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Interview mit Prof. Dr. Jochen A. Werner "Die zahlenmäßige Aufstockung von Pflegepersonal greift viel zu kurz!"

Der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Essener Universitätsklinikums blickt im HCM-Interview exklusiv auf die lange Streikphase zurück und erklärt, warum er glaubt, dass die Folge – die Einstellung von 180 neuen Vollzeitkräften im Pflege- und Funktionsdienst – in Zeiten des digitalen Wandels nicht ausreicht.

Themenseite: Digitalisierung

HCM: Die Uniklinik Essen hat elf Wochen Streik hinter sich, mit der Folge, dass 180 neue Vollzeitkräfte im Pflege- und Funktionsdienst sowie in anderen Bereichen kommen sollen. Ein Ergebnis, mit dem die Einrichtungsleitung zufrieden ist?

Prof. Werner: Was bedeutet zufrieden? Legen wir das Bedeutungswörterbuch des Duden zugrunde, „mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen oder ähnlichem einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben“, dann ist der Vorstand der Universitätsmedizin Essen definitiv nicht zufrieden, gibt es an dem Gesamtvorgang eine Menge auszusetzen. Beispielhaft genannt sei, dass die beiden Universitätsklinika Essen und Düsseldorf für ein bundesweites Problem, den Pflegenotstand, das sich über mehr als zehn Jahre abgezeichnete und sich immer weiter verschärft hat, herhalten mussten und über Monate das Vertrauen ihrer Patienten, deren Angehörigen und der Zuweiser erheblich belasteten. Ebenfalls extrem beeinträchtigt wurden die Bereiche Lehre und Forschung. Der Streik an einer Universitätsklinik ist die härteste Form des Arbeitskampfes, geführt primär einmal auf dem Rücken schwerstkranker Patienten. Bis es dazu kam, haben diverse Mechanismen versagt, und so zeigt es sich einmal mehr, dass man schwerwiegende Probleme nicht aussitzen kann. Natürlich haben wir an der Universitätsmedizin Essen erkannt, dass es einzelne Bereiche mit einer großen Arbeitsverdichtung in der Pflege gibt. Genau deshalb haben wir bereits 2016 und dies ohne äußeren Anlass, über einhundert Pflegekräfte aufgebaut. Daneben setzen wir seit langem verstärkt auf die interne Aus- und Weiterbildung. So bilden wir in der Universitätsmedizin Essen über 450 Menschen in den Pflegeberufen aus. Mit den jetzt vereinbarten zusätzlichen 140 Stellen für Pflege am Bett und Funktionsdienst resultiert eine Regelbesetzung, die zunächst einmal ihresgleichen finden muss. 40 weitere Stellen werden im patientenfernen Tätigkeitsbereich aufgebaut, was Prozessoptimierungen unterstützt und unsere Initiative auf dem Weg zum Smart Hospital stärken wird. Als zusätzliche Weiterentwicklung resultieren zielgerichtete Personalentwicklungsmöglichkeiten, wie beispielsweise eine Weiterentwicklung der Pflegeexpertenstruktur bis hin zu APN-Modellen (Advanced Practise Nurse). All diese Maßnahmen werden helfen, den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen und die Beschäftigten zu entlasten. Was nicht final geklärt ist, sind Fragen zur Finanzierung des Gesamtprogramms, die mit Sicherheit nicht intrinsisch zu lösen sind.

"Wir werden Fachkräfte aus anderen Häusern anwerben müssen"

HCM: Wie werden Sie den Forderungen nach so viel Neupersonal nachkommen und bis wann ist mit einer Umsetzung zu rechnen?

Prof. Werner: Die Vereinbarung mit ver.di sieht im Detail vor, insgesamt 140 Vollkraftstellen für die Pflege am Bett und im Funktionsdienst wie etwa im OP sowie 40 weitere Stellen in pflegefernen Bereichen wie dem Krankentransport zu schaffen. In der ersten Phase sollen 50 Stellen noch im laufenden Jahr 2018 geschaffen werden, weitere 65 bis zum 30. Juni 2019 sowie nochmals 65 Stellen bis einschließlich Oktober 2019. Das ist ein mehr als anspruchsvoller Zeitplan, weil der Markt eine derart große Anzahl qualifizierter Pflegekräfte derzeit und auch mittelfristig nicht hergibt. Die Folge ist klar. Wir werden Fachkräfte aus anderen Häusern anwerben müssen und diese suchen wiederum ihrerseits. Diese Kette endet schließlich in der Altenpflege. Ein weiterer Weg ist die Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland mit den hinreichend bekannten Schwierigkeiten. Weiterhin wurde mit der Gewerkschaft vereinbart, innerhalb von 18 Monaten ein Personalermittlungsverfahren für alle Pflegeorganisationsbereiche einzuführen, mit dem Regelbesetzungen für jede Schicht festgelegt werden sollen.

HCM: Glauben Sie, dass diese Maßnahme langfristig helfen wird, den Notstand in der Pflege zu beenden?

Prof. Werner: Die zahlenmäßige Aufstockung von Pflegepersonal ist sicherlich eine Stellschraube, um den akuten Pflegenotstand zu lindern. Für mich greift aber eine rein arithmetische Betrachtung viel zu kurz. Neue Stellen müssen im Gesamtsystem einer Universitätsklinik für die Patienten und die Entlastung der bestehenden Mitarbeiter spürbar sein. Und das ist eben nicht nur eine Frage der Arithmetik, sondern v.a. der Qualifikation und der Integration in moderne Prozesse und Strukturen.

Die Herausforderungen der digitalisierten Arbeitswelt von morgen können nicht mit den Mechanismen und den Ritualen von gestern gelöst werden, die einzig und allein Köpfe zählen, aber den Beitrag der Neueinstellungen für die Patienten und die Kollegen außer Acht lassen. Wir müssen also dahin kommen, viel stärker Qualität und Nutzen der geschaffenen Stellen zu berücksichtigen. Eine Pflegekraft mehr auf Station nützt wenig, wenn die dortigen Prozesse und Strukturen nicht modern und zukunftsfest sind. Das ist das gemeinsame Thema von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, nämlich die Klinik mit Ihren Abläufen fit für die Zukunft zu machen. Daran arbeiten wir intensiv mit unserer Strategie des Smart Hospital, das den spürbaren Nutzen für unsere Patienten, gleichermaßen aber auch die Entlastung unserer Mitarbeiter in den Fokus stellt.

"Digitalisierung bedeutet einen Wandel des Selbstverständnisses"

HCM: Mit Ihrer Aussage, dass sich auf dem Weg zur Digitalisierung eine Veränderung der Berufsfelder ergeben wird, haben Sie mit Sicherheit Recht. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie das in Bezug auf die Pflege aussehen könnte und warum stellen Sie das in den Zusammenhang?

Prof. Werner: Das digitalisierte Krankenhaus der Zukunft wird die tradierten Berufsfelder in der Medizin nachhaltig verändern. Es wird bestehende Berufsfelder weiterentwickeln, andere abschaffen, aber auch ganz neue Perspektiven initiieren. Die Beschäftigten in der Pflege, die Ärzteschaft, die Mitarbeiter in der Verwaltung – sie alle werden in zehn Jahren grundlegend anders arbeiten als heute. Für die Ärzteschaft bedeutet dies zudem einen Wandel im Selbstverständnis. Die Ärzte werden natürlich auch weiterhin alle relevanten medizinischen Entscheidungen fällen – aber dies nicht mehr als Träger des gesamten Wissens ihres Fachbereichs, sondern verstärkt als Manager und Interpretierer von Daten und Erfahrungen. Kommunikation und Teamwork sind dafür unerlässlich. Diese tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt betrifft in besonderem Maße auch die Pflege. Sie wird konkret von IT-gestützter Dokumentation und dem Umgang mit komplexen Datensätzen profitieren. Ein wichtiger Baustein ist die elektronische Patientenakte, die wir an der Universitätsmedizin Essen bis Ende dieses Jahres eingeführt haben werden. Darüber hinaus arbeiten wir daran, Pflegekräfte bei bestimmten Tätigkeiten mit Robotik zu unterstützen. Die Stoßrichtung ist immer die Gleiche: Die Pflegekräfte entlasten und ihnen mehr Zeit für die Arbeit mit den Patienten zu ermöglichen.

