Pflege -

„Projekt: 5 Fragen an das Leben“ Ein Projekt, das Senioren ernst nimmt und beschäftigt

Felix Kautsky macht das, was im Leben oft viel zu kurz kommt: Er nimmt sich Zeit und befragt Senioren nach ihren Erfahrungen im Leben. Er hört nicht nur zu, sondern filmt, was sie zu berichten haben. Anschließend sind die Videos auf unterschiedlichen Webseiten öffentlich verfügbar. Aber die Filme bieten nicht nur einen Mehrwert mit den Lebensweisheiten der Interviewten, sondern dienen auch als neue Art der Beschäftigungstherapie.

Ein Projekt, das Senioren ernst nimmt und beschäftigt
Das Ehepaar Kilian hat wie viele weitere Senioren aus dem ASH Haus Vitalis in Hamburg an den Interviews teilgenommen und fünf Fragen an das Leben beantwortet. -

Egal ob ehemals Innenarchitektin, Versandangestellter, Erfinder, Modedesignerin oder Wissenschaftler – sie alle haben etwas zu erzählen, wenn man sie nach ihrem Leben fragt. Plötzlich sitzt einem nicht mehr die alte, pflegebedürftige Frau gegenüber sondern eine lebenslustige Seniorin, die auf so manch eindrucksvollen Schwank aus ihrem Leben zurückblickt und dem Zuschauer echte Lebensweisheiten mit auf den Weg geben kann. So zum Beispiel Annemarie Hahn. Sie ist 1927 geboren, damit 88 Jahre alt, und im Pflegeheim Haus Vitalis in Hamburg untergebracht. Hahn kann nicht mehr gehen, geistig ist sie top fit. Das hat sie auch dazu bewogen ihre Erinnerungen auf Video aufzeichnen zu lassen: „Ich habe mir gedacht, naja, das kannst du ja mal machen, du bist fröhlich und fidel. Und dann habe ich auch sehr offen alles erzählt und nichts verschwiegen“, erinnert sich die Dame. Erzählt hat sie ihre Lebensgeschichten Felix Kautsky. Der Hamburger Filmemacher hat das „Projekt: 5 Fragen an das Leben“ entwickelt und realisiert. Die Idee dazu kam ihm als seine eigenen Eltern ins Haus Vitalis in Hamburg zogen und er deren Wohnung räumen sollte. Dabei hat er einen kleinen Taschenkalender von seinem Vater Dr. Hans Kautsky entdeckt und aufgehoben. Der stammt aus dem Jahr 1945, was Kautsky dazu bewogen hat, „irgendwann einmal darin zu blättern.“ Ein erster Blick hinein und schon war klar, dass das zunächst unscheinbar wirkende Büchlein etwas Besonderes ist. In Altdeutscher Schrift hatte jemand mit der Hand einen eigenen Kalender gestaltet, samt Einband. Als er den Kalender seinem Vater präsentierte, stellte sich heraus, dass dieser ihn im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs 1944 für seine Eltern gebastelt hatte. Er hatte es damals geschafft, trotz Rohstoffmangel zum Kriegsende, das entsprechende Material für diesen zu beschaffen.

Dr. Hans Kautsky - 5 Fragen an das Leben

Vom Vater inspiriert

Felix Kautsky war von der Geschichte so begeistert, dass er entschied das Statement seines Vaters auf Video aufzunehmen, um es seinem Bruder in Australien schicken zu können. Gleichzeitig ist ihm klar geworden, dass er gerne mehr über seinen Vater wissen möchte und so hat er diesen erneut vor die Kamera gesetzt und ihm die fünf Fragen gestellt, die heute das „Projekt: 5 Fragen an das Leben“ ausmachen:

  • „Was war Ihr schönstes Erlebnis?“,
  • „Was war ihr schlimmstes Erlebnis?“,
  • „Wie lautet Ihre Lebensweisheit?“,
  • „Was ist ihr liebstes Ding?“,
  • „Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?“.

„Während ich diesen ersten 5-Fragen-Film machte, ist mir etwas sehr wichtiges aufgefallen: Die Vorbereitung darauf hat meinen Vater intensiv beschäftigt und es hat ihn ungemein gefreut, dass ich mich so sehr für seine Vergangenheit interessiere. Mir wurde bewusst, dass mein Vater für viele Stunden oder sogar Tage etwas sinnvolles zu tun gehabt hatte – nur durch diese ein, zwei Stunden Beschäftigung mit mir“, erinnert sich Kautsky. Und so entstand schließlich die Idee, diese Fragen auch fremden Menschen zu stellen und damit eine Art neue Beschäftigungstherapie für Senioren zu entwickeln.

Als Helmut Jahn, Vorstand und Geschäftsführer im Haus Vitalis, von der Idee erfuhr, war er sofort begeistert davon, das Filmprojekt als neue Form der Beschäftigung für seine Bewohner einzusetzen: „Ich bin fasziniert von der Idee, unsere Bewohner ihr Wissen weitergeben zu lassen und das in einem Video festzuhalten“, sagt Jahn.

Lebensgeschichten pushen Personal

So wurden schließlich die Bewohner gefragt, wer Lust dazu hätte, fünf Fragen vor der Kamera über sein Leben zu beantworten. Und schon hatten Kautsky und Jahn die ersten vier Zusagen. In einem Vorbereitungsgespräch in der Einrichtung erklärte Kautsky seinen Interviewpartner, was auf sie zukommen wird und gab ihnen die Fragen zur Vorbereitung. Dann kam der Filmexperte für den großen Filmtag ins Haus. In einem entsprechend vorbereiteten Zimmer fanden die ersten Interviews statt. Natürlich nicht, ohne dass zuvor zusammen mit Pflegepersonal der Friseur aufgesucht und überlegt wurde, wie man sich am besten für ein Video kleide. „Nicht nur unsere Bewohner sondern auch das Personal werden durch diese Filmaktion gepusht“, erklärt der Geschäftsführer des Hauses Vitalis. Wenn sie die Lebensgeschichten ihrer Pflegebefohlenen hören, erscheinen ihnen diese Menschen in einem ganz anderen Licht – nicht mehr „nur als Pflegebedürftige“. Und auch die Interviewpartner selbst sind begeistert. „Ich selber fand mich ganz gut“, erinnert sich Frau Hahn gerne an ihr Interviewerlebni s. „Ich habe auch von vielen anderen gehört, dass noch keiner so gut war wie ich.“ Diese Aussage spricht für das Filmprojekt als solches aber auch dafür als Beschäftigungstherapie.

Beschäftigungstherapie lang und intensiv

Der Aufwand für die Pflegeeinrichtung fällt in den Rahmen der Betreuungsleistungen und kostet je nach Aufwand zwischen 600 bis 1.200 Euro pro Filmtag. „Im Vergleich mit anderen Möglichkeiten der Beschäftigungstherapie, ist das gut investiertes Geld“, erklärt Jahn. Bis die Antworten vorbereitet, die Filme gedreht und geschnitten sind und auf einem gemeinsamen Filmeabend mit Angehörigen und Heimbewohnern gezeigt werden, vergehen bis zu zwei Monate, in denen das Projekt die Bewohner begleitet. „Ganz im Gegenteil zu einem Klavierkonzert, dass auch eine gewisse Investition ist und maximal einen Tag für Abwechslung sorgt“, sagt Jahn. Laut Kautsky könne die Finanzierung des Projekts von den beiden Budgets für Marketing und Betreuungsleistung getragen werden. Zu welchen Teilen müsse dabei jede Einrichtung für sich klären.

