Health&Care -

Interview mit Jennifer Kelly Die Vorteile einer „virtuellen Arztpraxis“

Jennifer Kelly präsentierte auf der diesjährigen conhIT in Berlin eine App, die die Arzt-Patienten- und Arzt-Arzt-Kommunikation ermöglicht. Natürlich integriert: Videotelefonie, Chat und Bildübertragung. Im Interview mit HCM erklärt die CEO vom Anbieter Minxli, wie die App den Arzt- und Patientenalltag (auch im Krankenhausalltag) erleichtern kann und ob das die Zukunft in der Patientenkommunikation ist.

Themenseiten: Digitalisierung, E-Health und Patientenkommunikation

HCM: Frau Kelly, was hat Sie dazu bewegt, Minxli zu gründen? 

Kelly: Die Idee für Minxli entstand durch eine Reihe persönlicher Erfahrungen: Ich verbrachte viel Zeit auf Geschäftsreisen und hatte kaum die Gelegenheit einen Arzt aufzusuchen, wenn ich krank war oder einfach nur eine Frage hatte. Aber der entscheidende Punkt, der mich dazu brachte, die Idee in die Tat umzusetzen, war der Schlaganfall meines Vaters. Von diesem Tag an war er auf die Unterstützung meiner Mutter angewiesen. Er musste sich mehreren medizinischen Tests unterziehen und brauchte jemanden, der ihn zur Arztpraxis begleitete. Manchmal mussten meine Eltern lange Entfernungen auf sich nehmen, nur um fünf Minuten mit dem Arzt zu sprechen. Unsere Aufgabe bei Minxli ist es, die Gesundheitsversorgung leichter zugänglich zu machen, nicht nur für meine Eltern, sondern für alle Patienten, die eine ärztliche Beratung benötigen – von zu Hause aus, während Geschäftsreisen oder im Büro.

HCM: Wenn Sie Minxli in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würden Sie das tun? 

Kelly: Minxli ist der virtuelle Patientenservice für die Arztpraxis von morgen – als Herzstück des Praxismanagements verbinden wir Menschen und Gesundheitsexperten für virtuelle Termine und sonstige Services rund um das Arztgespräch für hochqualitative Gesundheitsversorgung, Effizienz und Flexibilität.

Entlastung für den Krankenhausarzt

HCM: Wie sieht die ideale Nutzung von Minxli am Beispiel eines Krankenhausarztes aus? 

Kelly: Wenig Schlaf, hoher Druck, wenig Freizeit – so sieht der Alltag vieler Krankenhausärzte meist aus. Digitale Tools wie Minxli entlasten den Krankenhausarzt, bringen ihm mehr Effizienz und Flexibilität, was wiederum für mehr Work-Life-Balance sorgt. So kann z.B. der Ablauf einer Operation in einem Vorgespräch via Videosprechstunde mit dem Patienten besprochen werden. Und auch nach der OP lässt sich dank Telemedizin der Genesungsverlauf des Patienten häufiger und regelmäßiger überprüfen. Etwaige Komplikationen werden so schneller erkannt und behandelt. Die Minxli-App bietet zudem den Vorteil, dass sich die Ärzte in einem Konsil mit Kollegen aus allen Fachbereichen austauschen und gegenseitig beraten können. Bei schwierigeren Fällen kann sich der Krankenhausarzt damit unkompliziert eine Zweitmeinung einholen und in einem Chat sogar Röntgenbilder oder andere Aufnahmen austauschen. Auch die Abstimmung zwischen ambulantem Arzt und dem Krankenhausarzt, z.B. bei einer Überweisung oder Entlassung, wird erleichtert. Im Expertenkonsil bei Minxli können die beiden besprechen, ob eine Überweisung wirklich notwendig ist, wichtige Informationen zum Patienten oder sich betreffend einer Anschlussbehandlung austauschen.

