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Depressionen bei Pflegekräften Empathie mit Nebenwirkungen?

"Zieht Grenzen, sonst geht ihr kaputt." Mit dieser Botschaft warnt Diana Bach ihre Kollegen. Die ehemalige Altenpflegerin musste ihren Herzensjob aufgrund von Depressionen aufgeben. Sie habe zu viel von sich gegeben – wann wird die soziale Ader Pflegekräften zum Verhängnis?

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Diana Bach spricht nicht über ihre Ausbildung zur Altenpflegerin – sie schwärmt. Es schwingt viel Wärme mit, wenn die 39-Jährige aus Solingen von den Nonnen mit Häubchen berichtet, die sie damals mit 16 ausbildeten. Oft sehnte sie sich nach ihren Anfängen in der Pflege zurück, denn ihr Traumberuf habe sich verändert: mehr Schreibkram, weniger Zeit für Patienten, mehr Druck, weniger Anerkennung.

Diana Bach

Seit 2014 ist Bach arbeitsunfähig. Diagnose: Depression. Heute teilt sie ihre Erfahrungen auf einem Blog und auf Facebook, um Betroffenen zu helfen. Ihre Empathie und Sensibilität, Eigenschaften die gute Pflegekräfte mitbringen müssen, wurden ihr zum Verhängnis, denn sie ging über persönliche Grenzen, um den unterbesetzten Betrieb am Laufen zu halten. Ab wann wird die soziale Ader gefährlich und hindert Pflegende an einem erfüllten Berufsleben? Und sind Pflegekräfte in der Verantwortung oder arbeiten sie in einem System, das keiner mehr verkraftet?

HCM: Sind Pflegekräfte manchmal zu sozial?

Bach: (lacht) Ja, wenn man mit so viel Herzblut dabei ist wie ich. Und ich glaube das sind sehr viele.

HCM: Und wie äußert sich das im Alltag?

Bach: Viele Führungskräfte stützen sich auf Mitarbeiter, die alles geben und vergessen, dass sie dabei krank werden können. Ich habe einmal 32 Tage am Stück gearbeitet und für meine Vorgesetzten damals war das OK. Ich lief nur noch wie ferngesteuert herum, aber keiner hat nachgefragt. Heute weiß ich: Man sollte Grenzen ziehen und für jeden sehen die anders aus.

HCM: Sind Sie aufgrund Ihres Pflegeberufs in die Depression gerutscht?

Bach: Der Beruf ist nicht alleine verantwortlich, aber mit. Ich hatte schon als Kind Angststörungen, das liegt bei uns in der Familie. Der Job hatte insofern damit zu tun, weil ich mich nicht abgrenzen und nicht mehr abschalten konnte. Das hat mich krank gemacht.

HCM: Wo sind Sie über eigene Grenzen gegangen?

Bach: Es gab ein Schlüsselerlebnis, das mir sehr ans Herz ging: Der letzte Todesfall, den ich in der Palliativpflege begleiten durfte. Er war etwas älter als ich damals, 39, und kam mit der Diagnose Krebs zum Sterben zu uns. Wir haben uns schnell angefreundet und ich habe ihn drei Tage begleitet, ohne nach Hause zu gehen. Da habe ich das erste Mal bewusst wahrgenommen, wie sehr ich an meine Reserven gehe.

HCM: Aber dafür haben Sie sich selbst entschieden.

Bach: Genau. Mir war es bei ihm sehr wichtig, dass ich dabei bin. Da habe ich auch nicht lange überlegt. Obwohl ich währenddessen zum ersten Mal gespürt habe, dass ich nicht mehr verkrafte was ich tue und gemerkt habe: Mit mir stimmt etwas nicht. Kurze Zeit später bin ich zusammengebrochen. Dann wurde festgestellt, dass ich tief in einer Depression stecke und ausgebrannt bin. Ein tiefes Erlebnis für mich, an das ich bis heute zwischendurch denke. Ich bereue nicht, dass ich es getan habe. Aber das war der Moment, in dem ich gesagt habe: Es geht so nicht mehr weiter.

"Ich kann mich mit dem Beruf heute nicht mehr identifizieren."

HCM: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich also viel angestaut?