Ehrliche und unbeschönigte Werbung

Seit Mitte 2014 hat Kautsky knapp 20 Interviews mit Bewohnern des Haus Vitalis geführt und möchte, dass es noch viele mehr werden. Sein Ziel ist es, das Projekt auf ganz Deutschland auszuweiten und auch andere Pflegeheime zu involvieren. Was laut Jahn auch dafür spricht, das Projekt in die eigene Einrichtung zu holen, ist der zusätzliche werbliche Nutzen für Pflegeheime. „Wer solche Filme von seinen Bewohnern drehen lässt und auf seine Website stellt, zeigt, dass er zufriedene Bewohner hat, denen es gut geht – „eine ehrliche, unbeschönigte und offene Werbung für das Haus“, da ist sich Jahn sicher. Und auch wenn der Film eine einmalige Sache pro Bewohner ist, ist das Projekt doch endlos in einer Einrichtung durchführbar und erhält das Gespräch über ein gemeinsames Projekt aufrecht. Eine Übersicht über alle Vorteile sowohl für die Einrichtung als auch die Bewohner finden Sie im Unterbeitrag „Nutzen und Vorteile für alle Beteiligten“.

Transparenz schafft Vertrauen bei den Beteiligten

Die gedrehten Filme werden von den interviewten Personen selbst für eine Veröffentlichung im Netz freigegeben. Das heißt, die Filme werden nach Freigabe sowohl auf der Projekt-Website als auch auf der Einrichtungsseite und auf dem Youtube-Kanal des Projekts veröffentlicht. „Nur so sind sie eine sinnspendende Erfahrungsweitergabe an jüngere Menschen“, erklärt Kautsky. Dass Senioren das nötige Hintergrundwissen fehlen könnte, zu beurteilen was eine Veröffentlichung speziell auf Youtube und im Netz bedeutet, sehen Kautsky und Jahn nicht als Problem. „Wir erklären den Interviewteilnehmern genau, was mit ihren Filmen passiert und halten alle unsere Aktionen transparent. So brauchen auch Angehörige keinen Bedenken haben, dass Vater, Mutter, Onkel oder Tante in Verruf geraten“, sagt Kautsky. Auch eine Aufhebung der Veröffentlichung ist möglich. „Mir liegt es am Herzen, dass die Menschen richtig präsentiert werden, das mit den Statements keinem geschadet wird und nicht abfällig über Dritte gesprochen wird“, erklärt Kautsky. Teilnehmen können alle Senioren ab ca. 75 Jahren, die geistig fit sind. Kautsky und Jahn haben einige Male die Erfahrung gemacht, dass die Menschen kamerascheu sind oder Angst haben, etwas falsches zu erzählen. Aber „Felix Kautsky arbeitet unglaublich einfühlsam und nimmt den Interviewpartnern meist die Aufregung vor dem Gespräch“, sagt Jahn. Das nehme die Berührungsängste.

Alle sollten ein Dokument der Zeit abgeben können

Für sein Projekt war Kautsky von der Messe Altenpflege für den Newcomer Innovationspreis nominiert und präsentierte dort auch sein Projekt. Derzeit ist er mit einigen größeren Pflegeeinrichtungen in Kontakt und arbeitet an der Ausweitung des Projekts.  Dazu benötigt er aber auch Sponsoren. Denn nicht jede Einrichtung kann oder will den Betrag dafür aufbringen, obwohl sie das Projekt gerne zu sich ins Haus holen würden. Kautsky möchte auch erreichen, dass die Chance dazu ein „Dokument der Zeit“ für immer zu hinterlegen, egal in welcher finanziellen Lage man sich befindet, ob in einer Einrichtung untergebracht oder nicht, gegeben ist. Das sei nur durch das Vorhandensein entsprechender finanzieller Mittel realisierbar. Dann könnte auch Jahns Wunsch wahr werden, dass eine riesige Videodatenbank entsteht, die junge Menschen inspiriert und ihnen Ratschläge für das Leben gibt .

„Ich würde das Interview auch ein zweites Mal machen“, erklärt Annemarie Hahn, die ehemalige Bürohilfe aus Hamburg. „Ich kann es meinen Mitbewohnern nur empfehlen auch mitzumachen.“ Ein großes Lob an die Projektinitiatoren Kautsky und Jahn und ein Antrieb das Projekt noch weiter voranzutreiben.

Annemarie Hahn - 5 Fragen an das Leben

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