"Das Smart Hospital erfordert einen großen Wandel in den Köpfen"

HCM: Machen sich in Ihrem Haus, das ja das Ziel „Smarte Klinik“ verfolgt, bereits erste Anzeichen für eine Veränderung in der Pflege bemerkbar? Wenn ja, welche sind das?

Prof. Werner: Unsere konkreten Initiativen insbesondere für die Mitarbeiter in der Pflege habe ich ja bereits geschildert. Smart Hospital ist aber noch viel mehr. Mit Smart Hospital meinen wir ein intelligent arbeitendes Krankenhaus mit maximaler Fokussierung auf den Menschen, also auf Patienten, Angehörige und vor allem Mitarbeiter. Um dies erlebbar zu machen, brauchen wir einen großen Wandel in den Köpfen, die Bereitschaft zum Aufbruch, Vertrautes zu verlassen und eine neue Medizinstruktur zu leben. Natürlich gehört hierzu auch die Optimierung von Prozessen und die IT-gestützte Nutzbarmachung neuester Erkenntnisse für Diagnose und Therapie. Im Kern geht es aber zunächst um das Aufbrechen vorhandener Kommunikations- und Hierarchiestrukturen und darum, die Parameter der medizinischen Leistungserbringung neu zu denken. Wir müssen vermehrt in kleinen, schnellen, interdisziplinären Teams arbeiten. Wir müssen wandlungsfähig sein und alte Zöpfe abzuschneiden – die Medizin der Zukunft besteht nicht aus Bits und Bytes, sondern beginnt im Kopf. Andere Branchen machen das vor, während sich die traditionell sehr strukturkonservative Medizin damit noch schwertut. Erste Ansätze dazu zeichnen sich heute schon deutlich ab.

Es braucht die richtige Anzahl an Mitarbeitern und die Digitalisierung

HCM: Wie stehen Sie zu diesem Umkehrschluss: „Wenn sich das Berufsfeld der Pflege durch die Digitalisierung drastisch verändert, ist es zum aktuellen Zeitpunkt des Wandels nicht sinnvoll, weitere Pflegekräfte in einen tradierten Beruf zu holen. Es macht mehr Sinn, abzuwarten, die vorhandenen Kräfte zu bündeln und Notlagen durch entsprechend passende digitale Hilfsmittel unterschiedlicher Art auszugleichen.“

Prof. Werner: Ich halte das im Grunde für falsch. Ich habe ja oben ausgeführt, dass Arithmetik allein den Pflegenotstand nicht beheben wird, sondern nur in Verbindung mit einer klug genutzten Digitalisierung wirklichen Fortschritt bei der Entlastung der Mitarbeiter bringt. Daraus kann man aber nicht schließen, dass mit fortschreitender Digitalisierung Personal in der Pflege abgebaut werden kann. Denn dann würden die Effizienzgewinne durch die Digitalisierung durch weniger Personal konterkariert, und es bliebe auch künftig weiterhin zu wenig Zeit für unsere Patienten. Die Lösung kann nur sein, die Anzahl der Pflegekräfte auf ein vernünftiges Maß einzupendeln PLUS die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Nur diese Kombination schafft Nutzen und mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten.

"Die Digitalisierung wird den Pflegenotstand reduzieren können"

HCM: Denken Sie, dass die Digitalisierung den Pflegenotstand beenden kann? Wie könnte das aussehen?

Prof. Werner: Die Digitalisierung wird den Pflegenotstand reduzieren können. Wir brauchen natürlich auch künftig hochqualifiziertes Pflegepersonal. Endlich ist der Pflegenotstand ja aktuell auch als zentrales politisches Thema in der Bundespolitik angekommen. Das begrüßen wir nachdrücklich, denn letztendlich reden wir hier über eine große, gesellschaftlich relevante Aufgabe, gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Auch in der Altenpflege ist die Lage ja ähnlich dramatisch wie an den Krankenhäusern. Digitalisierung entlässt also niemanden aus der Verantwortung, den Pflegeberuf attraktiv zu machen, weder die Politik noch Arbeitgeber oder Gewerkschaften. Aber die Digitalisierung wird einen wesentlichen Beitrag zur Entlastung leisten, indem vor allem patientenferne Prozesse optimiert werden. Damit haben die Pflegekräfte wieder mehr Zeit für ihre originären Aufgaben und die Betreuung der Menschen. Schwierig wird es nur dadurch, dass im letzten Jahrzehnt auch der Digitalisierung als einem der größten Themen unserer Zeit zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen wurde.

HCM: Wie glauben Sie, können diese Ideen und diese Denkweise mit den aktuellen Forderungen der Pflegekräfte bzw. der Gewerkschaft vereinbart werden?

Prof. Werner: Ich bin davon überzeugt, dass es zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern viele Schnittmengen und gemeinsame Aufgaben gibt. Leider wird das noch nicht überall so gesehen. Die sich bereits heute abzeichnende dramatische Veränderung des Arbeitsumfeldes muss sich auch in allen künftigen Vereinbarungen zur Entlastung in der Pflege wiederfinden. Wir brauchen Modelle, die auf Dauer die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verbessern und die Medizin im Sinne aller Arbeitnehmer zukunftsfest macht. Daher kommt es darauf an, die bestehende und künftige Belegschaft in den Kliniken für die Herausforderungen eines sich verändernden Arbeitsumfelds zu ertüchtigen, so wie das in anderen Branchen schon lange üblich. In der Universitätsmedizin Essen sind wir im Rahmen unserer umfassenden Smart Hospital Strategie davon überzeugt, dass dieser Transformationsprozess ohne eine entsprechende Ausbildung nicht funktioniert. Alle neuen Beschäftigten werden bei uns beispielsweise schon in ihren ersten Arbeitstagen entsprechend in diesen Themen geschult, sie werden in die zunehmend digitalisierte Arbeitswelt eingeführt und mit den Grundgedanken des Smart Hospital vertraut gemacht.

Wir brauchen aber auch auf Bundesebene ein „Zukunftsprogramm Medizin“, das weit mehr umfasst als reine Vorgaben zu Stellenaufstockungen. Dies beinhaltet beispielsweise ebenso die Weiterqualifizierung für digitale Arbeitswelten in der Pflege, Qualifizierung und ggf. Umschulung für Berufsgruppen, die es künftig nicht mehr oder nicht mehr in diesem Umfang geben wird, etwa in der Logistik, der Abrechnung oder der Codierung. Das Krankenhaus der Zukunft wird ein anderes Denken und neue Qualifikationen erfordern. Die verantwortliche Gestaltung dieses tiefgreifenden und unumkehrbaren Wandels in der klinischen Berufswelt ist eine gemeinsame Aufgabe von Arbeitnehmervertretungen und Arbeitgebern.

"Wir befinden uns im größten Wandel, den die Medizin je erlebt hat"

HCM: Wie werden Sie mit dieser Thematik in Ihrer Einrichtung weiterhin umgehen?

Prof. Werner: Wir alle befinden uns zweifellos mitten im größten Wandel, den die Medizin je erlebt hat. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dieser Prozess bei uns aber nicht disruptiv. Auch künftig werden Menschen andere Menschen behandeln und pflegen. Und deswegen brauchen wir auch künftig eine gute Personalstärke. Entscheidend wird sein, dieses Personal hervorragend zu qualifizieren und durch optimale interne Prozesse im Sinne des Patienten effizient einzusetzen. Und Effizienz in der Pflege bedeutet eben auch, Zeit und Muße für ein persönliches Gespräch mit dem Patienten, für Trost und Anteilnahme zu haben. Dies ist unser Ziel, und die weitere Umsetzung des Smart Hospital wird dabei eine maßgebliche Rolle spielen.

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