformbaustelle. Das neue Buch „Erfolgreiches Rehabilitationsmanagement“ skizziert u.a., wie diese Aufgabe gelingen kann.

Themenseiten: Reha, Betriebliches Gesundheitsmanagement und Qualitätsmanagement

Mit ihrer Publikation, die im September auf den Markt kommt, wollen Dr. York Dhein (Vorstandsvorsitzender der Johannesbad Gruppe) und Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff (Centrum für Krankenhaus-Management, Universität Münster) einen Empfehlungskatalog für Manager bereitstellen. Im Interview erläutern die Herausgeber die Besonderheiten und geben Einblicke in die Situation sowie die Perspektiven der Rehamedizin in Deutschland.

Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch herauszugeben?

Dhein: Es ist ja unverkennbar: Die Relevanz der Rehabilitation für die Menschen, die Gesellschaft und die Wirtschaft steigt. Gleichzeitig befindet sich der Markt für Rehakliniken im Umbruch. Denken Sie nur an den demografischen Wandel, Digitalisierung, Konsolidierungsbestrebung von Finanz­investoren, aber auch das Aufkommen innovativer Varianten der Reha wie ambulante, mobile und Telereha. Wir haben uns gefragt: Wie funktioniert erfolgreiches Management in der Rehabilitation unter diesen Bedingungen? Und mussten feststellen, dass es dazu für heutige und zukünftige Manager und Fachkräfte kaum Literatur gibt, die alle wesentlichen Rehabereiche zusammenführt und sich dabei mit den aktuellen Herausforderungen der Branche befasst. Diese Lücke wollten wir schließen. Daher rührt die Idee, ein Fachbuch für modernes Management in der Rehabilitation zu schaffen, ausgerichtet an der Praxis, mit hohem Nutzen für den Manageralltag, verfasst von den besten Experten der Branche.

Was unterscheidet das Werk „Erfolgreiches Rehabilitationsmanagement“ von anderen Publikationen zu diesem Thema?

von Eiff: Dieses Buch erhebt den Anspruch ein Praxisleitfaden zu sein, also den Führungskräften Rüstzeug an die Hand zu geben, in einem disruptiven Marktumfeld strategische und operative Managemententscheidungen fundierter zu treffen, um ein Rehaunternehmen erfolgreich zu führen: Das Management muss wissen, wie der Markt „tickt“ und die treibenden Marktkräfte erkennen. Die strategische Wettbewerbsposition ist zu bestimmen und das operative Geschäft, also die Wertschöpfungskette, angepasst an die Strategie, ist zu optimieren. Dabei spielen Fragen der Investitionsfinanzierung ebenso eine Rolle wie der Umgang mit dem Fachkräftemangel, der Reflektion erfolgreicher Führungstechniken sowie die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung.

Im Erstellungsprozess hatten wir in der Herausgeberschaft, die die Perspektiven von Wissenschaft und Management repräsentiert, befruchtende Diskussionen. Dieses Spannungsfeld aus praxisorientierter Wissenschaft und wissenschaftlich fundiertem Management durchzieht das ganze Buch.

Dhein: Wir leiten jedes Kapitel durch einen Vorspann ein, der die folgenden Artikel in den Gesamtzusammenhang des Rehamarktes einordnet und die Schwerpunktsetzung begründet. Am Ende eines jeden Kapitels stehen klare Empfehlungen für das Rehamanagement zu Fragen der Digitalisierungsstrategie, der Finanzierung, zum Umgang mit Finanzinvestoren, zu sektorübergreifenden Kooperationsstrategien, zum Qualitätsmanagement, zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung im Rehabetrieb und zu neuen Rehageschäftsmodellen in einer zunehmend digitalisierten Medizinwelt. Dieser „rote Faden“ aus Einordnung und Handlungsempfehlungen zieht sich konsequent durch das Buch.

von Eiff: Das Abschlusskapitel bildet eine „Agenda Rehabilitation 2025“. Wir verstehen es als Einstieg in und Aufforderung zu einem konstruktiven Dialog zwischen Entscheidern, Verbandsvertretern, Kostenträgern und Politikern. Es geht um die öffentliche Sensibilisierung für die Notwendigkeit, den Rehasektor von einseitigen ökonomischen und bürokratischen Zwängen zu befreien.

Das heißt, Sie beziehen Position. Was erwarten Sie von der Politik?

von Eiff: Wir brauchen dringend ein neues Vergütungssystem. Sonst gefährden wir die wichtige Aufgabe des Rehasektors im Bereich der Daseinsvorsorge. Auf diesem Markt schweben momentan 28 Prozent der Anbieter von Vorsorge- und Rehaleistungen in Insolvenzgefahr. Die Unterfinanzierung bei den Tagessätzen liegt bei etwa 30 Prozent. Vollpauschalierte Tagessätze, die aufgrund der Marktmacht von Kostenträgern individuell für jeden Anbieter verhandelt werden, differenzieren nicht nach Schweregrad von Patienten. Das gegenwärtige Vergütungssystem setzt keine Anreize für Qualität, sondern nur zur Kostensenkung. Um ein Beispiel zu nennen: Mit Tagessätzen zwischen 90 und 122 Euro lässt sich keine qualifizierte kardiologische Rehabilitation durchführen, schon gar nicht bei Berücksichtigung des steigenden Altersdurchschnitts der Patienten in Kombination mit Multimorbidität, Delir- und Frailty-Syndrom. Unter diesen Restriktionen kann der beste Manager nicht mehr erfolgreich agieren. Hier ist Politik gefragt, die Rahmenbedingungen entsprechend zu ändern. Sonst verschwinden Leistungen und Einrichtungen vom Markt, mit fatalen Folgen für die Versorgung der Patienten.

Dhein: Und wir verspielen eine riesige Chance, die in der Digitalisierung liegt. Denn die dafür erforderlichen Investitionen sind mit dem momentanen Finanzierungs- und Vergütungssystem kaum zu stemmen. Es darf nicht dazu kommen, dass sich nur die großen Player digitale Gesundheitsanwendungen wie arbeitssparende und qualitätsverbessernde Robotertechnologien leisten können und damit Kleine aus dem Markt drängen. Darunter würde mittelfristig die Vielfalt der Versorgungsstruktur in der Rehabilitation leiden. Das neue Digitalisierungsgesetz ist hier sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die freiwillige Beteiligung von Rehakliniken als Teil der Versorgungskette an der Telematik-Infrastruktur im Gesundheitswesen kann nur ein Anfang sein.

Welche Wirkungen erwarten Sie von dem Buch auf die Branche?

Dhein: Auf den Punkt gebracht würde ich sagen „unfreeze“! – dass es das System in Bewegung bringt, Diskussionen anstößt. Denn wir sind heute an einem Punkt, wo es um nicht weniger geht als um strategische Weichenstellungen für die Zukunft der Rehabilitation und ihrer vielfältigen Leistungserbringer.

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