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5. Fachtagung: Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege „Ein Roboter macht noch keinen Pflegefrühling“

Digitale Technik erleichtert die Pflege und wird es weiterhin verstärkt tun – aber nur, wenn die Bedarfe der Pflegebedürftigen und Pflegeerbringer bei der weiteren Entwicklung stark eingebunden werden. Laut der bayerischen Staatsministerin Melanie Huml brauche es eine digitale Pflege, die akzeptiert wird. Was bei der Umsetzung zu beachten ist, machten hochkarätige Referenten und Diskutanten aus Wissenschaft und Praxis am 11. April in München deutlich.

Themenseite: Digitalisierung

„Die großen Sorgen und Ängste gegenüber der Digitalisierung in der Pflege konnten in den letzten Jahren zurückgefahren werden“, erklärte Staatsministerin Melanie Huml bei ihrer Eröffnungsrede der 5. Fachtagung: Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege. Das bayerische Gesundheitsministerium sei im gesamten Bundesland unterwegs und unterstütze digitale Projekte, immer unter der Prämisse, „den Menschen mitzudenken“.

Einige dieser geförderten Digitalisierungsprojekte wurden auf der Fachtagung vorgestellt. Darunter z.B.

  • der Pflegeroboter Pepper, der in der Tagespflegeeinrichtung Ursula Wiegand der Caritas Sozialstation St. Johannes e.V. in Erlenbach im Einsatz ist,
  • "9 x Selbstbestimmt Wohnen in Oberfranken", das an neun Standorten in Oberfranken untersucht, ob und unter welchen Voraussetzungen technische digitale Lösungen (AAL) die ambulante Pflege unterstützen und entlasten können,
  • " DeinHaus 4.0" zur Darstellung eines vorbildlichen Pflegewohnumfelds für Pflegebedürftige an der Technischen Hochschule in Deggendorf sowie
  • " Digi-ORT" im Oberen Rodachtal zur Entwicklung und Erprobung einer Plattform zum Datenaustausch zwischen häuslicher Umgebung von Pflegebedürftigen, Hausärzten, ambulanten Pflegediensten, einer lokalen Anlaufstelle und einem ehrenamtlichen Begleitdienst.

Laut Tagungsleiter Andreas Ellmaier, leitender Ministerialrat am Bayerischen Gesundheitsministerium, ist bei all der digitalen Entwicklung, „die Mitnahme der Pflege zu meistern“. „Wir müssen ihre Sorgen ernst nehmen und einen interdisziplinären Austausch auf Augenhöhe herstellen“, erklärte er. „Die Techniker müssen wissen, wo die Bedarfe liegen und wie man diesen begegnen kann.“ Deshalb machten er und das Organisationsteam der Fachtagung die „Erdung“ beim Thema Digitalisierung zum Leitgedanken der Veranstaltung. Diesen nahm auch der Pflegebeauftrage der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus in seiner Videobotschaft auf. Er sagte: „Wann immer E-Health in der Pflege auftaucht, muss die Pflege gehört werden. Ich glaube, dass digitale Anwendungen dann wirksam entlasten und Versorgung verbessern können.“

Grußwort Andreas Westerfellhaus auf der 5. Fachtagung Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege

Grundlagen schaffendes Wissen für diese Erdung lieferte Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey von der Charité Berlin in ihrem Vortrag zur „aktuellen Standortbestimmung“ einer alt werdenden Gesellschaft. „Wir wissen nicht, wann genau Pflegebedürftigkeit auftritt“, sagt sie, „nur, dass Faktoren wie bestimmte Krankheiten oder Alter dazu beitragen.“ Je weniger man über die Pflegebedürftigkeit wisse, desto schwieriger werde es, einen präventiven Ansatz zu finden. „Das vergessen wir oft bei unserer Aufgeregtheit um die Frage, wie wir den Notstand lösen können.“ Wenn man dabei auf Digitalisierung setze, sei es von großer Bedeutung bei sämtlichen Überlegungen mit einzubeziehen, dass die Technik nur so gut sein kann, wie der, der sie einsetzt. Ihr Fazit: „Ein Roboter macht noch keinen Pflegefrühling.“

