Import -

5. Fachtagung: Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege „Ein Roboter macht noch keinen Pflegefrühling“

Digitale Technik erleichtert die Pflege und wird es weiterhin verstärkt tun, wenn die Bedarfe der Pflegebedürftigen und Pflegeerbringer bei der weiteren Entwicklung eingebunden werden. Es braucht eine vitale, digitale Pflege, die akzeptiert wird. Worauf es dabei in Forschung, Entwicklung und Praxis ankommt, war Thema am 11. April in München.

Themenseite: Digitalisierung

Die großen Sorgen und Ängste gegenüber der Digitalisierung in der Pflege konnten in den letzten Jahren zurückgefahren werden“, erklärte Staatsministerin Melanie Huml bei ihrer Eröffnungsrede der 5. Fachtagung: Gestaltung von Digitalisierung und Technik in der Pflege. Und dennoch ist noch viel zu tun. Laut Tagungsleiter Andreas Ellmaier, leitender Ministerialrat am bayerischen Gesundheitsministerium, ist bei all der digitalen Entwicklung „die Mitnahme der Pflege zu meistern“. „Wir müssen ihre Sorgen ernst nehmen und einen interdisziplinären Austausch auf Augenhöhe herstellen“, erklärte er. „Die Techniker müssen wissen, wo die Bedarfe liegen und wie man diesen begegnen kann.“ Deshalb machten er und das Organisationsteam der Fachtagung die „Erdung“ beim Thema Digitalisierung zum Leitgedanken der Veranstaltung. Diesen nahm auch der Pflegebeauftrage der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, in seiner Videobotschaft auf. Er sagte: „Wann immer E-Health in der Pflege auftaucht, muss die Pflege gehört werden. Ich glaube, dass digitale Anwendungen dann wirksam entlasten und Versorgung verbessern können.“

Grundlagen schaffendes Wissen für diese Erdung lieferte Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey von der Charité Berlin in ihrem Vortrag zur „aktuellen Standortbestimmung“ einer alt werdenden Gesellschaft. „Wir wissen nicht, wann genau Pflegebedürftigkeit auftritt“, sagt sie, „nur, dass Faktoren wie bestimmte Krankheiten oder Alter dazu beitragen.“ Je weniger man über die Pflegebedürftigkeit wisse, desto schwieriger werde es, einen präventiven Ansatz zu finden. „Das vergessen wir oft bei unserer Aufgeregtheit um die Frage, wie wir den Notstand lösen können.“ Wenn man dabei auf Digitalisierung setze, sei es von großer Bedeutung, bei sämtlichen Überlegungen mit einzubeziehen, dass die Technik nur so gut sein kann wie der, der sie einsetzt. Ihr Fazit: „Ein Roboter macht noch keinen Pflegefrühling.“

Pflege als Digitalisierungsmotor

Prof. Dr. Daniel Flemming von der Katholischen Stiftungshochschule München stellte die Ergebnisse der neu aufgelegten Umfrage unter Pflegevertretern vor, in der die praktische Anwendung und Bereitschaft von digitalen Tools beleuchtet wurde. Dabei wurde u.a. deutlich: Bereits verfüg­bare Technik wird oft nicht genutzt, weil die Bedienung zu umständlich ist, keinen Zeitgewinn bringt bzw. eine Einweisung fehlt. Die Umfrage habe auch gezeigt, dass das Geld für Investitionen da wäre, aber nicht gesehen wird, dass es im Bereich Digitalisierung in der Pflege eingesetzt werden sollte. Trotzdem sehen die meisten der 233 Teilnehmer den großen Nutzen und wünschen sich entsprechenden Technikeinsatz. „Pflege kann ein Motor der Digitalisierung werden, die Pflegenden müssen eingebunden werden – von der Ausbildung an“, so Prof. Flemming. Es brauche eine „pflegebezogene Wissenschaft, um vulnerable Prozesse zu schützen“. Einen weiteren Einblick in die Umfrageergebnisse finden Sie auch im Kasten rechts.

Altern braucht ein neues Bild

Zu den Höhepunkten der Veranstaltung gehörte u.a. der Vortrag von Christiane Varga. Die Soziologin und Zukunftsforscherin erläuterte, wie wir in Zukunft leben, arbeiten und wohnen werden und welchen Einfluss das auf die Entwicklung der Altenpflege haben wird. „Wir erleben derzeit eine unfassbare gesellschaftliche und strukturelle Veränderung, die es so noch nie gab“, sagt Varga. So gebe es z.B. die neue Phase des „Unruhestandes ab 60“. Es werde schwieriger von „den Alten“ zu sprechen – „es braucht ein neues Bild des Alterns“. Denn: Die Morbiditätsphase wird immer kürzer, die Frage danach, wann Pflege anfängt und wo Prävention gestartet werden muss, kommt auf. Multigrafisches Wohnen wird zum Stichwort, ebenso das Quartier, Wahlfamilien und Co-Living. Wer Altenpflege richtig gestalten will, sollte laut Varga bedenken, dass ein langes Leben Menschen zu Individualisten macht, deren Anforderungen an sämtlichen Stellen der Pflege miteinbezogen werden müssen. Deshalb müsse man Altenpflege „ganzheitlicher definieren und auf soziale, architektonische, ästhetische sowie konnektive Intelligenz setzen.“

Bianca Flachenecker

Unterbeiträge zu diesem Artikel
© hcm-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen