Nachlese zum 8. Beschaffungskongress der Krankenhäuser „Die Schnecke nimmt langsam Fahrt auf“

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Digitalisierung, Einkauf und Telemedizin

Mehr als 500 Teilnehmer trafen sich beim 8. Beschaffungskongress der Krankenhäuser Anfang Dezember in Berlin. Im stilvollen Ambiente des Hotel de Rome standen dabei u.a. Investitionen und Finanzierung, Organisations- und Prozessoptimierung, Innovationsmanagement in Einkauf und Logistik sowie IT und Digitalisierung im Fokus. Dass letztere in der Gesundheitsbranche immer noch hinterherhinkt, war schnell klar – die Suche nach Lösungen wurde zum großen Diskussionsfeld.

Fast auf den letzten Platz besetzt startete der 8. Beschaffungskongress der Krankenhäuser im festlichen Saal des Berliner Hotels de Rome. Michael Moise von Nestlé Deutschland stellte die Optimierung von Einkauf und Logistik durch Kommunikationsstandards und Prozessmanagement vor. – © Carolina Heske

Kaum hatte Dr. Klaus von Donanyi, Vorsitzender des Beirats der Wegweiser Media & Conferences GmbH die zweitägige Veranstaltung eröffnet, machte Ingo Wolters klar: „Die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche hinkt hinterher. Und es wird noch länger dauern, bis wir von einer Flächendeckung reden können“, so das Mitglied der Geschäftsführung von GS1 Germany. Es gebe dem Thema gegenüber eine so hohe Ablehnungsquote wie in keiner anderen Branche, obwohl als besondere Treiber u.a. externe Partnerund die Effizienz interner Prozesse dienen könnten. „Es ist alles vorhanden, man muss sich dem nur bedienen!“

Zweifel am Weg zum Krankenhaus 4.0

Diese Schere wurde am selben Tag z.B. im Fachforum „Krankenhaus 4.0 – Was bedeutet das für Einkauf und Logistik“ deutlich. „Die Möglichkeiten sind da“, bestätigte etwa Antje Niemeyer von IBM, deren Unternehmen das kognitive Computersystem Watson entwickelt und längst erfolgreich erprobt hat. „Dr. Watson“ versteht die menschliche Sprache, kann Texte interpretieren und auswerten, aus diesen Informationen auch Handlungsempfehlungen für Ärzte ableiten. „In ein, zwei Jahren wird Watson sicher auch OPs auswerten können“, so die Prophezeiung.

Bei aller Faszination dafür kamen im Auditorium aber prompt Zweifel auf. „Wir haben furchtbare Defizite bei der IT, sind noch lange nicht bei 4.0″, so ein Klinikchef aus Dresden. Ein anderer Zuhörer führte das Fehlen durchgehender elektronischer Patientenakten als Hürde an. Auch auf dem Podium gab es Bedenken. „Mitarbeiter müssen solche Geräte bedienen können, um beim Vorwärtstrend zu funktionieren“, meinte Martin Merkel, Leiter Zentraler Einkauf bei edia.con, „außerdem müssen wir auf die Refinanzierung achten.“

„Es wird immer noch Routine diskutiert“

Das ließ Adelheid Jakob-Schäfer nicht gelten: „Es gibt längst etablierte Standardprodukte, aber diese Routine wird immer noch diskutiert! In zehn Jahren läuft die Bestandsbestellung automatisch“, führte die Generalbevollmächtigte Einkauf und Logistik der Sana Kliniken an. Ferner: „Die Verhältnisse ändern sich. Ältere Chirurgen meinen, neue Technik nicht mehr lernen zu müssen – die jungen Kollegen dagegen können kaum mehr konventionell operieren.“

Wie also können Lösungen aussehen? „Wir müssen gerade die jungen Mitarbeiter mitnehmen“, sagte Merkel. Und Antje Niemeyer glaubt: „Die Revolution wird von iPhone-Anwendungen ausgehen, die sich Zusätze selbst runterladen, wo dann niemand mehr nach fragt – auch nicht nach dem Datenschutz.“

