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H+ Innovation Programme Digital Health: Markt wächst, aber wer kann sich behaupten?

Gesundheits-Apps werden beliebter: für Patienten jederzeit verfügbar, für Leistungserbringer eine Entlastung. Das "H+ Innovation Programme" fördert nun Tech-Start-ups, die sich zunehmend auf Mental Health und chronische Krankheiten fokussieren.

Topic channels: Telemedizin und Digitalisierung

In Deutschland sorgt seit Beginn dieses Jahres – neben COVID-19 – das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) für mehr Dynamik im Digital-Health-Markt. Besonders durch die Möglichkeit der Integration von digitalen Anwendungen in die Regelversorgung, sehen sich Anbieter von Gesundheits-Apps und ähnlichen Diensten im Aufwind. Die internationale Start-up-Presse attestiert Deutschland sogar den Status eines “El Dorado” für Healthtech-Start-ups.

Start-ups und Leistungserbringer vernetzen

Das bestätigt auch der Blick in den Digital Health-Markt: Aktuell findet z.B. das bisher größte Accelerator-Programm im Bereich Digital Health statt. Das H+ Innovation Programme, das gemeinsam vom InsurTech Hub Munich und dem Medical Valley Digital Health Application Center (dmac) veranstaltet wird, soll digitale Gesundheits-Start-ups bei der Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens unterstützen sowie bessere Zugangsbedingungen zum digitalen Gesundheitsmarkt in Deutschland schaffen. Gelingen soll das v.a. durch die bessere Vernetzung mit den Leistungserbringern. Der InsurTech Hub Munich kann als Innovationsplattform der Versicherer auf ein breites Netzwerk zurückgreifen, um die Start-ups nah an die Branche heran zu bringen.

Das "neue Normal" verlangt digitale Lösungen

Rund 40 Start-ups aus 17 Ländern wurden für das Programm “H+” ausgewählt – laut Veranstaltern eine spürbar gesteigerte Resonanz: "Die Pandemie hat die Nachfrage nach digitalen und zukunftssicheren Konzepten im Gesundheitswesen und in der Versicherungsbranche massiv beschleunigt. Und obwohl H+ nicht speziell auf COVID-19-bezogene Probleme ausgerichtet ist, sprechen viele der Lösungen die 'neue Normalitä t' an, in der wir bald leben werden”, erklärt Marco Wendel, Geschäftsführer des dmac. “Die für H+ ausgewählten Start-ups gehen auf diese veränderten Bedürfnisse und Wünsche von Patienten, Kunden und Leistungserbringern ein."

Fokus auf Mental Health

Doch wie sehen diese Lösungen konkret aus? Bei genauerer Betrachtung der Themenschwerpunkte der 41 Teilnehmer fällt der Fokus auf mentale Gesundheit auf. Das liegt v.a. daran, dass dieses Thema gerade in Krisenzeiten eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem darstellt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind in Deutschland knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Angstzustände, Burn-out, Depressionen und Schlafstörungen sind akute Probleme, bei denen Technologie einen besonders hohen Nutzen stiften kann. Denn die medizinische Versorgung innerhalb der Psychotherapie reicht, vor allem in der Akutbehandlung, längst nicht aus. Aktuell erhalten nur etwa 40 Prozent der Betroffenen eine Behandlung. Die Wartezeiten bei Fachärzten und Kliniken sind lang. Eine Versorgungslücke, zu deren Schließung digitale Anwendungen einen entscheidenden Beitrag leisten können.

Wie das konkret aussehen kann, zeigen die teilnehmenden Start-ups des “H+”-Programms: Die psychologische Online-Beratung Instahelp ermöglicht es Hilfesuchenden mit nur einem Klick in kürzester Zeit in Kontakt (garantiert innerhalb von 24 Stunden) mit einem Psychologen zu kommen – per Videochat, Telefon oder Messenger. Ein Welcome Assistant begleitet den Nutzer schrittweise zum geeigneten Psychologen. Instahelp sieht seine Stärken dabei v.a. im Bereich der präventiven Beratung.

Das Team von Mindpax wagt sich in seiner Lösung tiefer in die Materie. Das tschechische Startup sammelt Gesundheitsdaten über Wearables, trackt dadurch Aktivität, Schlaf, Stimmung des Nutzers sowie externe Ereignisse, die den Gesundheitszustand beeinflussen können und visualisiert diese. Dadurch soll der Lernprozess des Patienten im Umgang mit einer psychischen Störung – Mindpax konzentriert sich hier auf die Krankheitsbilder der bipolaren Störung und der Schizophrenie – beschleunigt werden und möglichen Rückfällen vorgebeugt werden.

Das Kölner Start-up Mindzeit setzt sogar noch früher an: Mindzeit hat ein auf Achtsamkeit und Meditation basierendes Coaching-System entwickelt – einen “persönlichen Anti-Stress Coach”. Die App bietet individuell angepasste Entspannungsübungen, einen mobilen Entspannungsraum und will durch spielerische Elemente seine Nutzer zu mehr Gelas­senheit, Ruhe und innerer Balance verhelfen.

Chronische Krankheiten behandeln

Ein weitere großer Themenschwerpunkt des H+ Innovation Programme liegt in der Behandlung von chronischen Krankheiten. Vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind hier im Visier der Gründer. Auffällig auch: ein Großteil der Lösungen hat einen holistischen Anspruch. Das heißt: Von der Erfassung und Auswertung der Gesundheitsdaten über die darauf basierende Erstellung individueller Coaching-Pläne bis hin zur direkten Vernetzung mit einem Arzt oder einer Pflegefachperson.

Das Münchner Startup iAtros z.B. hat eine App entwickelt, die Patienten enger mit ihren medizinischen Versorgern verbinden will. Dazu erfasst die App die Gesundheitsdaten der Patienten, um so den behandelnden Arzt dank eines bei Diagnostik, Medikamentenplanung und automatisierten Alarmierungen zu unterstützen. Die Patienten werden an Messungen oder Medikamenteneinnahmen erinnert und können sich im Notfall auf Knopfdruck rund um die Uhr an einen Telekardiologen wenden.

Digitale Angebote weiter ausbauen

Das DVG öffnet wie zu erwarten die nötigen Türen für die Digital-Health-Branche. Im nächsten Schritt kommt es jetzt darauf an, den Markt zu konsolidieren. Echte Veränderung kann nämlich nur entstehen, wenn alle Leistungserbringer gemeinsam an einem Strang ziehen. Aus diesem Grund sind Plattformen wie das H+ Digital Health Innovation Programme so wichtig: Sie bringen die Versicherungen, die Anwender und die potenziellen Investoren an einen Tisch. Nur so kann die Dynamik des Jahres 2020 zu einer nachhaltigen Verbesserung der Angebote im Digital-Health-Markt führen.

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