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Dem KHZG fehlt der Blick auf das Gesamtsystem Digitalisierung darf keine Einmalnummer sein

Die Finanzspritze aus dem milliardenschweren „Zukunftsprogramm Krankenhaus“ tut dem Gesundheitswesen gut – keine Frage. Mit ihrem Tunnelblick auf die Digitalisierung ignoriere die Politik jedoch weiterhin beharrlich den kumulierten Investitionsbedarf in anderen Bereichen, moniert FKT-Präsident Horst Träger. Vor allem die Infrastruktur lebe seit Jahren aus dem Bestand – mit schwerwiegenden Folgen für die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit unserer Kliniken.

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Das Krankenhauszukunftsgesetz verschafft unseren Krankenhäusern ein digitales Update, ermöglicht es darüber hinaus, Patientenzimmern an die besonderen Erfordernisse einer Epidemie und Notaufnahmen an den aktuellen Stand der Technik anzupassen. „Wir senden damit das klare Signal: Deutschlands Krankenhäuser sollen stark bleiben. Wir investieren in ihre digitale Zukunft, weil wir gerade in der Pandemie erfahren haben, wie wichtig gut ausgerüstete und funktionierende Krankenhäuser sind“, steht dazu auf der Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit zu lesen.

Roboter für Jahrzehnte alte OPs

„Mir fehlt in dem als Schnellschuss verabschiedeten Zukunftsprogramm der Bundesregierung der Blick auf das Gesamtsystem Krankenhaus“, erklärt der Schatzmeister der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e.V. (FKT) Christoph Franzen. „Dass wir in der Digitalisierung nicht so weit sind, wie wir mit den nötigen finanziellen und personellen Ressourcen sein könnten, ist bei Weitem nicht unser einziges, vielfach auch nicht unser drängendstes Problem“, erklärt der Technische Leiter der Alexianer Krefeld GmbH. „Uns fehlen die Mittel, um 37 Jahre alte OPs in ihren Grundfunktionen zu sanieren, könnten diese mit dem Geld aus dem KHZG nun aber mit modernsten Robotern ausstatten. Das Zukunftsprogramm Krankenhaus ist hier nicht zu Ende gedacht und ermöglicht mal wieder nur Flickschusterei – ein Prinzip, das unser Gesundheitssystem seit Jahren dominiert.“

Netzwerke werden gefördert

„Die Digitalisierung von Krankenhäusern darf keine Einmalnummer sein“, pflichtet FKT-Präsident Horst Träger seinem Kollegen bei. Es reiche nicht aus, Mittel einmalig und nur für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Und: Es reiche nicht aus, Mittel nur für die Digitalisierung zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Aufschieben überfälliger Investitionen in die Immobilie Krankenhaus mit ihren komplexen technischen Anlagen und Systemen sei nicht länger tragbar und habe nicht nur unter den besonderen Bedingungen einer Pandemie sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich bedrohliche Konsequenzen.

Ein durchdigitalisiertes Patientenmanagement und vernetzte High-Tech-Medizin aus veralteten elektrischen Anlagen zu speisen, um nur ein Beispiel zu nennen, hält Träger für sträflichen Leichtsinn. Die enorme Technikabhängigkeit des Gesundheitsbetriebs sei jedoch weder der Politik noch den Klinikbetreibern bewusst. „Die haben das einfach nicht auf dem Schirm. Und so stellt das KHZG auch keine Gelder für Infrastruktur zur Verfügung. Vermutlich liegt diesem Manko nicht mal Ignoranz, sondern schlichte Unkenntnis zugrunde. Die wenigsten Menschen denken darüber nach, was für ein gigantischer Apparat erforderlich ist, um unser hochtechnisiertes Gesundheitssystem am Laufen zu halten.“

Selbst die Frage, ob das KHZG die für die Digitalisierung erforderliche Netz-Infrastruktur mit abgedeckt, wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Im FKT-Online-Seminar „Krankenhauszukunftsgesetz und digitale Reifegrademessung“ sorgte Dr. Pierre-Michael Meier, CHIO der Entscheiderfabrik, aber zumindest in dieser Hinsicht für Entwarnung: Den Aufbau von Netzwerken deckt das KHZG seiner Auffassung nach mit ab. „Das sind gute Nachrichten“, sagt Träger. Denn: „Viele unserer Krankenhäuser sind weit entfernt von einer durchgängigen WLAN-Ausleuchtung. Wenn wir Daten künftig nicht mit berittenen Boten transportieren möchten, müssen wir also unsere Netz-Infrastruktur auf Vordermann bringen – am besten gleich mit einer 5G-Campuslösung. Nur so sind die Ziele aus dem KHZG wie die Einrichtung von Patientenportalen für ein digitales Aufnahme- und Entlassungsmanagement, teil- oder vollautomatisierte klinische Entscheidungsunterstützungssysteme, Telemedizin und Robotik, … überhaupt umzusetzen.“

Bei der Umsetzung wird es eng

Was die Umsetzung förderfähiger Konzepte und das Prozedere der Antragstellung angeht, betrachtet Jens Relke die engen Zeitfenster, die das KHZG dafür einräumt, mit einer dicken Sorgenfalte. Der Beisitzer im FKT-Bundesvorstand und Bereichsleiter Technik der Klinikum Hanau GmbH meint: „Den Krankenhäusern fehlen dazu die nötigen Fachkräfte." Selbst in der Industrie sieht Relke augenblicklich nicht die Kapazitäten, die es bräuchte, um das deutsche Gesundheitswesen mal eben auf die Schnelle ins digitale Zeitalter zu wuppen. Ein Teil des eigentlich im Krankenhaus benötigten Geldes werde aufgrund des Zeitdrucks aber wohl für Berater und entsprechende Fachfirmen dahinschmelzen. Relke hat bei alledem das Gefühl, dass den Krankenhäusern ein schwarzer Peter zugeschoben werden soll. Nach dem Motto: „Am Geld soll´s nicht liegen.“ Bei der zweiten digitalen Reifegradmessung im Juni 2023 digitalen Fortschritt und einen effizienten Mitteleinsatz nachzuweisen, werde für die Zuständigen in den Krankenhäusern allenfalls sportlich.

Einen langfristigen Verbesserungsprozess initiieren

„Dass die Bundesregierung einen gut gefüllten Fördertopf für unsere Krankenhäuser bereitstellt, ist eine wirklich tolle Sache. Das will ich gar nicht klein- oder schlechtreden“, betont Träger. Um mit den zur Verfügung gestellten Mitteln jedoch ein bestmögliches Ergebnis und einen dauerhaften, echten Mehrwert zu schaffen, müsse man einen kontinuierlichen, durchdachten und langfristigen Verbesserungsprozess für das Gesamtsystem anstoßen. Jedes Krankenhaus braucht dazu seinen eigenen Zukunftsplan, der in vielen Schritten eine nachhaltig optimale Patientenversorgung ermöglicht. Dazu gehört zweifellos die Digitalisierung der Krankenhäuser, aber eben nicht nur und auch nicht nur für drei Jahre.

Das Gesamtkonzept fehlt

Kompliziert werde die Thematik zusätzlich durch unterschiedlichste nebeneinanderher laufende Förderprogramme, ergänzt Matthias Vahrson. Der neue FKT-Vizepräsident und Leiter des Bereichs Baumanagement bei der FACT GmbH freut sich natürlich mit seinen Kollegen über den durch die Pandemie ausgelösten Geldregen für das Gesundheitswesen. So habe das Land Nordrhein-Westfalen im November zusätzlich zum KHZG ein Sonderinvestitionsprogramm für die direkten und indirekten Folgen der Pandemie aufgelegt. 750 Millionen Euro erhalten die Krankenhäuser in NRW aus diesem Topf on top für die Ertüchtigung der stationären Versorgung, energetische Sanierungs- sowie Digitalisierungsmaßnahmen. 5,1 Milliarden Euro stellt darüber hinaus in Kürze das EU-Gesundheitsprogramm „EU4Health“ – ebenfalls als Folge der Pandemie – für die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der EU-Gesundheitssysteme bereit. Dazu kommen diverse Fördermaßnahmen für Klimaschutz, Erneuerbare Energien, … „Hier den Überblick zu behalten, fällt schwer, zumal vielfach unklar und Auslegungssache ist, was aus welchem Programm wie gefördert wird. Die angebotenen Töpfe möglichst sinnvoll zu nutzen und zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzuführen, erfordert Spezialisten, die den ganzen Tag nichts anders machen“, bemängelt Vahrson. Bei aller Unübersichtlichkeit sei all diesen Fördermaßnahmen mit ihren unterschiedlichen Laufzeiten gemeinsam, dass sie sehr enge Fristen setzen. Auf diese Weise würden eher Einzelmaßnahmen, wenig durchdachte Schnellschüsse und nicht langfristig sinnvolle Investitionen gefördert. Auch Vahrson fehlt bei alledem ein schlüssiges Gesamtkonzept.

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