Bach: Der Druck in der Pflege ist gewachsen und ich kann mich mit dem Beruf heute nicht mehr identifizieren. Mit 16 habe ich noch die Ausbildung bei den Nonnen mit Häubchen gemacht (lacht). Das war eine sehr schöne Zeit, nach der ich mich am Ende oft gesehnt habe. Es ist wirklich schade zu sehen, dass man den Patienten nicht mehr gerecht werden kann. Die Menschen brauchen Zeit und möchten auch mal warme Worte hören. Eine Hand, die nach ihrer greift, die Sicherheit gibt. Am Ende war es für mich wie Fließbandarbeit und das ist wirklich traurig.

HCM: Und da stellte sich das Gefühl ein, Sie leisten nicht genug?

Bach: Richtig. Und das ist nicht, was ich mir damals gewünscht oder gelernt habe.

HCM: Gerade Empathie und Sensibilität machen gute Pflegekräfte aus. Auf der anderen Seite sind Sie wegen diesen Charaktereigenschaften weit über Ihre Grenzen gegangen, bis hin zur Diagnose Depression. Sollten sich Arbeitgeber das mehr bewusst machen?

Bach: Ja natürlich, man nennt es ja auch „soziale Ader“. Ich habe zu viel gegeben und wurde deshalb krank. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass ich so ein empathischer Mensch bin. Ich sehe das nicht negativ.

HCM: Andere stumpfen ab.

Bach: Das macht jeder mit sich selbst aus. Ich möchte nicht wissen, wie viele von den „Harten“ nach dem Feierabend ins Kissen weinen.

"Es brauchte nur Urlaubs- oder Krankenzeit kommen und dann brach alles zusammen."

HCM: Um Ihrem Beruf gerecht zu werden, haben Sie viel gegeben. Haben Sie überhaupt noch Zeit für sich gefunden?

Bach: Gar keine mehr. Ich bin oft nach Hause und habe geweint und mich gefragt wie es weitergehen soll. Ich war einfach kaputt. Ich habe manchmal so viele Tage durchgearbeitet, dass ich gar nicht mehr wusste wo vorne und hinten war. Weil einfach keiner mehr da war. Es brauchte nur Urlaubs- oder Krankenzeit kommen und dann brach alles zusammen. Und die, die da waren, liefen auf Hochtouren. Daher konnte ich nicht mehr abschalten und habe oft Schlafstörungen gehabt.

HCM: Spielt da auch die Schichtarbeit rein?

Bach: Ich denke schon, für den Körper ist Schichtarbeit definitiv ungesund. Es gibt wenig Konstanz und zusätzlich muss man spontan einspringen.

HCM: Darunter leidet auch das Privatleben?

Bach: Ich hatte gar kein Privatleben, wenn ich ehrlich bin. Wenn ich nicht gearbeitet habe, war ich kaputt. Ich musste an Wochenenden meistens einspringen, weil irgendjemand immer krank wurde. Meine Familie hat mich bei Geburtstagen und Festen fast gar nicht mehr gesehen. Sie haben mir den Zusammenbruch lange vorher prophezeit. So viele Jahre dieses Pensum geht nicht gut. Da war aber immer wieder mein Gewissen gegenüber den Patienten, das sich gemeldet hat. Ich war damals auch noch nicht so achtsam, dass ich in meiner Freizeit speziell etwas für mich gemacht hätte.

"Meine Kollegen fanden es bemerkenswert, wie ich noch weiterarbeiten konnte, obwohl es mir so schlecht ging."

HCM: Wie haben Ihre Kollegen auf Ihre Diagnose Depression reagiert?

Bach: Meine Kollegen haben schon vorher gemerkt, dass mich etwas beschäftigt, aber dass ich trotzdem weiter funktioniere. Sie fanden es bemerkenswert, wie ich noch weiterarbeiten konnte, obwohl es mir so schlecht ging.

HCM: Und haben Ihre Kollegen Sie ermutigt auszusteigen?

Bach: Ja, einen Vorwurf habe ich nie bekommen. Ich habe natürlich eine wichtige Position als Vorgesetzte aufgegeben, aber mein Chef und meine Mitarbeiter haben mich bestärkt und gesagt, dass ich mich melden darf, wenn ich wieder in den Bereich wechseln möchte. Als ich weg war, haben sie mir immer wieder liebe Grüße geschickt. Auch von den Angehörigen der Patienten kam unheimlich viel Verständnis.

HCM: Schichtarbeit, Druck, psychische Belastung – vielen Pflegekräften geht es heute ähnlich wie Ihnen damals. Was könnte die aktuelle Situation auf den Stationen verbessern?

Bach: Anerkennung und Wertschätzung fehlen. Die Leute werden eher demotiviert statt motiviert. Ich finde, dass in diesem Bereich unheimlich viel passieren muss, damit sich die Leute wieder besser und sicherer fühlen. Pflegekräfte stehen nur unter Druck. Sie kennen nur Personalmangel und müssen irgendwie die Arbeit durchziehen. Ich bekomme von ehemaligen Kollegen noch mit, wie unterbesetzt sie sind und auf Hochtouren laufen.

HCM: Also sagen auch Ihre Ex-Kollegen: „Wir schaffen das nicht mehr lange“?

Bach: Ich kenne viele zwischen 40 und 50 Jahren, die auch aus dem Beruf ausgeschieden sind, weil sie nervlich nicht mehr konnten. Der Job ist körperlich und vom Kopf sehr anstrengend. Wenn dann auch noch viel Druck herrscht, wenig Anerkennung kommt und man immer mit diesem unzufriedenen Gefühl nach Hause gehen muss, „Ich konnte meinem Patienten nicht gerecht werden heute“ ist es kein Wunder, dass viele so traurig und ausgebrannt sind. Das finde ich schade, weil es ein wundervoller Beruf ist.

"Gerade in Führungspositionen sitzen viele im Büro, die sind nur theoretisch präsent."

HCM: Woher kommt das Anerkennungsproblem?

Bach: Gerade in Führungspositionen sitzen viele im Büro, die sind nur theoretisch präsent, aber nicht mehr in der Praxis. Ich habe damals auch in einer Leitungsposition gearbeitet und hatte aber das Glück, auch noch in der Pflege zu arbeiten. So konnte ich meinem Team oder den Bewohnern zuhören: Was braucht ihr? Fehlt euch was? Für mich war es auch selbstverständlich mein Team zu motivieren und für die Arbeit zu loben. Ich habe immer mal wieder eine Besprechung einberufen, wo jeder mal zu Wort kommen konnte.

HCM: Viele Kliniken bieten Supervisionen an, bei denen Mitarbeiter ansprechen können, was sie bedrückt, damit sich der Druck gar nicht erst aufbaut.

Bach: Ja, das kenne ich. Aber wenn ich ehrlich sein darf ... ich habe es nicht so empfunden, dass sie wirklich helfen. Manchen Kollegen vielleicht schon. Ich habe es so wahrgenommen, dass wenn die Supervision stattfand, sich alles etwas gelockert hat. Es wurde etwas besser, aber nach zwei Wochen war es aus den Köpfen wieder verschwunden.

HCM: Was würden Sie Kollegen raten, die in einer ähnlichen Situation wie Sie damals stecken?

Bach: Zieht Grenzen, sonst geht ihr kaputt!

"Ich habe meinen Beruf nie bereut und sehr geliebt. Das würde ich aber nicht mehr schaffen."

HCM: Wollen Sie wieder zurück in die Pflege?

Bach: Ich habe meinen Beruf nie bereut und sehr geliebt. Das würde ich aber nicht mehr schaffen. Sobald ich merke, dass der Druck sich wieder aufbaut, bin ich schnell überfordert. Ich habe diese Geduld nicht mehr. Ich hätte auch Angst wieder so funktionieren zu müssen, wie ich es damals gemacht habe.

HCM: Haben Sie andere Pläne?

Bach: Ich würde gerne einen Ort der Begegnung schaffen, wo sich Menschen mit Depressionen wirklich begegnen können. Ich würde gerne eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen und verschiedene Möglichkeiten anbieten. Das kann ich mir wirklich gut vorstellen für meine Zukunft.

Das Gespräch führte Sabrina Demmeler.

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