Prof. Dr. Daniel Flemming von der Katholischen Stiftungshochschule München stellte die aktuellen Ergebnisse der neu aufgelegten Umfrage unter Pflegevertretern vor, in der die praktische Anwendung und Bereitschaft von digitalen Tools beleuchtet wurde. Dabei wurde u.a. deutlich: Bereits verfügbare Technik wird oft nicht genutzt, weil die Bedienung zu umständlich ist, keinen Zeitgewinn bringt bzw. die Einweisung in den Gebrauch fehlt. Die Umfrage habe außerdem gezeigt, dass das Geld für Investitionen da wäre, aber nicht gesehen wird, dass es im Bereich Digitalisierung in der Pflege eingesetzt werden sollte. Und dennoch der große Nutzen wird gesehen und der Einsatz nutzenbringend gewünscht. „Pflege kann ein Motor der Digitalisierung werden, die Pflegenden müssen eingebunden werden – von der Ausbildung an“, erklärt Prof. Flemming. Es brauche eine „pflegebezogene Wissenschaft, um vulnerable Prozesse zu schützen.“

Altern braucht ein neues Bild

Zu den Höhepunkten der Veranstaltung gehörte u.a. der Vortrag von Christiane Varga. Die Soziologin und Zukunftsforscherin erläuterte, wie wir in Zukunft leben, arbeiten und wohnen werden und welchen Einfluss das auf die Entwicklung der Altenpflege haben wird. „Wir erleben derzeit eine unfassbare, gesellschaftliche und strukturelle Veränderung, die es so noch nie gab“, sagt Varga. So gebe es z.B. die neue Phase des „Unruhestandes ab 60“. Es werde schwieriger von „den Alten“ zu sprechen – „es braucht ein neues Bild des Alterns“. Denn: Die Morbiditätsphase wird immer kürzer, die Frage danach wann Pflege anfängt und wo die ersten Schritte in der Prävention gegangen werden müssen kommt auf. Multigrafisches Wohnen wird zum Stichwort, ebenso das Quartier, Wahlfamilien und Co-Living. Wer die Altenpflege der Zukunft richtig gestalten will, sollte laut Varga v.a. im Betracht ziehen, dass ein langes Leben – und das war noch nie so lange – Menschen zu Individualisten macht, deren Anforderungen an sämtlichen Stellen der Pflege miteinbezogen werden muss. Deshalb müsse man die Altenpflege der Zukunft „ganzheitlicher definieren und auf soziale, architektonische, ästhetische sowie konnektive Intelligenz setzen.“

Weitere Tagungshighlights

Ebenso Highlight war das moderierte „Streitgespräch“ von Dr. Bernd Wiemann zwischen Prof. Flemming und Dr. Stefan Arend, Vorstand von KWA Kuratorium Wohnen im Alter zu begleitenden Maßnahmen für den Technikeinsatz in der Pflege. Eindrücke davon erhalten Sie im Video auf der HCM-Facebook-Seite .

Prof. Dr. Bernhard Wolf, TU München,  sprach zum Tagesordnungspunkt "Technik und Digitalisierung in der Praxis" über Hightech-Lösungen in der Pflege und stellte dabei deren aktuelle Konfliktsituation heraus: Sie befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessenskonflikten, Verfügbarkeit, Anwendung und wenig evidenzbasierten Use-Cases. Prof. Wolf machte auch darauf aufmerksam, dass sich die deutsche Wissenschaft bzw. deren technische Entwicklungen im Bereich medizinischer Systeme großen Konzernen wie Apple in der Finanzierung um einiges nachsteht und es deshalb schwer hat. Und dennoch: Er sieht großes Potenzial in der Digitalisierung und v.a. auch was die digitalen Kommunikationstechnologien für die Gesundheitsversorgung angeht, so z.B. im Bereich der semantischen Datengewinnung, VR, Gamification und biomedizinischer Sensoren.

Über die Fachtagung

Im Frühjahr 2015 fand die erste Fachtagung „Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege“ unter der Leitung von Andreas Ellmaier, leitender Ministerialrat am Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, statt. Im Anschluss an die zweite Tagung wurde dann das Netzwerk Pflege Digital Bayern gegründet und die ersten Positionspapiere veröffentlicht – „Care Regio“ wurde zur Aufgabe. Es entstand u.a. das Projekt „Dein Haus 4.0“. Bei der dritten und vierten Veranstaltung standen dann auch sämtliche digitale High-End-Pflegetools im Fokus, wie der rasierende Roboterarm von Prof. Sami Haddadin (HCM berichtete). In der Fachtagung 2019 ging es nach dem „technischen Höhenflug“ wieder verstärkt um die „Erdung“ in Sachen Digitalisierung. Gekommen waren rund 110 Teilnehmer.

Aufgrund der zahlreichen und stetig wachsenden Teilnehmeranfragen soll die Tagung 2020 in größeren Räumlichkeiten stattfinden. Näheres dazu wird demnächst bei HCM bekanntgegeben.

Eindrücke von der Fachtagung Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege finden Sie in der HCM-Bildergalerie.

Einen weiteren Nachbericht gibt es in der Juni-Ausgabe von HCM.

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