1,99 Euro pro Gespräch

HCM: Welche Investitionen müssen Einrichtungen tätigen, die auf Minxli setzen möchten? 

Kelly: Die Minxli-App ist sowohl für Patienten als auch für Gesundheitsexperten im App Store oder bei Google Play kostenlos herunterzuladen. Ärzte können dann ihr Profil einrichten, andere Kollegen kontaktieren und mit diesen kostenlos via Chat oder Videotelefonie kommunizieren. Für Patientengespräche sind 1,99 Euro/Gespräch vom Arzt oder der Klinik zu entrichten. Dazu müssen sich Ärzte und Gesundheitsexperten zunächst verifizieren – durch Einreichung der ärztlichen Zeugnisse, Berufsurkunde oder eines amtlichen Zertifikats. Seit dem 1. April 2017 können Ärzte die telemedizinische Beratungsleistung wiederum im Rahmen der Gebührenordnung abrechnen.

  HCM: Steht bereits eine Weiterentwicklung von Minxli an?  

Kelly: Wir haben bisher sehr positives Feedback von Ärzten erhalten, die mit unserem Service arbeiten. Das hat uns gezeigt, dass digitale Lösungen bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung zu einem verbesserten Gesundheitssystem sind. Sie bringen Effizienz, sorgen insgesamt für eine bessere Versorgung und senken zudem Kosten. Wenn wir Technologien im Gesundheitswesen richtig einsetzen würden, könnten wir etwa ein Zehntel der Kosten einsparen. Doch die Reise in eine Welt, in der Ärzte und Patienten virtuelle Services in ihr tägliches Leben integrieren und dadurch unterstützt werden, hat gerade erst begonnen. Wir bei Minxli haben es uns zum Ziel gesetzt, diese Entwicklung voranzutreiben. Als digitaler Berater mit einem ganzheitlichen Blick auf den Gesundheitsmarkt unterstützen wir Ärzte und Patienten dabei, digitale Lösungen umzusetzen. Das übergeordnete Ziel ist für uns eine bessere gesundheitliche Versorgung.

Luft zum Atmen für die Videosprechstunde

  HCM: Wo sehen Sie die Arzt-Patientenkommunikation in drei Jahren? 

Kelly: Die Situation im Gesundheitswesen wurde von der Bundesärztekammer sehr treffend beschrieben: Allein in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung kommt es jährlich zu mehr als einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten. In den Krankenhäusern erhöhte sich die Zahl der Behandlungsfälle in den letzten zehn Jahren um mehr als 2,5 Millionen auf fast 19,8 Millionen. Da die Deutschen immer älter werden, ist ein Ende dieser Entwicklung nicht in Sicht. So warnt der BÄK-Präsident:Unsere Gesellschaft altert, und die Ärzteschaft altert mit. Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“. Was bedeutet das? Wir müssen dringend handeln um eine stabile gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten. Digitale Lösungen können die Arzt-Patientenkommunikation verbessern und sie auf die bevorstehenden Hürden im Gesundheitswesen vorbereiten. Das Bewusstsein, dass die Digitalisierung unser Gesundheitswesen positiv verändern wird, ist bereits größer geworden. Ärzte wie Patienten sind immer offener für virtuelle Services. Ich glaube aber auch, dass sie die persönlichen, physischen Gespräche nicht ersetzen. Bis in drei Jahren werden digitale Services und persönliche Arztbesuche Hand in Hand gehen. Jedoch geht die Entwicklung nicht so schnell voran, wie es notwendig wäre. Frau Zypries sagte dazu: Man müsse es schaffen, Hemmnisse abzubauen und Innovationen Luft zum Atmen zu geben. Diese Luft zum Atmen wäre für die Videosprechstunde wünschenswert, damit sich neue Formen der Arzt-Patientenkommunikation in den kommenden Jahren weiter entfalten.

Die Fragen stellte Bianca Flachenecker.

Verwandte Inhalte
© hcm-magazin.de 2017 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen