Personal&Führung -

Kommentar Die Rolle der Führungskraft nach Corona

Ich kann es kaum glauben, plötzlich sind alle zum Wertschätzer geworden. Zuschauerrelevant werden Blumensträuße zum Dank an die Pflegenden ausgegeben. Am Abend klatschten die Nachbarn zum Dank und als Zeichen der Wertschätzung, live in den Nachrichten übertragen. Die Pflege wird zum systemrelevanten Beruf erklärt.

Aber, wie geht es weiter, wenn die Zeiten wieder normaler werden? Ergreifen Führungskräfte die Chancen, die sich ihnen bieten? An dieser Stelle passen Gedanken vom Zukunftsforscher Matthias Horx, der sich zum Thema „Die Zukunft nach Corona“ in einem Online-Meeting auch dazu geäußert hat: „Jetzt kann die Welt neu gestaltet werden und dabei wandeln wir uns selbst.“

Was habe ich aus diesem Event mitgenommen?

„Krisen können spalten. Ja, aber sie sind immer auch als Chancen zu sehen.“ „Miteinander und gemeinsam verändern.“ „Orientierung für Mitarbeitende geben, dazu vielleicht jetzt das eigene Mindset ändern.“ „Veränderungen entstehen, wenn wir etwas erleben.“ … Das heisst für mich, wenn nicht jetzt die Chance zur Veränderung wahrnehmen, wann dann?

Trotzdem frage ich mich, warum erst jetzt? Ist es nicht eine der wesentlichen Führungsaufgaben, sich um die Mitarbeiter zu kümmern, ihnen zuzuhören, sie zu informieren und zu motivieren, sie wertzuschätzen?

Aber allen Behauptungen von der alles umwälzenden Krise zum Trotz, gelten nach wie vor die alten Regeln,

  • Erstens werden die sogenannten Care-Berufe nur so lange systemrelevant gefeiert, solange es nicht ums Geld geht.
  • Zweitens gelten gesellschaftspolitische Errungenschaften als Luxusgut und werden nur so lange als systemrelevant gefeiert, wie es wirtschaftlich bergauf geht.
  • Drittens sollen die Kleinen erst dann gerettet werden, wenn die Großen sicher sind (Matthias Daum in der ZEIT vom 8. April 2020).

Insofern bleibt es spannend, gerade und insbesondere aus Sicht der Führungskräfte. Wie ist mit Mitarbeitern umzugehen, die bald erkennen müssen, das sich die Geldfrage zur „Gretchenfrage“ herauskristallisieren wird. Denn dem Großteil der Healthcare-Einrichtungen ging es vor der Coronakrise schon nicht gut. Ein wirtschaftliches Bergauf war in den meisten Fällen nicht zu erkennen. Und werden die Großen (Ärzte) die Rettung der Kleinen (Pflege) zulassen?

Wie verhalten sich in dieser Situation die Sozialpartner? Schaffen sie es gemeinsam, gewonnene Pfründe aufzugeben, weil es dem Ganzen dient? Darüber sollte vor Ort diskutiert werden dürfen, ohne Vorgaben von Politik und Gewerkschaften – entscheiden sollten das doch die Menschen im jeweiligen Unternehmen, weil sie doch wohl am besten wissen, was für das jeweilige Haus gut ist. Oder?

Vielleicht ist aber auch in erster Linie die Politik gefordert, die ja gerade in Zeiten von Corona die Kommunikation neu für sich entdeckt hat. Transparente Informationen wohin man sieht, fast so, als ob es einen Überbietungskampf der politisch Verantwortlichen gibt. Warum nicht gerade jetzt der Bevölkerung erklären, dass unser Gesundheitssystem Geld benötigt: Geld für bauliche Infrastruktur, Geld für technische Ausstattung und Geld für die systemrelevanten Berufe.

Man verlangt von den Führungskräften Ehrlichkeit, wie schön wäre es, wenn die Politik weiter mutig bleibt und auch ehrlich ist.

Unsere Politiker stehen vor einer schwierigen Entscheidung

Sollen sie die Produktion systemrelevanter Artikel wieder aufbauen? Sollen sie dafür sorgen, dass hier Geld investiert wird? Die Frage ist doch: Was geschieht, wenn alles vorbei ist? Kaufen die Beschaffer dann wieder die Maske aus China, weil sie unter normalen Verhältnissen 30 Cent billiger ist? Es wird sich dann zeigen, was die Kliniken und die Politik gelernt haben (Ingo Malcher in der ZEIT vom 8. April 2020).

Wenn Pflegepersonal oder Schutz­ausrüstungen „ausgehen“, dann ist wirklich Krise angesagt. Aktuell sind das die alles entscheidenden Engpässe.

Für die Bevölkerung in Deutschland heißt das im Umkehrschluss, dass „Gesundheit Geld kostet.“ Und wenn nicht jetzt, wann sonst haben wir die Möglichkeit, einen großen Schritt in eine andere Zukunft zu machen? Machen wir uns also gemeinsam auf den Weg!

Aber zurück zu den Führungskräften

Wir alle wissen, was die Geführten erwarten, nämlich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das Vertrauen zu den Geführten ist aufzubauen, die Führungskräfte müssen hier zwingend in Vorleistung gehen. Dabei kann es manchmal auch helfen, das eigene Mindset zu überdenken. D ie Führungskräfte sind gefordert, man muss säen bevor man ernten kann.

Präsenz sei als Stichwort genannt, denn Führung muss man fühlen. Vorbild sein und Entscheidungen treffen, oder auch nur Danke sagen – so entsteht Wertschätzung – und Vertrauen kann aufgebaut werden.

Entscheidend ist auch, andere Formen der Zusammenarbeit zu finden und Homeoffice zulassen, wo möglich. Transparenz ist zu schaffen und neue Kommunikationsstrukturen sind zu etablieren. Wenn „Führen auf Entfernung“ in Zeiten der Krise funktioniert, warum dann nicht auch danach? Kontrolle oder Vertrauen, die Führung hat es in der Hand. Zuhören und Antworten geben, mitnehmen und einbeziehen. Und das bedeutet auch, dass viele Umgangsformen der betrieblichen Zusammenarbeit überdacht werden müssen – und das gilt für beide Seiten. Nicht nur fordern – es sind gemeinsame Lösungen und Maßnahmen zu finden. Aber das haben wir doch auch schon vor dem Virus gewusst, nicht wahr?

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