„Just do it!“

Allerbeste Laune herrschte beim Workshop „IT-Entwicklungen – Krankenhauseinkauf der Zukunft“, obwohl Geldmangel und technische Probleme das Thema beherrschten. „Die Schnecke nimmt langsam an Fahrt auf“, scherzte Helmut Drummer vom Diakonie-Klinikum Stuttgart (rechts) neben Moderator Markus Wild (Geschäftsführer Prospitalia). – © Carolina Heske

Ähnlich knüpfte daran der Workshop „IT-Entwicklungen – Krankenhauseinkauf der Zukunft“ an. „Das Thema wird vor sich her getrieben“, stellte Robert Arnold vom Klinikum Fürth fest. Ein Problem sei auch, dass insgesamt Stammdaten fehlten, man könne im OPoder am Patienten nur scannen, wozu es überhaupt Daten gebe, Ergebnis – zwangsweise lückenhaft. „Es sind auch zu viele Null-Lösungen entwickelt worden“, pflichtete Oliver Zumbel von ProSpitalia bei.

Claus B. Burdach vom Klinikum Region Hannover zog dann an, das dazugehörige Management sollte befördert werden: „Wir müssen jetzt mal alles umsetzen, was da ist, just do it!“ Worauf sein Podiumsnachbar Helmut Drummer leicht den Kopf schüttelte: „Also ich kenne keine Branche, deren Führungskräfte so wenig Führungskraft haben …“ Szenenapplaus für den Fachmann des Diakonie-Klinikums Stuttgart, der nachsetzte: „Die deutschen Krankenhäuser sind ‚schon‘ zu 36 Prozent digitalisiert, in den nächsten zwei Jahren sollen ganze zwei Prozent dazukommen. Da würde ich mal sagen: Die Schnecke nimmt langsam Fahrt auf.“

So funktioniert digitale Optimierung

Voll in Fahrt hingegen ist bereits ein Projekt, das am St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn realisiert wird. „Entlastung der Pflegenden durch Transportlogistik“, so der Titel des Workshops. Am Anfang stand das Problem, dass die Wege der Mitarbeiter über Flure und Stockwerke zu lang waren, in Folge die Abwesenheitszeiten auf den kardiologischen Stationen zu hoch. Seither läuft eine digital gesteuerte Umstrukturierung. Hilfe brachte u.a. ein gezielt entwickeltes IT-Programm, unterstützt von Smartphones, inklusive Mitarbeiterschulung und der Einkauf besserer Rollcontainer.

Die spannenden Zahlen, die Pflegedirektor Andreas Göke dazu präsentierte, überzeugten: Im Jahr 2015 waren seine Kollegen von 38.000 Dienststunden allein 32.000 Stunden lang am Laufen. Trotzdem gab es 6.000 Stunden Stillstand, wenn Prozesse hakten. Durch die Optimierung spart sein Haus inzwischen an allen Ecken, von Zeit bis Geld. Vor allem: „Die Mitarbeiter sind entlastet und fühlen sich auch so.“

Beste Diskussionen mit mehr als 60 Fachreferenten

Die mehr als 60 fachkundigen Referenten aus Gesundheitsversorgung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sorgten beim perfekt organisierten Kongress auch am zweiten Tag in vielfältigen Programmformaten – insgesamt  vier Plenumsveranstaltungen, sechs Fachforen sowie 15 Workshops bzw. Round-Tables – für beste Diskussionen.

Unter anderem ging es um uneinheitliche Preise für Medizinprodukte im einheitlichen Europa und die Funktion des Einkäufers im Wandel bis hin zu Details wie Verzahnung von Controlling und Einkauf, Technik von Permanent-Inventur-Lagerplätzen oder EU-Richtlinien, Krankenhausstrukturgesetz und das neue Vergaberecht .